Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Macron halten auf der Buchmesse die Erklärung der Menschenrechte. Foto: dpap

Frankreich bei der Buchmesse Gemeinsam für die europäische Kultur

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Frankreich als Gastland der Buchmesse hat nicht nur spannende literarische Entdeckungen sondern auch wichtige europäische Botschaften im Gepäck. Ein Kommentar.

Man darf der Frankfurter Buchmessenleitung visionäres Geschick bescheinigen. Vor vier Jahren lud sie Frankreich ein, 2017 Gastland der Buchmesse zu werden – was zunächst auf keine große Begeisterung stieß. Erst schwieg das französische Außen- und Kulturministerium. Dann war feindselig von „Merkels Messe“ die Rede, und dass dieser Auftritt nach den Präsidentschaftswahlen kaum innenpolitische Rendite abwerfen würde.

Was niemand ahnen konnte: Dass bei diesen Wahlen mit Emmanuel Macron ein Präsident gekürt wurde, der keinem der üblichen politischen Lager entstammt und gleichermaßen als Hoffnungsträger Frankreichs wie Europas gilt. Der Schriftsteller wie Gide und Cocteau, Balzac und Flaubert als Weg- und Lebensbegleiter nennt, der Kant gelesen und über Hegel seine akademische Abschlussarbeit geschrieben hat. Am Dienstagnachmittag eröffnete Macron für sein Land die Messe und den Gastpavillon, nicht zuletzt um mit der Bundeskanzlerin zusammenzutreffen. Wie Macrons Erscheinen hat das von Merkel Signalwirkung: Es gilt, zusammenstehen für ein gemeinsames Europa.

1989 war Frankreich schon einmal Gastland

Als Frankreich 1989 schon einmal Gastland war, fiel einige Wochen später die Mauer. Zu der Zeit reisten auch Autoren und Autorinnen über Ost-Berlin nach Frankfurt, weil Frankreich in der DDR ein Kulturinstitut hatte. Dieses Jahr präsentiert sich ein Land und dessen Literatur, das einer der Eckpfeiler Europas ist und gerade in Person seines jungen Präsidenten für die EU steht. Andererseits ist Frankreich mit einer starken rechten, europafeindlichen Partei konfrontiert.

So ist es kein Wunder, dass in Deutschland im Zusammenhang mit Frankreich die politischen Themen dominieren. Macron, die Rechte, der Terror. Erst an zweiter Stelle kommt der kulturelle Austausch, die Literatur – obwohl Französisch die Sprache ist, aus der nach dem Englischen die meisten fremdsprachigen Titel ins Deutsche übersetzt werden.

Die französische Literatur ist ungeheuer vielfältig

Dabei ist die zeitgenössische französische und französischsprachige, dem frankophonen Raum entstammende Literatur so gesellschaftspolitisch und vielfältig wie kaum eine andere in Europa und auf der Welt. Das macht den Auftritt Frankreichs so spannend. Er demonstriert, dass es mehr als nur Michel Houellebecq gibt, mehr als den zwar großartigen, aber primär der poetischen Erinnerungsliteratur zuzurechnenden Nobelpreisträger des Jahres 2015, Patrick Modiano.

Allein die Werke von Autoren wie Mathias Énard und Boualem Sansal sind in anderen kulturellen Kontexten verortet, im nordafrikanischen, arabischen oder persischen Raum; ganz zu schweigen von Autorinnen wie Kamel Daoud, Dany Laferrière, Shumona Sinha oder Marie N`Diaye mit ihren senegalischen, haitianischen, indischen und wiederum algerischen Hintergründen. Überdies sind da solche, die oft aus dem Norden Frankreichs und aus Arbeiterfamilien stammen und im Moment viel von sich reden machen: Annie Ernaux, Édouard Louis oder Didier Eribon. Sie verstehen sich als „Ethnografen ihrer selbst“, versuchen sich in ihren Büchern an einer Selbstanalyse, die sie gleichzeitig als Gesellschaftsanalyse verstehen. Ihre Lebenserzählungen betten sie zudem in die „große“ Geschichte ein. Algerien-Krieg, der Pariser Mai 68, Migration, Rassismus, die Situation in den Banlieus – all das ist Teil ihrer selbst, quasi durch sie hindurchgegangen.

Ein zeitgemäßer Auftritt wie lange nicht

Es scheint, als sei die französischsprachige Literatur in puncto Gesellschaftsrelevanz und Globalisierung weiter als die deutschsprachige. Hierzulande ist das Erstaunen immer noch groß, wenn Autoren, die in Georgien, Aserbaidschan oder Irak geboren sind, auf einmal die besten Bücher der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur schreiben. Huch, unser Land verändert sich! Aber natürlich ist es gleichfalls ein Signal, dass der Österreicher Robert Menasse mit seinem Europa-Roman „Die Hauptstadt“ den Deutschen Buchpreis gewonnen hat. Die Buchmesse ist mit dem Auftritt Frankreichs so zeitgemäß wie lange nicht – gerade weil sie ganz im Zeichen Europas steht.

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