Filmfest Locarno Die bewegte Generation

Sebastian Handke
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Mangas und Matratzen, Autorenkino und Handy-Kamera: Beim Filmfest in Locarno konnten die Generationen viel übereinander erfahren. Eine Bilanz

LocarnoJugend ist, wenn man nicht weiß, was kommt. Alt ist, wenn man sich abends beim Italiener über Matratzen unterhält. Und Manga ist, wenn sich Menschen jenseits der Dreißig in Kleingruppen von der Piazza Grande schleichen. Die Generationen konnten viel übereinander erfahren, bei den Open-Air-Abenden und in den Wettbewerben des Filmfests Locarno.

Zum Beispiel von Detlev Buck. Für „Same Same But Different“ hat sich der Regisseur Benjamins Prüfers Bericht über seine Begegnung mit einer HIV-positiven Kambodschanerin vorgenommen („Wohin Du auch gehst“). Einen „echten Liebesfilm“ wollte er daraus machen. Angekommen ist vor allem eine Botschaft: Junge Menschen sind auch heute noch romantisch. Aber sie sind es auf lasche Weise.

Man kann es gut finden, dass Buck die wahre Geschichte nicht mit falschem Drama aufplüscht – das Paar lebt heute in Kambodscha und hat inzwischen ein Kind. Aber ein Film, besonders ein Liebesfilm, wird nicht besser durch die Fehler, die er vermeidet, sondern durch die Risiken, die er sucht. Mit seiner vorsätzlichen Erregungsvermeidung hinterlässt „Same Same“ leider einen blassen Eindruck.

Dem Katalanen Marc Recha und dem Japaner Masahiro Kobayaschi dagegen gelingen mit „Petit Indi“ und „Wakaranai“ wesentlich eindrucksvollere Filme darüber, was es heißt, jung zu sein. Und arm. Was es dagegen heißt, sich alt zu fühlen, davon erzählt „Giulias Verschwinden“. Guila (Corinna Harfouch) schwänzt ihren 50. Geburtstag. Während ihre Freunde auf sie warten und erfolglos versuchen, nicht über das Alter zu sprechen, lässt sich Gulia von einem Unbekannten (Bruno Ganz) Flöhe ins Ohr setzen („Es gibt keinen Anlass, bei dem eine Frau wie Sie nicht zu spät kommen dürfte“). Christoph Schaubs Film ist zwar ein wenig zu fein ausgedacht und bieder in Szene gesetzt; Martin Suters boshafte Dialoge allerdings bereiten Vergnügen – was „Giulias Verschwinden“ den Publikumspreis bescherte.

Zu alt fühlt sich auch Frédéric Maire, zumindest für Locarno. Nach vier Jahren übergibt der 47Jährige die künstlerische Leitung an den zehn Jahre jüngeren Olivier Père. Maire entschlackte das Festival und schärfte dessen Profil als eine Plattform für den jungen Autorenfilm sowie als Ort der Begegnung von Filmemachern und Publikum. Ein Publikum, das sich zu Tausenden in einer notdürftig aufgehübschten Sporthalle auf unbequemen Plastikstühlen einfindet, um Filme ohne Stars zu sehen.

Immer wieder wird in der Schweiz der Ruf laut nach mehr Glamour in Locarno. Dem Charakter des Festivals – anspruchsvolle Filme bei entspannter Ferienlaune – würde das aber eher schaden.

Zu wünschen ist Père, zuletzt Leiter der Cannes-Festivalreihe Quinzaine des réalisateurs, dass es gelingt, die großartigen Retrospektiven weiterzuführen. In diesem Jahr entführte „Manga Impact!“ in das Parallelkino der japanischen Animationskunst – und beschämte vieles, was in den Wettbewerben zu sehen war, mit schierem Einfallsreichtum, mit dem Spieltrieb und der Magie des Animé.

