Was bleibt, das bleibt, Grass bleibt. Mario Adorf im Garten des Lübecker Grass-Hauses vor der Skulptur "Butt im Griff". Foto: dpa
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Gedenkfeier für Günter Grass in Lübeck Alles Spielzeug der Welt nahm er mit

Gerrit Bartels
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John Irving erinnert sich an seinen Zorn von früher, Mario Adorf liest das Gedicht „Kleckerburg“, und Gerhard Schröder ist auch da: Wie Künstler und Politiker bei einer Gedenkfeier in Lübeck Abschied nehmen von Günter Grass.

Es herrscht eine Art Ausnahmezustand an diesem trüben Sonntagmorgen, da in Lübeck die Gedenkfeier für Günter Grass vorbereitet wird. Zumindest in der Glockengießerstraße, der „Mitschnackerstraße“, wie alteingesessene Lübecker noch sagen, weil diese Straße früher düster und heruntergekommen war und Kinder vor den „bösen schwarzen Männern“ gewarnt wurden. In der Glockengießerstraße liegt das Günter-Grass-Haus, hierher kommen gegen Mittag, bevor es ins Theater zwei Straßen weiter geht, die prominenten Trauergäste, um den Medien kurz Rede und Antwort zu stehen, Politiker wie Olaf Scholz, Hannelore Kraft, Monika Grütters oder Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, Schriftsteller wie Christoph Hein, Adolf Muschg oder Benjamin Lebert und Schauspieler Mario Adorf. Hier sondiert deshalb die Polizei aufmerksam das Terrain mit Spürhunden.

Christoph Hein, der schon sehr frühzeitig da ist, muss warten, bevor er ins Grass-Haus gehen kann. Und Akademiepräsident Klaus Staeck sorgt für Irritationen bei den Mitarbeitern des Museums, weil er sich vorher nicht angemeldet hat: „Ich bin der Präsident der Berliner Akademie der Künste!“, gibt er telefonisch durch, vermutlich etwas entrüstet. Auch vor dem Theater ist der eine oder die andere frühzeitig unterwegs, um schon mal zu gucken. Oder um bei McDonalds gegenüber noch schnell einen Kaffee zu trinken. „Wir kennen uns doch“, spricht mich dort eine Frau an. „Wir haben uns doch mal bei einer Grass-Veranstaltung in Lübeck gesehen!“.

Das haben wir zwar nicht, aber sie erzählt dann, dass sie Hochschulprofessorin für deutschsprachige Literatur aus Taipeh sei und sich seit über 20 Jahren mit den Büchern von Grass beschäftige, diese „interpretiere“. Nein, nicht übersetzen, sie korrigiere die Übersetzungen. Sie sei häufiger beim Ehepaar Grass in Behlendorf zu Besuch gewesen, erzählt sie, habe dort einmal auch die Ehefrau von Uwe Johnson kennengelernt, „die sollte ich erst gar nicht ansprechen, das wäre ganz schwierig mit ihr. War es aber gar nicht!“. In Behlendorf bei Lübeck ist Grass Ende April beigesetzt worden.

So klein und eng Lübeck einem bei so einem Kurzbesuch wieder erscheint, Willy Brandt hin, Thomas Mann her, so berühmt ist Günter Grass in der ganzen Welt. Die Gäste und Redner kommen nicht aus Danzig, wie dessen Bürgermeister Pawel Adamowicz, und den USA, wie der Schriftsteller John Irving, der im Theater die sogenannte Hauptrede hält. Auch Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin sind anwesend. Während die sympathische Hochschulprofessorin noch die eine oder andere Grass-Begegnunggeschichte auf Lager hat (sie war vor zwei Jahren dabei, als Grass sich seinen Sarg auswählte), hält sich John Irving mit Grass-Geschichten etwas zurück, als er dann seine eher kurze Rede im Lübecker Theater hält.

