Jörg Baberowski im Oktober 2015 Foto: Imagop

Gewaltforscher Jörg Baberowski Der Stalin-Experte als Politikberater

Tobias Bütow
9 Kommentare

Jörg Baberowskis Gewaltforschung lässt uns die Massenmorde des 20. Jahrhunderts besser verstehen. Doch die Politikberatung des Historikers stiftet Unfrieden im 21. Jahrhundert.

Seine Vorlesungen am Berliner Hausvogteiplatz waren überfüllt. Oft saßen wir auf dem Boden. Die Bewunderung, die wir Anfang des 21. Jahrhunderts für diesen frechen wie frischen Neuankömmling im Berliner Hochschulbetrieb empfanden, war enorm. Jörg Baberowski konnte uns das 20. Jahrhundert erklären. Er spielte Musik auf der Klaviatur der Geschichtstheorien, spielte Squash mit den Argumenten von Kollegen und rief zur Revolution auf. Nicht immer wussten wir, von welcher Revolution die Rede war, aber dass wir den Respekt vor der Vorgängergeneration besser schneller als zu langsam verlieren sollten, war einer seiner intellektuellen Coaching-Tipps. Im Colloquium saß nicht die deutsche Fachprominenz, wie an anderen Lehrstühlen, sondern es versammelten sich Russland-Historiker aus aller Welt. Baberowski arbeitete, las und schrieb viel. Je länger er in Berlin forschte, unterrichtete und Drittmittel akquirierte, umso schneller zuckte sein Augenlid bei den Vorlesungen.

Etwa in jenem Tempo, in dem er die Thesen mancher Kollegen an einer virtuellen Wand zerschmetterte. Bei ihm lernten die Studierenden, dass Politikwissenschaftler auch zu Oberflächlichkeiten neigten. Oder dass es Bielefeld auch in den Geschichtswissenschaften gar nicht gäbe. Denn der Bielefelder Geschichts-Star, Hans Ulrich Wehler, schrieb zwar gerne und viel, aber sein sozialhistorischer Ansatz könne nur wenig erklären. Jahre später unterrichtete ich selbst. Meine eigenen Lehrveranstaltungen waren von Baberowski inspiriert - von „Jörg“, wie seine engste Entourage am Lehrstuhl ihn nennen durfte. Dazu gehörte ich nie. Die akademische Inspiration – und, ja, Dankbarkeit - minderte dies nicht. Doch heute, viele Bücher, Vorträge und Interviews später, scheint der Experte der Geschichte an der Gegenwart zu verzweifeln.

Debatten jenseits der Geschichtswissenschaft

"Deutschland zerbricht“, so Baberowski unlängst, und deshalb wagt sich der Berliner Professor, dessen neues Buch "Räume der Gewalt" gerade erschienen ist, als „Bürger“ auf ihm wissenschaftlich unbekanntes Terrain. Er versucht die Gegenwart und die Flüchtlingskrise historischen Ausmaßes zu analysieren. Inkompetenz wittert er nicht mehr nur in den Politikwissenschaften, sondern auch im Bundeskanzleramt. Zur Gewalt gegen Flüchtlinge in Tröglitz oder Heidenau befragt, nimmt er die Gewalttäter gleichsam in Schutz: "Überall, wo Bürger nicht eingebunden sind, kommt es natürlich zu Aggression." Merkel bräche ihren „Amtseid“. Vorwürfe, dass er der extremen Rechten angehöre, mehren sich. Auch in französischen Blogs und Online-Foren ist davon die Rede. Hoffentlich ist das eine Fehlwahrnehmung im Eifer der politischen Debatte. Baberowski selbst ist davon überzeugt, Verfechter einer offenen Gesellschaft zu sein.

Der über die Grenzen seines Fachs einstmals angesehene Historiker will Debatten jenseits der Geschichtsseiten prägen – und verspielt peu à peu sein akademisches Renommee. Verhebt sich Baberowki bei seinem Ausflug in die Gegenwart an den Schwerkräften des 21. Jahrhundert?

Nicht nur Baberowskis Interventionen, auch die medienstarke Präsenz des Staatshistorikers Heinrich-August Winkler wirft eine grundsätzliche Frage unserer Debattenkultur auf: Sind Nationalhistoriker eigentlich ausgebildet, die komplexen Themen des 21. Jahrhunderts zu verstehen, zu analysieren und zu vermitteln? Kann jemand, der Deutschland oder Russland im 20. Jahrhundert überzeugend erklärt, im Handumdrehen die europäischen Komplexitäten im Globalisierungs-Zeitalter erfassen? Natürlich nicht. Wer Vergangenheit versteht, muss noch lange nicht auf die Kernfragen der Zukunft vorbereitet sein.

Sein historische Gewaltforschung lässt uns die Massenmorde, Massaker und Verbrechen des 20. Jahrhunderts besser verstehen. Doch die Politikberatung des Historikers stiftet Unverständnis im 21. Jahrhundert. Und Unfrieden.


Zur Startseite