Locarno bot die seltene Gelegenheit, fast alle wichtigen Meilensteine auf der großen Leinwand zu bestaunen. So erhielt Animé-Legende Isao Takahata einen Ehrenleoparden für sein Lebenswerk. Seine Heidi-Serie kennt man auch hierzulande, in Locarno präsentierte er sein Meisterwerk „Grave of the Fireflies“, mit dem er der 1981 ein urjapanisches Thema vorgab: den Verlust der Eltern während des Zweiten Weltkriegs. Sehenswert auch die herrlichen Kurzfilme von Osamu Tezuka, entstanden für Filmfestivals in einer Zeit, als es noch kein Video gab, um die Aufmerksamkeit westlicher Produzenten zu gewinnen.

Es mag in diesem Jahr weniger radikale Filme gegeben haben als sonst, die Reihe „Play it forward“ wurde sogar ganz abgeschafft. Experimentelles gab es aber doch, zum Beispiel zwei abendfüllende Filme, die mit nichts als einem Handy entstanden sind. Der italienische Theatermacher Pippo Delbono, diesjähriger Ehrengast des Festivals, zeigte außer Konkurrenz „La Paura“, eine Improvisation über Angst und Fremdenfeindlichkeit in Italien, die große Momente hat: etwa das Begräbnis eines ermordeten Afrikaners, während dessen ein Carabiniere sich vor die Handykamera stellt und sagt: „Wir brauchen diese Debatte nicht.“ Zwar handhabt Delbono sein Mobiltelefon nicht wesentlich anders als eine kleine Videokamera – doch die Distanz zwischen dem Filmenden und den Gefilmten verringert sich dabei entscheidend.

Diesen Umstand macht sich Sepideh Farsi geschickt zunutze für ihren Film „Tehran without Permission“. Mit dem Handy konnte sie in der iranischen Hauptstadt filmen, ohne aufzufallen; vor allem hatte sie stets eine Hand frei, um selbst mit den Menschen ihrer Stadt zu interagieren. 50 Stunden Material hat sie aufgenommen, fast vier Monate daran geschnitten und zu einem intimen Portrait ihrer Geburtsstadt zusammengefügt. Bilder, die man sonst nirgends zu sehen bekommt – und die jetzt nicht mehr entstehen könnten. Wer heute in Teheran mit dem Handy filmt, wird verhaftet (Interview mit Sepideh Farsi: Tsp. vom 12. 8.).

Zahlreiche Locarno-Filme beschäftigten sich mit Immigration und Identität. Die Jury des Hauptwettbewerbs fand das preiswürdig: Xiaolu Guo („How Is your Fish Today?“) erhielt für „She, A Chinese“ den Goldenen Leoparden: Eine Chinesin möchte ihre Herkunft hinter sich lassen und gelangt dabei doch nur von einem Gefängnis ins nächste. Für die Darstellung eines Albaner-feindlichen Griechen, der in „Akadimia Platonos“ seine albanischen Wurzeln akzeptieren lernen muss, erhielt Antonis Kafetzopoulos zu Recht den Darstellerpreis. Leider ist die Komödie des Wahl-Berliners Filippos Tsitos eine zwar kurzweilige, aber letztlich harmlose Angelegenheit.

Der eigentliche Abräumer ist in diesem Jahr ein Film, der so gar nicht „relevant“ zu sein scheint. Fünf Preise gab es für „Nothing Personal“, das erstaunliche Debüt von Urszula Antoniak. In ihrem konzentrierten, fast archaischen Werk schildert die polnische Regisseurin die Begegnung einer jungen Frau (Lotte Verbeck) und eines alten Mannes (Stephen Rea) – zwei wunde Seelen, die sich in der Einsamkeit und der wilden Natur der irischen Connemara annähern wie zwei scheue Tiere. Ganz am Ende erst, als letzter Beitrag des Wettbewerbs, beglückte dieser wunderschöne Film sein Publikum wie ein kostbares Abschiedsgeschenk.

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