Gefroren in Raum und Zeit

Nicola Kuhn
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Das Madrider Museum Thyssen-Bornemisza zeigt eine einmalige Ausstellung mit Memling-Porträts

Ein Dutzend Bilder nur, und doch ist diese Ausstellung eine Sensation: Nie zuvor waren so viele Porträts Hans Memlings (um 1435 bis 1494) zusammen zu sehen, ein Drittel seiner höchst fragilen, auf Holz gemalten Bildnisse. Nur selten werden sie von ihren heutigen Eigentümern ausgeliehen. Drei bedeutende Sammlungen mussten sich zusammentun, um andere für dieses außergewöhnliche Projekt zu gewinnen: die Sammlung Thyssen-Bornemisza in Madrid, das Groeningemuseum in Brügge und die Frick-Collection in New York. An allen drei Orten wird die Schau zu sehen sein, jedoch in jeweils unterschiedlicher Kombination, da kein Leihgeber bereit gewesen wäre, seinen Schatz auch nur über zwei Ausstellungsstationen hinaus zur Verfügung zu stellen.

Fast eine stille Feierlichkeit geht von dieser Konferenz der Bildnisse aus, die in einem einzigen Saal des neuen Traktes der Sammlung Thyssen-Bornemisza zu sehen sind – gleich neben der großen „Brücke“-Jubiläumsausstellung, die dagegen nur so vibriert vor Farben und Vitalität. Doch eine faszinierende Lebendigkeit strahlen auch die Porträts Hans Memlings aus, die vor über einem halben Jahrtausend entstanden und Menschen unserer Zeit zeigen könnten, würde man sich zu ihnen modernere Kleidung, eine andere Haartracht vorstellen. Gerade dieser Moment der unmittelbaren Kommunikation mit dem Konterfei eines fernen Fremden, der plötzlich so nah erscheint, waren auch das Erfolgsgeheimnis des in Seligenstadt bei Frankfurt geborenen Malers. Wie kaum ein anderer Künstler seiner Zeit war er als Porträtist gefragt. Hier fügten sich Talent und Entstehungsort auf glückliche Weise zusammen: Als Memling am 30. Juni 1465 das Bürgerrecht in Brügge erwarb – der erste gesicherte Nachweis für seine Existenz –, war die Stadt einer der Hauptumschlagplätze für den internationalen Handel, an dem sich reiche Kaufleute niederließen und Abgesandte aus ganz Europa porträtieren ließen.

Von den zwölf gezeigten Gemälden ist nicht überliefert, wen genau sie zeigen, bis auf das Brügger Diptychon des Martin van Nieuwenhove, das den flämischen Patriziersohn in einem Doppelbildnis mit der Muttergottes zeigt. Bei dem „Mann mit der Münze des Kaiser Nero“ lässt sich gerade noch vermuten, dass es sich um den venezianischen Münzsammler und Humanisten Bernardo Bembo handelt, denn die deutlicher im Landschaftshintergrund ausgearbeitete Palme verweist auf sein Emblem. Im Moment der Betrachtung stellt sich allerdings kaum die Frage nach der konkreten Person, so überzeitlich abgehoben tritt sie dem heutigen Besucher entgegen. Der vermutliche Bernardo Bembo etwa erscheint völlig in sich versunken. Seine meditative Reglosigkeit spiegelt sich wider in einer Landschaft, die zwar eine konkrete Szene zeigt – zwei Schwäne im See, ein Reiter am Ufer –, aber ähnlich in der Zeit gefroren wirkt.

Rein kompositorisch hat Memling hier eine geniale Balance erzielt: der Porträtierte in Dreiviertelansicht vor einem fernen Ausblick ins Freie, der das Bild horizontal genau auf Höhe des Halses teilt. Die Madrider Ausstellung, die zugleich neue Forschungsergebnisse über Memlings Arbeitsweise präsentiert, rückt hier einiges gerade. Nachdem der Künstler lange Zeit nur als Adept seines Lehrmeisters Rogier van der Weyden sowie Jan van Eycks gerechnet wurde, vor allem bei seinen Madonnenbildern als lieblich-harmlos galt, wird hier nun in seiner originären Leistung gewürdigt. Mit Memling-Porträts im Gepäck brachten die nach Italien heimkehrenden Kaufleute seine besondere Kombination aus Dreiviertelbildnis und Landschaft über die Alpen, wo sie ein wichtiger Impuls für die Renaissancemalerei wurden – und nicht umgekehrt, wie bislang vermutet.

Die berührende, friedvolle Gesamterscheinung der Madrider Ausstellung mag an diesen wiederkehrenden Merkmalen liegen. Der Künstler platzierte seine Klienten nicht nur mit Vorliebe vor einer fernen, landschaftlichen Idylle, sondern ließ sie sich häufig mit einer Hand auf dem Bilder- oder Fensterrahmen abstützen, um Wahrhaftigkeit und Nähe noch zu steigern. Das helle Inkarnat vor den meist schwarzen Gewändern wirkt wie eine gereichte Hand. Der nach innen gerichtete Blick belässt die Porträtierten wiederum in ihrer Sphäre. Wohl deshalb vermag das Doppelbildnis des Martin van Nieuwenhove noch am wenigsten zu überzeugen: Seine fromme Zwiesprache mit der leibhaftigen Muttergottes, die ihrem Kind einen Apfel reicht, können wir Heutigen ihm nicht mehr glauben.

Madrid, Museum Thyssen-Bornemisza, bis 15.Mai. Brügge 7.6. bis 4.9., New York 6.10. bis 31.12.; Katalog 49,90 €.

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