Stevie Nicks und Lindsey Buckingham in der O2-World. Foto: dpa
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Fleetwood Mac Für immer Hippies

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Lieben, ohne zu lügen: Fleetwood Mac geben in der Berlin O2-World ein berauschendes Konzert.

So sind sie, die Hippies. Wollen immer noch die Welt verbessern. Mit Liebe, Lachen, Lärm. Können einfach nicht aufhören. Machen immer weiter. Ihren Monsterhit „Don’t Stop“ spielen Fleetwood Mac am Ende des ersten Zugabenblocks. Und die komplette, seit Monaten ausverkaufte Berliner O2-World singt am Mittwoch kurz vor Mitternacht mit: „Don’t stop, thinking about tomorrow / Don’t stop, it’ll soon be here / It’ll be, better than before / Yesterday’s gone, yesterday’s gone.“

Schlagzeug und Bass klingen ungemein wuchtig, über die Großleinwand hinter der Bühne flackern pixelige Bilder von Science-Fiction-Landschaften. Der Futurismus passt zum Fortschrittsoptimismus des Songs, mit dem Bill Clinton einst seine Wahlkampfauftritte einleitete. Nur die Parole „Yesterday’s gone“ stimmt nicht mehr. Denn sie steht in diesem Moment ja vor einem, die Vergangenheit, immer noch vital und ziemlich gut erhalten in Form von Sängerin Stevie Nicks (65), Schlagzeuger Mick Fleetwood (66), Gitarrist Lindsey Buckingham (64) und Bassist John McVie (67).

Der Abend ähnelt einer Séance, der Beschwörung von Geistern aus einer untergegangenen Zeit. Er beginnt spukhaft, mit Schwarzlicht auf der abgedunkelten Bühne, nebelhafter Nostalgie, aus der erst die Gestalten der Musiker und dann die nervös flirrenden Gitarrenakkorde von „Second Hand News“ auftauchen. Der elegant dahinfließende Song handelt von den Schmerzen des Verlassenwerdens, er ist des Auftaktstück des epochalen Albums „Rumours“ aus dem Jahr 1977. Von der Platte, die mit 40 Millionen verkauften Exemplaren eines der erfolgreichsten Werke der Popgeschichte ist, spielen Fleetwood Mac im Laufe der folgenden drei Stunden noch sieben weitere Titel. „Rumours“ markiert den Übergang der Gruppe von ihren britischen Bluesanfängen zu einem sonnendurchfluteten kalifornischen Softrock, auf den sich heute junge Musiker und Bands wie Jessie Ware, Jonathan Jeremiah oder Haim wieder gern berufen.

Eine Stimme, rätselhaft raunend, manchmal schön windschief

Stevie Nicks, eine Mischung aus Traumfrau und Märchenelfe, sieht immer noch unschlagbar aus. Ihre blonden Haare fallen in madonnenhaften Locken auf eine schwarze Samtweste, wie sie auch schon eine Räuberprinzessin des frühen 19. Jahrhunderts hätte tragen können. Die Stimme: rätselhaft raunend, manchmal schön windschief. Ihr Mikrofonständer und ihr Tamburin sind mit Hippietalmi umwickelt, bunten Plastikketten und Bändchen. Zur halbakustischen Ballade „The Chain“ rechnet Nicks in einem betörenden Duett noch einmal mit Buckingham ab, von dem sie sich während der von Kokainexzessen überschatteten Arbeit an „Rumours“ getrennt hatte: „Damn your love, damn your lies.“

Gelogen werden sollte nicht mehr, Gefühle mussten raus. Mit „Rumours“ kam die neue Innerlichkeit der siebziger Jahre in den Charts an. Beinahe ist alles wieder so wie damals, bloß dass die Lieder jetzt von lange zurückliegenden Emotionen und Erfahrungen erzählen. Aus der Besetzung, die „Rumours“ aufnahm, fehlt nur die Keyboarderin Christine McVie. Sie verließ die Band vor zehn Jahren. Zu „Rhiannon“ legt Stevie Nicks einen schwarzen Dracula-Schal um, auf dem die Pailletten funkeln wie Sterne in der Nacht. Selbstversunken tanzt sie, sich mit erhobenen Armen um die eigene Achse drehend, eine Art Fledermaustanz, während Lindsey Buckingham eins seiner schlimmen, überlang-eitlen Gitarrensoli spielt.

Zum Höhepunkt des Konzerts entwickelt sich eine ausufernde Ansage, in der Stevie Nicks 10, 15 Minuten lang noch einmal die Geschichte von Fleetwood Mac referiert. Sie erzählt von einem Song, den sie im Zeitalter des Wassermanns geschrieben habe. Wie er auf einer Demokassette verschwand, weil „in unserem Haus so viele Kassetten auf dem Boden herumlagen, dass wir kaum noch laufen konnten“. Und wie er dann wundersamerweise bei Youtube wieder auftauchte. Dabei besitzt die Sängerin weder Computer noch Smartphone, bei „Spacebook“ sei sie auch nicht. Das Lied heißt „Without You“, eine mittelprächtige Popnummer, die Fleetwood Mac nun endlich für ihr kommendes Album aufnehmen wollen, das im nächsten Jahr erscheinen soll. Die Liveversion fällt gegenüber dem herrlich mäandernden Monolog deutlich ab.

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