Irving, Jahrgang 1942, vital wie eh und je wirkend, Bewunderer und Freund von Grass, spricht davon, dass es einen Schriftsteller wie Grass einfach nicht mehr gebe, einen, „der Reden für Willy Brandt schreiben konnte genauso wie ein Buch über die Deutschen des Jahres 1647 oder darüber, dass ein Fisch des Chauvinismus angeklagt wird“. Er erinnert sich, wie Grass zu ihm in den achtziger Jahren sagte: „Du bist nicht mehr so zornig wie früher“ und er daraufhin versuchte, wieder zornig zu sein. Und Irving erwähnt den letzten Brief von Grass, den er vor kurzem erhalten habe und nicht mehr rechtzeitig beantwortete. Grass schrieb: „Die Welt ist wieder einmal aus den Fugen und mir, dem kriegsgebrannten Kind, kommen böse Erinnerungen.“

John Irving streift dann noch „Beim Häuten der Zwiebel“ und das SS-Bekenntnis, in dem er darauf hinweist, dass Grass „sich erklären, nicht recht haben wollte“, als er das Buch schrieb, dass er dieses Buch eigentlich immer geschrieben habe, wegen „seines immer wiederkehrenden Schamgefühls“. Und er begnügt sich schließlich mit zwei Geschichten über Grass. Einer aus Wien, als er dort studierte und seine Haushälterin, ihn mit „Blechtrommel“-Taschenbuchausgabe sehend, zu ihm sagte: „Ja, ja, das ist mir wurscht, aber Günter Grass ist ein bisschen unhöflich“. Und einer aus Behlendorf. Hier sang Grass Irvings damals vier Jahre alten Sohn Everett ein Lied: „,One man and his dog went to mow a meadow‘, so hieß es in diesem Lied. Und so ging es immer weiter, bis hin zu zehn Männern und Hunden“. Irving schließt seine Rede damit, dass er einen Oskar-Matzerath-Satz aus „Der Blechtrommel“ über den Spielzeughändler Sigismund Markus zitiert und diesen auf den am 13. April Verstorbenen ummünzt: „Grass war der Spielzeughändler, und er hat alles Spielzeug der Welt mit sich genommen.“

Obwohl man manches davon schon in einem Irving-Nachruf auf Grass lesen konnte, ist die Rede des US-Schriftstellers trotzdem die unterhaltsamste und beste an diesem Nachmittag, an dem neben Pawel Adamowicz auch Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig und Kulturstaatsministerin Monika Grütters Grußworte halten. Doch was soll man zu Grass sagen, was nicht schon gesagt wurde? Das konnte man schon beim Treffen der SPD-Politprominenz vorher im Grass-Haus registrieren, bei dem von „Jahrhundertschriftsteller“ bis „politischer Störenfried“ das Übliche gesagt worden war. Und bei dem mehr auffiel, was für ein Charisma Gerhard Schröder immer noch ausstrahlt, gerade im Vergleich zu der aktiven SPD-Politriege. (Ja, es hatte etwas von einem SPD-Parteitag!) Sigmar Gabriel wusste wohl, warum er so spät kam. Monika Grütters, bekanntlich von der CDU, machte im Vergleich zu diesem oder Olaf Scholz oder Hannelore Kraft gleich viel mehr her neben Schröder (und dem nicht von seiner Seite weichenden Ulrich Wickert).

Im Theater jedenfalls sagt Torsten Albig, Grass sei „ein kolossal mutiger Mensch“ gewesen, „einer der sich getraut hat“, „einer der seine Überzeugung konsequent vertreten hat“. Er verabschiedet sich von dem Schriftsteller, in dem er ihn mit Du anredet: „Jetzt bist Du nicht mehr, und wir werden Deinen Weg weitergehen.“ Grütters zitiert aus einer der Fastnachtsreden von Jean Paul: „Eine Demokratie ohne ein paar hundert Widerspruchskünstler ist undenkbar“. Es ist, wie von Grass gewollt, eine unspektakuläre, bodenständige und durchaus würdige Veranstaltung. Schauspieler Mario Adorf liest das aus den sechziger Jahren stammende Grass-Gedicht „Kleckerburg“ und die Grass-Tochter Helene ein Gedicht aus „Die Rättin“, „Mir träumt ich müsste Abschied nehmen“.

Diesen Abschied, den hat nun auch das Land von Günter Grass genommen – dieses Land, das Grass in einem seiner letzten Gedichte ein „trotz allem mir liebes Land war, das zum Erinnern verdammt ist, weil nichts ihm vergessen sein darf“. Einen Schriftsteller wie Grass, davon kann man ausgehen, das gehört auch zu seinem Vermächtnis, wird es so schnell sicher nicht vergessen.

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