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Filmfestival in Cannes Flügel und Fesseln
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Das Festival frönt dieses Jahr einer seltsam matten Lust am Glamour

Nun könnte man einwenden, auch Paolo Sorrentinos „La grande bellezza“ sei nichts weiter als das Kombi-Remake aus Fellinis „La dolce vita“ und „Roma“. Tatsächlich funktioniert Toni „Il Divo“ Servillo, der seinen Jep Gambardella mit wunderbarer Nonchalance spazieren führt, dramaturgisch ähnlich wie der junge Marcello Mastroianni, der als Party-Animal und Society-Journalist dem süßen römischen Leben der späten 1950er Jahre nichts mehr abgewinnen kann. „La grande bellezza“ – die große Schönheit – hat auch Jep, der mit 26 Jahren nach Rom kam, einen Roman schrieb und dann ins Klatschfach wechselte, nicht gefunden, aber immerhin „König der Mondänen“ ist er geworden. Der Preis dafür heißt Misanthropie, eine Prise Selbstekel inklusive.

„La grande bellezza“ atmet jene so bildersüchtige wie seltsam matte Lust am Glamour, die seit dem Eröffnungsfilm „The Great Gatsby“ das Festival überstrahlt. Auch Paolo Sorrentino weidet sich an der Oberflächlichkeit, geht ihr aber nicht in die Falle. Wie bei Fellini ist es die Melancholie, die Spannung und Distanz zum Milieu herstellt und es zugleich aushöhlt. Und: Jep ist 65, kein Mittvierziger wie Mastroianni damals. Also weht ein Hauch von Abschied über allem – und dass er einmal eine 104-jährige Nonne interviewen soll, die seit Jahren schweigt, gehört zu den sarkastischsten Drehbuchpointen. Hatte er nicht gleich verkündet, er stehe neuerdings auf den Geruch von Altenheimen und nicht mehr auf Pussy?

„La grande bellezza“ ist ein fast zweieinhalb Stunden lang dahintreibender, extrem unterhaltsamer, böser, komischer, tieftrauriger und vor allem meditativer Abgesang auf das Leben. Darin ähnelt er Sorrentinos unterschätztem „This Must Be the Place“ (2011) mit Sean Penn, nur dass Jep jeder Antrieb zu einer neuen, noch so verrückten Aufgabe fehlt. Für seine sexuellen Bedürfnisse bedient er sich bei dahinblühenden Schönheiten, und kommt eine veritable Affäre wie die mit einer alternden Stripperin dazwischen, hilft der Tod ex machina aus und bringt ihn wieder in die ausgelatschte Spur. Was Jep bleibt und ihn auf eigenartige Weise wärmt, ist sein Zynismus – und die Erinnerung an die erste Liebe. Da wird selbst einer wie Jep sentimental.

Sorrentinos Film, der auch „Die große Desillusion“ heißen könnte, ist ein Palmenanwärter, wie Asghar Farhadis „Le passé“ oder „Inside Llewin Davis“ der Coen-Brüder. Sie alle nehmen geläufige Ausgangspunkte, wagen sich dann aber ins Ungewisse, in das unkaputtbare Abenteuer namens Kino.

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