Fritz Block war fasziniert von Mensch und Architektur. Den Blick auf das Chrysler Building in New York fotografierte er während einer Reise im Jahr 1931. Foto: Fritz Block Estate Archive, Stockholm/Hamburgp

Fritz Block in der Alfred Ehrhardt Stiftung Der Architekt mit der Kamera

Jens Hinrichsen
0 Kommentare

Die Nazis vertrieben ihn, 1938 musste Fritz Block nach Los Angeles emigrieren. Die Berliner Alfred Ehrhardt Stiftung würdigt nun sein fotografisches Werk.

Das Schwarzweißfoto entstand 1929 in Hamburg, es zeigt das gerade fertiggestellte Deutschlandhaus am Gänsemarkt, den der Backsteinbau mit dynamisch gerundeter Fassade im Stil Erich Mendelsohns heute noch prägt. Am unteren Bildrand schlendert Fritz Block, einer der zwei Architekten, wie zufällig auf die Kamera zu, mit lässig aus dem Mundwinkel hängender Zigarette.

Ein Mann auf dem Höhepunkt seiner Karriere. 1922 hatte Block übrigens am berühmten Ideenwettbewerb für ein Hochhaus am Bahnhof Friedrichstraße teilgenommen – neben Hans Poelzig und Ludwig Mies van der Rohe. Tatsächlich bebaut wurde das Spreedreieck erst vor wenigen Jahren, mit architektonisch umstrittenem Ergebnis. In der Alfred Ehrhardt Stiftung geht es jedoch nur am Rande um Architektur oder um Fritz Block als Vertreter des Neuen Bauens, der 1938 als Jude mit seiner Frau nach Los Angeles emigrieren musste. Als Architekt arbeitete er in Kalifornien nicht mehr, 1955 starb er in Los Angeles.

Die Ausstellung „Foto-Auge Fritz Block“ zeichnet mit rund 100 Bildern Blocks Weg zum professionellen Fotografen nach. Der 1889 im westfälischen Warburg geborene Architekt griff ab 1929 zur Kamera. Zunächst nur, um den Bau „seines“ Deutschlandhauses zu dokumentieren. Doch im Verlauf der Weltwirtschaftskrise wird immer weniger gebaut. Ab 1933 wird es noch schlimmer für Block, da wird er aus dem Bund Deutscher Architekten ausgeschlossen.

Ingenieurkunst und Bauwesen fesseln ihn

Block setzt zunehmend auf die Fotografie – und baut seine publizistische Tätigkeit aus. Seine Zeitungsseiten, etwa aus dem „Hamburger Anzeiger“, sind in Berlin zu sehen. Von ihm und seiner Frau Anna-Sophie Block stammen auch die Texte. „Paris ist trotz aller Mechanisierung und Technisierung des modernen Lebens die Stadt der Lebensfreude und Lebensbejahung, die Stadt voller Spannungen und voller Romantik“ – was Block im August 1930 zu seiner Paris- Strecke in einer Wochenbeilage schreibt, deutet sein breites Spektrum an.

Ingenieurkunst und Bauwesen fesseln ihn, und er liebt die Menschen. Block richtet seine Kamera auf das Stahlspinnennetz des Eiffelturms (und auf das Berliner Pendant, den Funkturm), aber er flaniert eben auch zu den Bouquinisten an der Seine. Und gesellt sich zu den Urlaubern an der Côte d'Azur. Bezaubernd gruppiert ist eine Strandbilder-Sequenz der Reise nach Marseille von 1931: Lauter Gymnastiktreibende stupsen einen Medizinball wie von Bild zu Bild.

Auch in New York fesseln ihn Gebäude wie Menschen. Logisch kann sich ein Amerika-Tourist anno 1931 an Wolkenkratzern und Stahlbrücken kaum sattsehen. Doch ebenso neugierig ist Block auf das pulsierende Leben in Manhattan. Die Vielfalt der Ethnien im „Schmelztiegel“ Amerika bestaunen die Blocks in einem Beitrag des „Hamburger Anzeigers“. Unter den Ausstellungsbildern springt das Querformat „Im jüdischen Viertel“ ins Auge. Ein alter und ein junger New Yorker vor Plakaten mit hebräischen Lettern. Der Junge, mit Kippa, wirft einen skeptischen Blick in Richtung Kamera: Was willst Du? Unwahrscheinlich, dass Block 1931 schon an Emigration dachte. Nach Amerika wohl nicht, das in die Große Depression fiel.

