Virtuelle Stars. Schlagzeuger Russel Hobbs, Gitarristin Noodle, Sänger Stuart „2D“ Pot und Bassist Murdoc Niccals sind die von Damon Albarn und Zeichner Jamie Hewlett erfundene Band Gorillaz. Ihr selbst betiteltes Debütalbum erschien 2001. Nach einer siebenjährigen Pause erscheint jetzt die fünfte Platte der Gruppe. Foto: Warner
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Gorillaz-Mastermind Damon Albarn „Was ich mir vorstelle, geschieht“

Amy Zayed
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Comeback der Comic-Band Gorillaz: Damon Albarn über seine hellseherischen Fähigkeiten, musikalisches Speed-Dating, einen gelangweilten Morrissey und das neue Album „Humanz“.

DAMON ALBARN: Wollen Sie ein Stück Schokolade?

Nach dem Interview gern.

(Auf Deutsch) Vollmilschschokolade schmeckt gut.

Wollen wir das Interview vielleicht auf Deutsch führen, Herr Albarn?

(Auf Deutsch) Ich kann ein bisschen, aber mein Deutsch ist nicht gut genug.

Ok. Dann kommen wir zum neuen Gorillaz-Album „Humanz“. Hatten Sie ein fertiges Konzept als Sie mit den Arbeiten begannen oder ist es eher langsam gewachsen

Das Konzept war schon vage da. Ich habe mir vorgestellt, wie die nahe Zukunft aussehen würde, wenn Donald Trump die Präsidentschaftswahlen in den USA gewinnen würde. Und wie es wäre, wenn wir dann plötzlich alle unsere Menschlichkeit verlieren würden und uns in digitale Geister verwandelten.

Und jetzt stimmt zumindest Ihre Trump-Vision, die ist Realität geworden ...

Ich habe mir während der Arbeit an dem Album oft gedacht, dass ich vielleicht besser damit aufhören sollte, weil es sonst noch wahr wird. Das passiert mir nämlich öfter mal, dass ich mir Dinge vorstelle, die dann eintreten. Manchmal sehe ich Dinge. Wenn man eine Platte macht, denkt man erst gar nicht darüber nach, dass die Welt anders sein wird, wenn sie rauskommt.

Sind die Songs etwa zur gleichen Zeit entstanden?

Eigentlich nicht. Sie waren zwar alle in der Essenz schon da, aber es gibt keinen Plan, wenn ich ein Gorillaz-Album mache. Mir war anfangs auch noch gar nicht klar, mit wem ich zusammenarbeiten würde. Ich hatte 40 oder 50 Leute im Kopf, mit denen ich gern mal kollaborieren wollte. Bei dem Song „Halleluja Money“, den Benjamin Clementine singt, wollte ich ursprünglich auch noch Rick Ross dabei haben. Der hätte dem Stück eine ganz andere Wendung gegeben, es wäre interessant gewesen, diese beiden Seiten zusammenzubringen. Aber irgendwie hatte er nie Zeit, etwas aufzunehmen. Also übernahm Benjamin Clementine den Großteil des Gesangs und ein bisschen kam von mir.

Haben Ihnen viele Sängerinnen und Sänger einen Korb gegeben?

Ja, einige. Der Mini-Song „Circle Of Friends“ sollte eigentlich ein längeres Stück mit Morrissey als Gastsänger werden. Aber mit ihm hab ich nur ein paar lächerliche E-Mails ausgetauscht, dann hatte der keine Lust mehr. Dionne Warwick habe ich gerade mal einen Song auf dem Klavier vorgespielt, dann war schon klar, dass sie nicht mitmachen würde. Für mich sind ein ähnlicher Blick auf die Welt und eine gewisse Sympathie füreinander die Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit. Irgendwie habe ich gedacht, dass Morrissey und ich ähnlich ticken, aber… hey, er hat ja noch nie mit jemandem zusammengearbeitet.

Manchmal klickt es einfach nicht.

Genau. Bei Sade war es ähnlich. Da habe ich so darauf gehofft, dass sie mitmacht und alles probiert, um sie bei dem Stück „Andromeda“ dabeizuhaben. Es hat nicht geklappt. Letztlich sind solche Absagen aber nicht schlimm, denn es gibt immer jemand anderen oder ich mache es eben selbst. „Andromeda“ habe ich dann noch mit Christine And The Queens, Rag’n’Bone Man und einigen anderen ausprobiert, aber nichts hat funktioniert. Am Ende bin ich wieder zum Ursprung zurückgegangen und habe ihn allein gesungen

Wie läuft das bei den Hip-Hop-Tracks? Haben Sie die Rap-Parts für Pusher T und D.R.A.M. geschrieben?

