Und dann doch Arbeit, eine Art Arbeit. Thierry (Vincent Lindon). Foto: temperclay filmp

Filmdrama "Der Wert des Menschen" Jeder kämpft für sich allein

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Was Arbeitslosigkeit aus Seelen macht: Stéphane Brizés Sozialdrama „Der Wert des Menschen“ folgt der Passionsgeschichte eines Aussortierten. Vincent Lindon erhielt dafür in Cannes den Darstellerpreis.

Manchmal reicht es nicht, dass ein Mensch gedemütigt wird. Dann muss er sich selber demütigen. Zu den beklemmendsten Szenen von Stéphane Brizés Sozialdrama „Der Wert des Menschen“ gehört der Schauprozess am Ende einer Umschulungsmaßnahme. Als Staatsanwalt und Richter in einer Person fungiert der Seminarleiter. Auf der Anklagebank sitzt Thierry Taugourdeau, 51 Jahre alt und gelernter Maschinist, den 20 Monate Arbeitslosigkeit so depressiv gemacht haben, dass er jeden, wirklich jeden Job annehmen würde. Das Publikum besteht aus anderen Arbeitslosen.

Beratung als Bevormundung

Gezeigt werden Videos mit Thierry aus fiktiven Bewerbungsgesprächen. „Wie findet ihr die Körpersprache?“, fragt der Seminarleiter. „Zusammengesunken“, lautet eine Antwort. „Den Ton der Ansprache?“ – „Kalt, nicht sehr sympathisch.“ – „Den Blick?“ – „Abwesend, er ist nicht richtig da.“ Und Thierry nickt bloß zu dieser Kritik, die brutaler nicht sein könnte, und murmelt: „Muss ich noch dran arbeiten.“ Einen Gratisrat gibt ihm der Seminarleiter mit auf den Heimweg: „Liebenswürdigkeit hilft.“ Nein, wenn Beratung umschlägt in Bevormundung, dann hilft gar nichts mehr. Arbeitslosigkeit ist in Industriegesellschaften zwar ein Massenphänomen. Doch dagegen anzukämpfen, das zeigt „Der Wert des Menschen“ höchst anschaulich, versucht jeder für sich allein, notfalls gegen alle anderen.

Am Anfang des Films, es ist die dritte Szene, trifft sich Thierry mit Gewerkschaftern in einem Café. Die Stimmung wirkt kämpferisch, die Kollegen wollen mit 750 Leuten die Zentrale der Firma blockieren, die ihr Werk geschlossen hat. Doch Thierry steigt aus der Aktion aus, noch bevor sie begonnen hat: „Ich habe genug. Mich da noch mal reinzuknien würde bedeuten, den ganzen Mist noch einmal durchzumachen.“ Vincent Lindon spielt diesen resignierenden Rebellen, und wie er das tut, macht den Film zum Ereignis. Der große, kräftige Mann mit den melancholischen Augen zieht sich immer mehr zurück in die Versteinerung und ins Schweigen, er scheint zu schrumpfen, kleingemacht von den Verhältnissen – bis er im Finale doch noch aufbegehrt. Beim Festival von Cannes wurde er dafür mit dem Preis als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet.

Fiktion als Quasidoku

Stéphane Brizé hat neben Vincent Lindon die meisten Rollen mit Laien besetzt, darunter auch Karine De Mirbeck als dessen Ehefrau und Matthieu Schaller, der den behinderten Sohn des Ehepaares spielt. Das verleiht dem Film umso größere Glaubwürdigkeit, er wirkt beinahe dokumentarisch. Die Szenen sind in Halbtotalen und wenigen Großaufnahmen gefilmt und spielen – bis auf zwei, drei kurze Ausnahmen – ausschließlich in geschlossenen Räumen. Thierry, das wird deutlich, ist wie ein Gefangener in sein Schicksal eingeschlossen.

Im französischen Original lautet der Filmtitel „La loi du marché“, das Gesetz des Marktes. So könnte auch eine soziologische Untersuchung heißen, der Titel passt zur kühlen Präzision, mit der Brizé dem Helden durch seine Passionsgeschichte folgt. Und Lindon, ein Großmeister der Lakonie, agiert, als wüsste er nicht, dass er von der Kamera begleitet wird. Nur einmal wird er richtig laut. Da ist Thierry ans Meer herausgefahren, um sein Ferienhäuschen zu verkaufen, doch die Interessenten wollen auf einmal tausend Euro weniger bezahlen als vereinbart. „Ehrlich, ich bin nicht als Bettler hier“, donnert er, zum ersten und einzigen Mal seine Stimme erhebend. Die Arbeitslosigkeit hat ihm die Würde genommen und ist nun dabei, alles einzufordern, was er sich im Leben aufgebaut hatte.

Überwachen als Strafe

Als Thierry doch noch einen Job findet, natürlich schlecht bezahlt, kommt ein bisschen Krimispannung auf. Er ist jetzt Wachmann und observiert vor einer Monitorwand die Kunden eines Supermarktes. „Wir haben 80 Kameras“, sagt ihm ein Kollege nicht ohne Stolz. Die totale Überwachung hat allerdings den Nachteil, dass auch die Überwacher überwacht werden. Denn mehr noch als auf Ladendiebe hat es der Geschäftsführer auf die Angestellten abgesehen. Die Belegschaft, findet der Mutterkonzern, sei überbesetzt – da wäre es doch zum Beispiel hilfreich, wenn Thierry entdeckt, dass manche Verkäuferin nicht alle Waren über den Scanner zieht.

Überwachen und Strafen, darauf läuft der Kapitalismus hier hinaus. Zu einem gespenstischen Verhör kommt es, als eine Kassiererin Rabattmarken an sich nimmt und dabei gefilmt wird. Der Geschäftsführer nennt sie eine Diebin, die sich an den Prämien ihrer Kollegen bereichere, droht mit der Polizei. Und Thierry steht daneben, assistiert mit Auskünften. In Frankreich, wo einst die Formel „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ erfunden wurde, gibt es keine Solidarität unter den Verlierern mehr. Was einzig zählt, ist, mit heiler Haut davonzukommen.

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