Block wusste, wie man Bilder komponiert

Die glänzenden Schornsteine der Ford-Fabrik in Detroit, ebenfalls 1931 geschossen, ragen noch ungerührt in den Himmel. Aber das ausrangierte Model T („Tin Lizzie“), das Block auf dem Werksschrottplatz fotografierte, kündet unter den drei Schornsteinfotos schon vom wirtschaftlichen Niedergang.

Block wusste, wie man Bilder komponiert. Ob er auch den Atem der Geschichte spürte, der heute in seinen Fotos weht?

Im Jahr 1933 änderte sich für ihn alles. Als Jude konnte Block seine Fotos nicht mehr in Deutschland publizieren, und er fotografierte auch nur noch im Ausland. Dass von einer London-Reise 1935 nur (1939 im Exil vergrößerte) Fotos vom Markttreiben auf der Petticoat Lane in der Ausstellung hängen, mag Zufall sein – es ist nur ein Teil des Nachlasses zu sehen – oder einen Perspektivwechsel anzeigen: Nahm Block den Auslandsalltag bereits aus ganz persönlich-drängenden Motiven unter die Lupe?

Auf der gleichen Reise 1931 fotografierte Fritz Block auch einen smarten Ausrufer auf Coney Island. Foto: Fritz Block Estate Archive, Stockholm/Hamburgp

Eine Kreuzfahrt um die Welt 1938 diente dem Ehepaar jedenfalls dazu, mögliche Exilorte zu sondieren. Bilder davon sind nicht in der Ausstellung zu sehen. Aber im gleichnamigen Band, der im Frühjahr 2018 im Zürcher Verlag Scheidegger & Spiess erscheint: „Foto-Auge Fritz Block“, herausgegeben vom Kunst- und Architekturhistoriker Roland Jaeger, dem Ausstellungskurator.

Ob sich die thematische Fülle der frühen Jahre bei Block gehalten hat, geht aus der Berliner Schau also nicht hervor. In Hamburg fotografierte er nicht nur Sujets wie die frisch ausgebaute Norderelbbrücke oder Werftarbeiter bei der Mittagspause. Auch Clowns, Trapezakrobaten sowie Löwen, Nilpferde und Kamele aus Hagenbecks Tierpark werden von Block ins rechte Licht gesetzt. Für Aufnahmen diverser Schneckengehäuse arbeitete er mit Röntgenfilm – als hätte sich der berühmte neu-sachliche Naturfotograf Karl Blossfeldt mit dem Fotogramm-Pionier László Moholy-Nagy zusammengetan.

Farbensinfonie aus der Neuen Welt

Die Präsentation der chronologisch in der Stiftungsgalerie umlaufenden Schwarzweißbilder aus sieben Jahren, meist Originalabzüge, wird durch eine Wand mit Farbprints unterbrochen: Flugzeuge, Schiffe, Lokomotiven, Gebäude von Frank Lloyd Wright oder Richard Neutra, ursprünglich auf Kodachrome-Dias fotografiert, das farbstabile Material, das seit 2009 nicht mehr produziert wird. Eisblauer Himmel, signalroter Industrielack, silbriger Stahl. Eine Farbensinfonie aus der Neuen Welt. Der 50-jährige Neukalifornier Block hatte mit „Dr. Block Color Productions“ noch einmal neu angefangen, lieferte Diaserien wie „Technical Beauty“ oder „Modern Architecture“ für Unis und Schulen.

1950 waren Block-Motive in der bahnbrechenden „Color Photography Exhibition“ des New Yorker MoMA zu sehen – neben Bildern von Ansel Adams, Paul Outerbridge oder Edward Weston. Sie werden heute als Heroen gefeiert. Fritz Block war fast vergessen. Bis jetzt.

Alfred Ehrhardt Stiftung, Auguststr. 75, Mitte, bis 10. September, Di bis So 11-18 Uhr, Do 11-21 Uhr

Zur Startseite