Nein, das ist nicht mein Gebiet, auch wenn ich es liebe. Die Rapper schreiben ihre Texte selbst. Es macht ohnehin mehr Spaß, wenn mehr Köpfe ihren Kreativgeist einbringen

So wird es auch zum Song der Gäste.

Ja. Ich habe kürzlich an einem tollen Popsong von Mura Masa mitgewirkt. Er wollte, dass ich einen Teil singe, den er geschrieben hatte. Aber ich bestand auf meinem eigenen Text, was am Ende zu einem besseren Song führte.

Bei dem Stück „Submission“ ist die amerikanische Neo-R’n’B-Musikerin Kelela dabei. Wie kamen Sie auf sie?

Bei ihr muss ich zugeben, dass ich sie gar nicht selber ausgesucht habe, sondern mein Kumpel Remi Kabaka. Er war maßgeblich an der Auswahl der Gäste beteiligt. Ich bin sehr froh, dass Kelela dabei war. Sie ist wirklich toll.

Wie nehmen Sie Kontakt zu Ihren Wunschsängerinnen und -sängern auf?

Erst schreibe ich einen handschriftlichen Brief und wenn sie drauf antworten, telefonieren oder skypen wir. Dann kommt es erst zum eigentlichen Akt. Es ist eine Art musikalisches Speed-Dating.

Bei De La Soul war das nicht nötig. Mit den US-Hip-Hop-Legenden haben Sie ja sogar schon öfter zusammengearbeitet.

Sie sind die Einzigen, die ich mehr als einmal gefragt habe. Ich sehe sie oft, wir sind ja befreundet. Sie waren gerade in London, als ich das Album aufgenommen habe und Posdnuos wollte mitmachen.

Damon Albarn, 49, schreibt die Musik der Gorillaz. Foto: Sonja Niemeier
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Die Gorillaz sind ja eine Band, die aus Comicfiguren besteht. Gezeichnet werden sie von Jamie Hewlett, der sich eine ganze Parallelwelt ausgedacht hat. Was ist Ihre Rolle dabei?

Mir ist wichtig, dass die Charaktere ihren Freiraum haben und selbstständig handeln können. Je mehr desto besser. Gerade haben sie zum Beispiel ihr erstes Live-Interview gegeben. Bassist Murdoc kann sagen, was er will. Er ist eine Comicfigur, er kann sich lächerlich machen, ich nicht! Es soll einfach ein bisschen Spaß machen und einen gewissen Ausgleich schaffen zu all den schlimmen Dingen, die um uns herum passieren.

In den neuen Videos sieht man, dass die Gorillaz in einem Geisterhaus entführt worden sind – und zwar ins All. Was passiert mit ihnen?

Es wird schon irgendwie weitergehen. Darüber muss ich mir keine Sorgen machen. Ich bin ja nicht in deren Welt.

Nicht mal ein Gast?

Ich existiere überhaupt nicht für die. Die leben in ihrem eigenen Universum. Ich habe versucht, dorthin vorzudringen, aber sie lassen mich einfach nicht.

Gorillazerfinder: Zeichner Jamie Hewlett und Musiker Damon Albarn. Foto: Linda Brownlee
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Es gibt auch eine App zum „Humanz“-Album. Wie funktioniert die?

So richtig habe ich das auch noch nicht verstanden. Ich habe nämlich noch ein Neunziger-Jahre-Handy mit Tasten und so.

Dieses Ding, mit dem Sie mal ein legendäres Telefoninterview geführt haben?

Ja. Das war sehr witzig. Ich war in einer Bar und sollte dort dieses Telefoninterview machen. Der Moderator der Sendung rief an, ich holte mein Uraltgerät raus, und wir fingen an zu reden. Auf einmal springt mich eine Frau, die gegenüber gesessen hatte, an, legt ihre Beine um mich, und steckt mir die Zunge in den Hals. Mitten im Interview! Ich dachte nur: Oh Gott! Wie komme ich da bloß wieder raus? Der Moderator hat sich kaputtgelacht.

Was steht für Sie als Nächstes an? Ich habe gehört, dass Sie wieder mit der Supergroup The Good, The Bad And The Queen zusammenarbeiten, mit der Sie 2007 ein vielgelobtes Album veröffentlicht haben.

Stimmt. Es gibt ein neues Album, es ist schon zu drei Vierteln fertig.

Das Gespräch führte Amy Zayed.

„Humanz“ erscheint am 28. April bei Warner. Soundinstallation „Gorillaz Spirit House Experience“: 28. bis 30. April, 12–20 Uhr, Kaufhaus Jandorf, Brunnenstr. 19–20.

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