Berndt Schmidt (52) kam 2007 zum Berliner Friedrichstadt-Palast Foto: Thomas Dietze
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Friedrichstadt-Palast Berlin Das Prinzip Überwältigung

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Ein Gespräch mit Berndt Schmidt, dem Intendanten des Berliner Friedrichstadt-Palasts, über die Regeln der Revue, ihren Preis und die neue Show „The One“.

Herr Schmidt, 2013 hatte der Friedrichstadt-Palast 522 000 Besucher, 2014 dann 467 000 und im vergangenen Jahr 470 000. Wie kann es zu solchen Schwankungen kommen?

Das liegt daran, dass wir nicht wie die übrigen staatlichen Bühnen arbeiten. Wir bringen ja nur alle zwei Jahre eine neue Produktion heraus. Vor der Premiere ist das Haus jeweils drei Monate zu, damit wir die Show einbauen können. 2013 war ein Rekordjahr, weil „Show me“ sehr gut lief, 2014 gab es die Schließzeit für die aktuelle Produktion „The Wyld“. Das letzte Jahr hätte dann in der Tat besser sein müssen, da hatten wir uns wieder die halbe Million Gäste als Ziel gesetzt.

Woran lag’s?

Zunächst waren da das Krim-Embargo und die Abwertung des Rubels, wodurch sich für Russen die Reisekosten nach Deutschland verdoppelten. Wir sind auch durch unsere DDR-Vergangenheit ja in der Ex-Sowjetunion ein sehr bekanntes Haus. Vor allem am langen Wochenende rund um den „Tag des Sieges“ am 9. Mai kommen sehr viele russische Gäste. Wir hatten also die maximale Anzahl an Shows angesetzt, die Auslastung lag dann aber nur bei 60 Prozent. Faktor Nummer zwei war der extrem heiße Sommer. Ab 25 Grad Außentemperatur halbiert sich die Zahl der Besucher, ab 30 Grad klingelt das Telefon beim Vorverkauf überhaupt nicht mehr. Und schließlich haben wir auch in der Folge der Anschläge in Paris Publikum eingebüßt.

Zu Ihrem Antritt 2007 hat der Senat dem Friedrichstadt-Palast mit einem 3,5 Millionen-Kredit aus der finanziellen Klemme geholfen. Sind Sie durch das schlechte Jahr 2015 in Zahlungsverzug geraten?

Nein, bis 2018 werden wir alles zurückgezahlt haben, zweimal konnten wir ja sogar schon vorzeitig tilgen. Von der Summe sind noch 1,4 Millionen Euro übrig, das schaffen wir.

Wie gut kennen Sie Ihre Besucher?

Ein Teil unserer Tickets wird über Zwischenhändler vertrieben, bei den Karten, die wir selber verkaufen, liegt der Anteil an Bus-Reisen mittlerweile nur noch bei zehn Prozent. Bei den Individual-Käufern kommen rund 40 Prozent aus Berlin, was ein sehr guter Wert ist, verglichen beispielsweise mit den Revuen in Paris. Von den 60 Prozent, die von außerhalb kommen, sind wiederum 15 Prozent internationale Gäste. Da würden wir gerne noch zulegen, schließlich bieten wir ja ein sprachunabhängiges Produkt an.

Szene aus "The Wyld" Foto: Robert Grischek
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Eine Revue braucht keine Handlung, weil sie ja ein musikalischer Bilderborgen ist. Macht das die Arbeit leichter? Oder vielleicht sogar schwerer?

Einen gedanklichen Überbau schaffen wir für unsere Revuen ja auch, aber anders als beim Theater muss sich nicht jede Szene zwingend aus der vorhergehenden ergeben. Viele Kultur-Kritiker, die zu uns kommen, haben ihre Schwierigkeiten mit dieser Form. Weil sie gewohnt sind zu fragen: Was will die Inszenierung aussagen, ist eine Produktion stringent durchdacht? Unser inszenatorisches Besteck aber ist ein ganz anderes. Das Prinzip der Revue besteht in der reinen Überwältigung. Es geht darum, dass die einzelnen Bilder gut gemacht sind, ob das die Girl-Reihe ist, eine Artistik-Einlage oder eine atmosphärisch definierte Tanznummer. Darum ist es in meinen Augen letztlich schwerer, ein gutes Musical zu machen, weil es eine stringente Handlung braucht, die den Zuschauer durchgehend gefangen hält. Wir sind dagegen extrem flexibel und können so den heutigen Sehgewohnheiten entgegenkommen, alle drei, vier Minuten was Neues bieten.

Seit einigen Jahren gibt es im Friedrichstadt-Palast eigentlich keine klassischen Dekorationen mehr. Stattdessen setzten Sie riesengroße LED-Wände ein.

Damit lassen sich ja auch wirklich unglaubliche Effekte erzielen. Mittlerweile allerdings ist die LED-Technik so günstig geworden, dass sie geradezu inflationär eingesetzt wird, selbst auf Kreuzfahrtschiffen gehören die LED-Wände heute zur Grundausstattung. Letztlich aber bleiben selbst die brillantesten Bilder immer nur 2-D. Darum werden wir in unserer nächsten Show wieder mehr echte Dekorationen einsetzen. „The One“ spielt in einem alten, seit Ewigkeiten leer stehenden Showpalast, der bei einer Underground-Party wieder zum Leben erwacht. Die frühere Prinzipalin des Hauses entführt einen jungen Mann in die Zauberwelt der Revue. Im Finale des 1. Akts treibt dann sogar der Boden auseinander, teilt sich in zwölf Schollen, unter denen eine fluoreszierende Wasserfläche zum Vorschein kommt. Das werden genuin theatrale Elemente sein mit plastischen Dekorationen. Was natürlich teuer wird. Die aus 50 einzeln fahrbaren Elementen zusammengesetzte Showtreppe in „The Wyld“ beispielsweise hat allein schon eine halbe Million Euro gekostet.

