Ahnenporträt der Ding Familie. Ein unbekannter Künstler malte das Bild im 19. Jahrhundert. Foto: Royal Ontario Museum/Brian Boyle
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„Gesichter Chinas“ im Berliner Kulturforum Der Kaiser mit dem Kirschblütenzweig

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Faszinierende Porträtmalerei: Die Ausstellung „Gesichter Chinas“ im Berliner Kulturforum ermöglicht einen tiefen Einblick in die chinesische Kultur.

Kostbare Kleidung tragen sie beide, Yang Woxing, der Gelehrte und Beamte aus der Ming-Dynastie, und die vornehme Dame aus Genua. Er das typische rote Gewand der höheren Beamten mit dem quadratischen Rangabzeichen in Form einer Tierdarstellung auf der Brust. Und die Dame trägt schwarz, mit kostbaren Spitzen am Hals und an den Ärmeln. In der Hand hält sie einen asiatischen Faltfächer. Gemalt hat sie Anthonys van Dyck um 1622, der Künstler des Beamten aus dem 17./18. Jahrhundert ist unbekannt. Yang Woxing ist in Frontalansicht auf Seide gemalt, die Dame halb seitlich in Öl und in dunklen Farben. Die Gegensätze könnten nicht größer sein, doch beide haben eines gemeinsam: Sie setzen ihre Füße auf Teppiche aus dem islamischen Kulturkreis. Die waren damals modern und in beiden Ländern beliebt.

Mit diesem Denkanstoß beginnt die prachtvolle Ausstellung „Gesichter Chinas. Porträtmalerei der Ming- und der Qing-Dynastie (1368-1912)“, die zum ersten Mal in Europa die bisher auch in China wenig beachtete Porträtmalerei zeigt – mit erstaunlichen Ergebnissen. Die Ausstellung entstand in enger Kooperation mit dem Palastmuseum in Peking und dem Royal Ontario Museum in Toronto.

Insgesamt sind über 100 Meisterwerke sowie Leihgaben aus dem Ethnologischen Museum Berlin und dem Asiatischen Museum Berlin versammelt. Dessen Direktor Klaas Ruitenbeek, zuvor Kurator in Toronto, hat die Schau im Rahmen der Feierlichkeiten zum 45-jährigen Jubiläum diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und China zusammengestellt, auf zwei Ebenen im Museum am Kulturforum.

Der Kaiser ließ sich gerne als gebildeter Mensch darstellen

Die Gegenüberstellung zu Beginn soll keinen europäisch-chinesischen Kulturvergleich einleiten, sondern den Blick schärfen und sensibilisieren. Seit 2000 Jahren malen die Chinesen äußerst kunstvolle Porträts, dennoch hat man sich bisher weder in China noch in Europa sonderlich dafür interessiert. Es ist die Landschaftsmalerei, die in der chinesischen Tradition seit dem 11. Jahrhundert als höchste Kunst gilt, bis heute dominiert sie die Rezeption.

Die Porträtmalerei erlebt dennoch in der Ming-Dynastie ab Mitte des 16. Jahrhunderts eine Blüte, dank der florierenden Wirtschaft, intellektueller Offenheit und Kontakten zum Westen. Dabei werden zum einen die Ahnen für besondere Anlässe lebensgroß gemalt, zum anderen porträtieren namhafte Künstler Persönlichkeiten der Oberschicht. In der oberen Ausstellungshalle am Kulturforum sind vor den Beamten- und Literatenbildnissen die kaiserlichen Konterfeis zu sehen – und die dazu gehörenden kostbaren Gewänder aus dem Palastmuseum Peking.

Auf einer wunderbaren Hängerolle sieht man den hohen Beamten Zhou Maoshi vor einem Ahnenbild knien, auf dem sein Vater und dessen beide Ehefrauen dargestellt sind, alle in klassischen roten Gewändern. Vor dem Rollbild steht ein Opfertisch, wie es sich beim Ahnenkult geziemt. Zhou Maoshi hat sich dann selber noch einmal entspannt in einem Garten malen lassen. Die Frontalansicht stammt von zwei Künstlern: Der eine malte die Landschaft, der auch hier große Sorgfalt gewidmet wurde, ein zweiter, oft weniger bekannter Künstler fertigte das eigentliche Porträt an – mit minutiösen Details. Faszinierend auch die beiden realistischen Porträts der Kaiserinwitwe Xiaozhuaweng (17./18. Jahrhundert) in informeller Kleidung, die offenbar als Vorstudie zu dem lebensgroßen Prunkporträt dienten, das sie in vollem Ornat und mit Phönixkrone zeigt.

