Danielle, Este und Alana Haim sind die Band Haim. Foto: Laura Coulson/Vertigo Berlinp

Haims "Something To Tell You"Das kalifornische Glitzern

von Nadine Lange0 Kommentare

Auf ihrem zweiten Album „Something To Tell You“ feiern Haim den Softrock der Achtziger und verbeugen sich vor Fleetwood Mac.

Treffen mit Vorbildern sind so eine Sache. Zeigt sich das Idol muffelig oder auf einer anderen Wellenlänge als erwartet, ist es schnell vorbei mit Illusion und Inspiration. So war es nicht ganz ohne Risiko, als die Band Haim vor zwei Jahren in die Villa der von ihr verehrten Stevie Nicks eingeladen war. Doch es muss dann ganz gut gelaufen sein. Nicks gab den rund drei Jahrzehnte jüngeren Musikerinnen ein paar Tipps (Tagebuchführen!) und schenkte ihnen Ketten mit Mondanhängern. Der Höhepunkt des Besuchs in L.A.: Die drei Schwestern von Haim sangen mit Nicks den Fleetwood-Mac-Song „Rhiannon“. Es gibt einen verhallten Mitschnitt davon, wie sie zur Klavierbegleitung den dezenten Backgroundchor für die Diva geben.

Die Folgen der Audienz lassen sich nun auf „Something To Tell You“, dem zweiten Album der Haim-Schwestern Danielle, Este und Alana nachhören. Noch deutlicher als auf ihrem zu Recht hochgelobten Debüt „Days Are Gone“ von 2013 feiern sie den Sound von Fleetwood Mac, den kalifornischen Softrock der siebziger und achtziger Jahre. Schon das zweite Lied „Nothing’s Wrong“ ist eine große schwungvolle Verbeugung vor den Idolen. Vor allem im Refrain, wenn die Schwestern singen: „How could you tell me nothing’s wrong“/ (T-tell me)/ Tell me, tell me nothing’s wrong“, beschwört das zusammen mit dem Eighties-Synthie umgehend die Erinnerung an „Little Lies“ von Fleetwood Mac herauf, das eine ganz ähnliche „Tell me, tell me“-Bitte enthält.

Ariel Rechtshaid hat die elf Songs produziert

Ein zweiter herausragender Song, der stark vom „Tango In The Night“-Album der Vorbilder beeinflusst zu sein scheint, ist „You Never Knew“. Hier ähnelt Danielle Haims Gesang vor allem zu Beginn frappierend dem von Stevie Nicks. Doch wie das Trio auf geradezu berückende Weise flauschige Keyboard-Harmonien mit reduzierten Akustik- und E-Gitarren-Flittern, gehauchten Background-Chören und einer elastisch tänzelnd Basslinie verbinden, ist schon sehr eigen. Wobei der Bass die Mitwirkung eines prominenten Co-Songwriters verrät: Dev Hynes, der unter dem Namen Blood Orange drei kluge, genreverschmelzende Werke aufgenommen hat, hat hier mitgeschraubt.

Die elf wieder von Ariel Rechtshaid produzierten Songs beschränken sich häufig auf wenige Ideen, sie sind ganz auf den genauen Einsatz der Mittel konzentriert. Die vorab ausgekoppelte Single „Right Now“ dreht sich zum Beispiel lange auf der Stelle und wird dann von zwei Eruptionen erschüttert, ohne aber die gleich in der ersten Zeile angesprochene Frustration („Gave you my love, you gave me nothing/ Said what I gave wasn’t enough“) jemals auflösen zu können.

Liebe und Liebesfrust sind die ein Themen des Albums

Die Erzeugung von Dauerspannung ist ohnehin eine Spezialität des vor zehn Jahren gegründeten Trios aus Los Angeles. Das kann man auch im Titelstück beobachten. Haim lassen es auf gedämpften Gitarrensaiten dahinpluckern und durch donnernde Drum-Breaks immer wieder aufzucken, aber nie richtig abheben. Es wirkt wie ein endloses Vorspiel – kann man auch mal machen.

Liebe und Liebesfrust sind die Themen des Albums, wobei sich die Musikerinnen nicht gerade als tiefsinnige Texterinnen hervortun. Doch das schmälert die Freude an „Something To Tell You“ nicht, vor allem wenn sie sich den Gesang auf so betörende Weise teilen wie im Eröffnungsstück „Want You Back“. Danielle Haim leitet es ein, dann kommen ihre Schwestern fingerschnippend im Wechsel mit ihr dazu, und im Refrain wünschen sie sich alle zusammen, dass der Geliebte zurückkehren möge. Im Videoclip dazu laufen die drei eine leere Straße entlang. Außer ihnen ist kein Mensch unterwegs, der Himmel bewölkt – trotzdem ist man sofort gefesselt von den Frauen, ihrem Song und dem selbstbewussten Fußmarsch. Ein kalifornisches Glitzern geht von ihnen aus. Und man will ihr Album unbedingt an einem Sommertag in einem offenen Cabrio hören.

„Something To Tell You“ ist bei Vertigo/Universal erschienen.