Außerdem versprechen Sie 500 Kostüme, entworfen von Jean-Paul Gaultier.

In den 20er Jahren waren Revuen immer auch Fashion Shows, da hat man Kleider gesehen, die absolut Avantgarde waren und darum die Besucherinnen für ihre eigenen Outfits inspirierten. Nach dem Krieg wurde dann regelmäßig die glorreiche Vergangenheit beschworen, das war problematisch, weil das Genre dadurch rückwärtsgewandt wirkte. Wir haben es uns zum Ziel gemacht, wieder heutig zu sein. Darum arbeiten wir mit Designern zusammen. Jean-Paul Gaultier ist ein Glücksfall, er ist nicht nur weltberühmt, sondern gleichzeitig auch ein ungeheuer höflicher Mensch, der aufmerksam zuhört und dann mit Ideen um die Ecke kommt, die ziemlich genial sind.

Auch Aliens fahren U-Bahn Foto: Hannibal Hanschke
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Die nächste Show wird gut 10 Millionen Euro kosten. Was ist da so teuer?

Die Hälfte geht generell für die Technik drauf, inklusive Video, Beleuchtung und so weiter. Die Kostüme schlagen mit rund einer Million Euro zu Buche. Dann müssen die Kreativen bezahlt werden, die Choreografen, die Komponisten, die Artisten. Eingerechnet sind auch die Aufwendungen für die Einführungs-Werbung. Für ein staatlich unterstütztes Theater haben wir sicher sehr große Budgets, wenngleich uns die Musical-Produktionen von Stage Entertainment regelmäßig übertrumpfen, wie zuletzt „Das Wunder von Bern“ oder „Alladin“.

Wenn Sie mit jeder Produktion eine Million Menschen erreichen wollen, müssen Sie bei der Musik zwangsläufig auf den Massengeschmack setzen, oder?

Na ja, so einfach ist das nicht, denn wir haben ja immer sowohl Schulklassen im Saal als auch viele Senioren. Wenn wir Deep House spielen, dann finden die Kids das cool, es darf aber gleichzeitig die älteren Zuhörer nicht verstören. Wir suchen den Ausgleich dann oft in Bildern, die vertraut erscheinen. Bei „The Wyld“ ist zum Beispiel unser Ägypten-Bild mit progressiver Musik unterlegt. Die Girl-Reihen haben wir oft sehr rockig inszeniert statt mit Fahrstuhl-Hintergrundsound wie früher. Heikel ist auch die Frage nach der Sprache beim Gesang. Wir haben deutsche Gäste, die wollen auch Lieder in ihrer Sprache hören. Sobald aber auf Deutsch gesungen wird, achten die Leute auf den Text, der dann auch eine szenische Entsprechung verlangt. Für „The One“ werden wir ein wenig weggehen vom Elektronischen. In den Szenen, die im alten Showpalast spielen, erklingen Walzer und Charleston, aber modern angefasst.

Die Girl-Reihe am Brandenburger Tor Foto: Hannibal Hanschke
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Warum verwenden Sie eigentlich keine bekannten Songs in Ihren Shows, seien es Evergreens, seien es aktuelle Chart-Hits?

Das würden wir gelegentlich gerne machen und haben es in der Vergangenheit auch gemacht, aber die Tantiemen-Forderungen sind teilweise obszön hoch. Da werden für eine 20 Jahre alte Nummer 1 zwischen einer Viertelmillion und 400 000 Euro aufgerufen bei unserer Laufzeit von zwei Jahren. Darum lassen wir die Musik meist stückbezogen komponieren.

Sie haben eine Live-Band, die man allerdings nicht sieht, ebenso ist auf der Bühne oft nicht auszumachen, wer gerade singt. Könnte man da nicht sparen, indem man den Sound gleich vom Band laufen lässt?

Klar. Aber für mich ist das eine Frage der Qualität. Große Showunterhaltung braucht eine Live-Band finde ich, ebenso wie echte Sänger. Während der Show sitzen die Musiker in schallgeschützten Kabinen hinter und neben der Bühne, beim Applaus zeigen sie sich dann aber auch auf der Bühne. Wir hatten mal 38 Musiker, jetzt ist die Band noch 16-köpfig. In Las Vegas finden sie nirgendwo mehr als zehn Instrumentalisten, im Moulin Rouge in Paris sind es nur drei.

Das Personal der Shows sieht ziemlich schrill aus. Ist das ein ästhetisches Prinzip, nach dem Motto: Wir zeigen Typen, denen die Normalos im Publikum nie begegnen?

Wer in den Friedrichstadt-Palast kommt, will auf jeden Fall nicht in den Spiegel sehen. Bei uns darf alles exotischer und erotischer sein, aufregender. Aber ob Aliens auftreten oder Transvestiten, Hiphopper oder coole Partypeople – wir zeigen Typen, die zwar außergewöhnlich sind, aber nie bedrohlich. Und noch eines machen wir anders als die Opernhäuser und Sprechtheater: Wir bekennen uns zur Schönheit. Unsere Message ist schlicht – aber wenn man bedenkt, dass viele Zuschauer auch aus Regionen mit hohen AfD-Wahlergebnissen kommen, ist das vielleicht gar nicht so banal, wie es aus Berliner Sicht erscheint. Wir zeigen lustvoll, dass Anderssein und Vielseitigkeit ein Teil der Wirklichkeit sind.

Das Gespräch führte Frederik Hanssen.

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