Selbstbildnis des Künstlers Ren Xiong. Tuschezeichnung aus dem Palastmuseum, um 1856. Foto: The Palace Museum / Yu Ningchuan
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Sowohl die Kaiser als auch die hohen Beamten ließen sich gerne als gebildete Menschen darstellen. Als Politiker, die sich bei Kunst und Literatur entspannen wie etwa Kaiser Qianlong, der sich in der Hängerolle „Eins oder Zwei?“ beim Betrachten von Antiquitäten malen ließ. Hinter ihm an der Wand hängt eben dieses Porträt. Ein weiteres Wandbild mit Kirschblütenzweig hat der Kaiser selbst hinein gemalt. Immer wieder begegnet man Beamten, die gleichzeitig auch Gelehrte oder selber Künstler waren. So hatte etwa Zhang Han (1511– 1593) seine Beamtenlaufbahn um 1570 in einer Querrolle mit Tusche auf Papier festgehalten und feinsinnige Erläuterungen beigefügt sowie Bemerkungen in schönster Kalligraphie.

Die Toten gehörten zur Familie

Auch prominente Militärs wurden als Ahnenbilder gemalt. Dabei entstanden die Vorstudien der Köpfe schon in Öl, die großen Porträts wurden dann aber wieder mit Tusche erstellt. Hier sind Einflüsse von Jesuitenmalern wie Giuseppe Castiglione (1688-1766) erkennbar, sie sollten malen und nicht missionieren. Durch ihren Einfluss wurden die Gesichter etwas plastischer, dreidimensionaler. Auf den Literatenporträts wiederum werden die Dichter meist in einer Landschaft gezeigt, für die natürlich wieder ein großer Landschaftsmaler herangezogen wurde. Diese Bilder sind rundum mit zum Teil anrührenden Kommentaren über das Leben des Dargestellten von Familienmitgliedern oder Freunden versehen, die etwa die Poesie des Dargestellten preisen.

Im Untergeschoss im Kulturforum finden sich die großen Ahnenbilder von Familien. Auf den Ahnenbildern werden zu Lebzeiten die zu Ehrenden verewigt und nach dem Tod bei besonderen Festlichkeiten für ein paar Tage aufgehängt. Die Toten gehörten eben zur Familie. Auch die Dichter- und Künstlerporträts fungierten nicht als dauerhafter Wandschmuck, sondern wurden aufgerollt und gelegentlich Freunden gezeigt.

Fürst Dawaci. Den mongolischen Adeligen malte vermutlich Jean-Denis Attiret, um 1755. Foto: Schneider-Schütz/Ethnologisches Museum/SMB
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Einen Einblick in die Ahnenverehrung der gewöhnlichen Leute zeigt schließlich der Nachlass von 365 kleinen Porträts einer Malerwerkstatt aus der Provinz aus dem 19. Jahrhundert. Die Identität dieser Menschen ist nicht überliefert. Dazu hat der in China bekannte Fotograf He Chongyue heutige alte Dorfbewohner aus Shaanxi porträtiert und ihre Biografie dokumentiert. Im späten 19. Jahrhundert beeinflusste die aufkommende Fotografie die Malerei, wie zwei Porträts im fotorealistischen Stil belegen. Es waren übrigens Porträtmaler, die auch die ersten Fotostudios betrieben.

Die Ausstellung „Gesichter Chinas“ ermöglicht einen tiefen Einblick in die chinesische Kultur und ihre Philosophie der letzten 600 Jahre, die beiden ältesten Porträts stammen von 1420. Man braucht auch keine weiteren europäischen Beispiele, um sich zu vergegenwärtigen, wie in Europa zu dieser Zeit gemalt wurde. Der Blick nach China relativiert vieles und öffnet die Perspektive – auch Richtung Humboldt-Forum.

Sonderausstellungshallen am Kulturforum, bis 7. Januar 2018. Di, Mi, Fr 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr, Sa, So 11 – 18 Uhr. Katalog 49, 95 € (Michael Imhof Verlag)

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