Filmland Bhutan. Szene aus "Hema Hema: Sing Me a Song While I Wait" vom buddhistischen Lama Kyentse Norbu. Foto: Tsong Tsong Ma Prod.
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Filmfestival in der Kulturbrauerei Erweitert Euch!

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Tentakelwesen und Schwanengesänge: Vorschau auf das Festival „Around the World in 14 Films“ im Kino der Kulturbrauerei.

Das Begehren haust in einem Bretterverschlag im mexikanischen Hinterland. Es ist schleimig, tentakelbewehrt, offensichtlich – so suggeriert es die Eröffnungsszene von Amat Escalantes „The Untamed“ – außerirdischer Herkunft und es bahnt sich seinen Weg in alle möglichen menschlichen Körperöffnungen. Ein älteres Hippie-Ehepaar kümmert sich um den primitiven Organismus, der über die Fähigkeit verfügt, irdische Lebewesen in Einklang mit ihren ureigensten Trieben zu bringen.

Eine Fähigkeit, die der jungen Mutter Alejandra schon vor langer Zeit abhandengekommen ist. Sie führt mit ihrem Ehemann Ángel und ihren zwei Kindern ein freudloses Leben in der mexikanischen Provinz. Den Lebensunterhalt für ihre Familie verdient sie in der Süßwarenfabrik der Schwiegereltern, Ángel hat eine Affäre mit ihrem schwulen Bruder. Bis ihr eines Tages die mysteriöse Verónica begegnet, die sie in das Geheimnis der einsamen Hütte einweiht. Die pure Lust, die Alejandra in Gegenwart der vielarmigen Kreatur erlebt, befreit sie von den Fesseln einer misogynen wie homophoben Gesellschaft. Aber nicht jeder verfügt über die mentale Stärke für einen solchen Kontrollverlust.

Das Filmfestival von Venedig stand 2016 im Zeichen außerirdischer Tentakelwesen. Denis Villeneuves Science-FictionFilm „Arrival“ kam bald darauf in die Kinos, Amat Escalantes schleimige Ménage à trois, die in Venedig mit einem Silbernen Löwen ausgezeichnet wurde, hat hingegen bis heute keinen deutschen Kinostart. Im Rahmen des Festivals „Around the World in 14 Films“ ist die vierte Produktion des spanisch-mexikanischen Regisseurs nun erstmals in Berlin zu sehen, bevor sie im Frühjahr 2018 endlich auch regulär in die Kinos kommt. Damit ist „The Untamed“ ein Nachzügler im Programm des umtriebigen Festivals, das zum zwölften Mal Highlights und Fundstücke des Kinojahrs zeigt. Auch die Idee der Filmpaten hat sich bewährt, diesmal konnten unter anderem Wim Wenders, Jasna Fritzi Bauer, Valeska Grisebach und Ulrich Matthes dafür gewonnen werden, einen Festivalfilm zu präsentieren.

24 statt 14 Filme „dauert“ die Weltreise

Angesichts der aktuellen Produktionsverhältnisse im Arthouse-Kino mutet die Idee einer „cineastischen Weltreise“ (Festivalleiter Bernhard Karl) allerdings immer kurioser an. „The Untamed“ etwa wurde mit Geld aus Dänemark, Deutschland, Mexiko, Norwegen, Frankreich und der Schweiz realisiert; „Loveless“ von Andrey Zvyagintsev, der das Festival am Donnerstag eröffnet, entstand mit Mitteln aus Frankreich, Belgien und Deutschland. Kaum ein Film im Programm, der nicht international ko-finanziert ist. Eine der wenigen Ausnahmen ist der betörend schöne Beitrag aus Bhutan, „Hema Hema: Sing Me a Song While I Wait“ des buddhistischen Lamas und Filmemachers Khyentse Norbu. „Bewusstseinserweiternd“ ist in unserer säkularisierten Gesellschaft ein arg strapazierter Begriff, aber für das Kino Norbus gibt es keine treffendere Beschreibung. Ebenfalls von der Peripherie des Weltkinos stammt die märchenhafte Satire „I Am Not a Witch“ der sambischen Regisseurin Rungano Nyoni, in der ein zehnjähriges Mädchen zum Schutz ihrer Dorfgemeinschaft ins „Hexenexil“ geschickt wird.

Natürlich dürfen auch internationale Schwergewichte im Programm nicht fehlen: Sean Baker mit bonbonfarbenem Sozialrealismus („The Florida Project“), der südkoreanische Festivalliebling Hong Sangsoo („The Day After“ – einer seiner drei Filme aus 2017), der iranische Kino-Dissident Mohammad Rasoulof („A Man of Integrity“), der chinesische Dokumentarfilmer Wang Bing („Mrs. Fang“), Lynne Ramsay mit ihrer meditativen Genre-Demontage „A Beautiful Day“, Sergei Loznitsa mit der Russland-Odyssee „Die Sanfte“ und David-Lynch-Protegé John Carroll Lynch (nicht verwandt!) mit „Lucky“, einem Schwanengesang auf den kürzlich verstorbenen Harry Dean Stanton. Nur über einen neuen Titel für das Festival sollte man vielleicht langsam nachdenken. 24 Filme „dauert“ die Weltreise in diesem Jahr.

23.11. – 2.12., Kino in der Kulturbrauerei, Infos: www.14films.de

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