Sündenpfuhl Berlin. Im Nachtclub „Moka Efti“, der in den zwanziger Jahren tatsächlich existierte. Foto: Skyp

Fernsehserie "Babylon Berlin" Vorgestoßen in die Sphären der globalen TV-Produktion

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Weimar Noir: Mit der Großproduktion „Babylon Berlin“ knüpft das deutsche Serienfernsehen an amerikanische Vorbilder an.

Es klingt wie eine Zuschaueranweisung. „Atmen Sie ganz ruhig – ein und auch aus. Versuchen Sie nicht, ihre Gedanken zu ordnen. Lassen Sie sie einfach los.“ So spricht Dr. Schmidt (Jens Harzer) zu seinem Patienten Gereon Rath (Volker Bruch), und seine Stimme kommt aus der Schwärze des Offs.

Die Fernsehserie „Babylon Berlin“ beginnt mit einer verführerisch-verdächtigen Einladung ans Publikum: Wie auf einem Drehstuhl die Seite und die Zeiten zu wechseln, damit man mit Gereon Rath, dem von Köln nach Berlin strafversetzten Kommissar, die Reichshauptstadt im Jahr 1929 erlebt. Berlin ist die amerikanischste Stadt jener Zeit, sie vibriert mit allen Fasern, rastlos sind die Bewohner, vergnügungssüchtig, die Moral ist aus den Fugen, jeder jagt nach seinem Stück vom Glück. Die Kosten werden dem Nächstbesten in Rechnung gestellt. Sozial blind für großen Reichtum und noch größere Armut, wachsen an den politischen Rändern die Extreme. Magisch, modern, modrig ist dieses Berlin. Was nach Vergangenheit riechen könnte, atmet Gegenwart. Willkommen in Babylon Berlin.

Verfilmung des ersten Gereon-Rath-Krimis

Die Produktion nimmt sich „Der nasse Fisch“, den ersten Gereon-Rath-Krimi von Volker Kutscher, zur Vorlage. Kutschers Reihe, mit bisher sechs Romanen noch nicht zu Ende erzählt, balanciert gekonnt das Panorama einer Metropole mit dem Privatissimum eines Ermittlers aus. Gereon Rath ist Polizist in Berlin und zugleich Fremdenführer durch eine Epoche. Was zunächst nach einer simplen Erpressung im Bannkreis eines von der Berliner Mafia betriebenen Pornorings aussieht, weitet sich zum Skandal: Korruption, politische Kabale, Drogen- und Waffenhandel – selbst eine Institution wie die „Rote Burg“, das Polizeipräsidium von Berlin und Festung des Rechtsstaats, wird zum Kampfplatz von Freunden und Feinden der Weimarer Demokratie. „Babylon Berlin“ hat seine innenpolitische Kulisse.

Große Stadt wird großes Projekt wird große Serie. Der Initiative der Produktionsfirma X Filme haben sich ARD Degeto, Sky und Beta Film als Koproduzenten und Partner angeschlossen. Das gab es noch nicht, dass sich öffentlich-rechtliches Fernsehen und privatwirtschaftliches Pay-TV zusammengetan und rund 20 Millionen Euro auf den Tisch gelegt haben. Öffentliche Förderung, (ein bereits auf Hochtouren laufender) Weltvertrieb und das unternehmerische Risiko von X Filme haben das Budget für die zwei Staffeln mit 16 Episoden noch einmal verdoppelt. Sky verspricht sich weiteren Abo-Anreiz mit international vorzeigbarer Made-in-Germany-Fiktion. Und die ARD will den Nachweis führen, dass serielles Erzählen mit „Weißensee“ und „Charité“ nicht enden, sondern mit „Babylon Berlin“ sogar in die nächste Dimension vordringen kann. Sky startet die Ausstrahlung am 13. Oktober, das Erste plant für Herbst 2018. Double Feature, das sich für beide Systeme lohnen sollte.

Vorgestoßen in die Sphäre der globalen Streamingproduktion

Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries arbeiteten zusammen als Autoren und Regisseure. Die Autoren wussten also, was die Regisseure wollten und umgekehrt. So eine Trias kann schrecklich schiefgehen. Nicht hier. Fein getuntes, sorgsam verfugtes Erzählfernsehen bei Drehbuch und Regie, in gleicher Intensität vom Ensemble und den Gewerken getragen: eine konzentrierte Teamleistung der fast 400 Mitarbeiter über 180 Drehtage. In den zwölf Stunden Fernsehen stecken die Kraft und die Herrlichkeit von sieben Kinofilmen. Sie sollen das Alltags-TV nicht madig machen, sondern nur festhalten, dass deutsches Fernsehen in die Sphäre der großen, globalen TV- und Streamingproduktion aufgebrochen ist. Und wenn positive Reaktionen und pekuniäre Resonanz zusammenkommen, wird Little Big Screen künftig nicht hinter „Babylon Berlin“ zurückfallen können.

Berlin ist Trumpf, Berlin ist Protagonist. Kosmopolitisch, kriminell, kreativ, welcher zivilisatorische Wert und Unwert hat sich da am Ende der 20er Jahre nicht gezeigt? Die Serie reflektiert das, im Groß und Klein des Szenenbildes (von Uli Hanisch), im gros et détail des Kostümbildes (von Pierre-Yves Gayraud). Dutzende Schauplätze, Interieurs und Exterieurs werden analog und digital zum tiefenscharfen Berliner Panorama kombiniert. Das ist Augenfutter pur. Die Kameraarbeit von Frank Griebe, Bernd Fischer und Philipp Haberlandt sucht die Korrespondenz von Enge und Weite, fixiert im Filmbild das Menschenbild.

In dem Ehrgeiz, individuelles Können in einer Kollektivanstrengung aufgehen zu lassen, haben die drei Autoren die Romanvorlage von Volker Kutscher sehr ernst genommen. Episch ist die Serie, komplex die Story, die TV-Übersetzung gibt dem Stoff, was er verlangt, und nimmt dem Fernsehen nichts, was es an farbgesättigten Schauwerten, ambivalenten Figuren, spannender Handlung, kurzum: an Sogkraft braucht. In der Mitte ebenso wie am Rand. Der Moment, wenn Rath sich beim Apotheker sein Heroin besorgt, welches der „Kriegszitterer“ zur Eindämmung seiner Symptome benötigt, wird zur szenischen Miniatur. Kommissars Rezept sind Pornofotos, an denen sich der Apotheker aus Köln zum Ausgleich dafür, dass seine Frau aus Charlottenburg zu den „frigiden Berliner Bulettinnen“ gehört, erfreut. Und dann entdeckt er unter den Fotos eine Leichenteilaufnahme. Es ist nicht leicht, ein Fetischist zu sein.

Auch ein Fest für Cineasten

Cineasten könnten sich an der Frage abarbeiten, welche Szene von Tykwer, welche von Handloegten oder von Borries stammt. Sie werden scheitern oder Wochen damit zubringen. „Babylon Berlin“ zeugt vom Willen zu einem geschlossenen Narrativ, zu einer durchgängigen Bildergrammatik, die Inszenierung folgt einem kompakten Rhythmus, die Szenen sprechen eine Sprache – das müssen sie auch. Babylon muss strahlen, Berlin leuchten, das Gesamtkunstwerk brillieren.

Und das alles gilt genauso für die Protagonisten. Die Produktion war klug genug, nicht die ARD-„Tatort“ oder ZDF-„Fernsehfilm-der-Woche“-Prominenz zu casten. Da droht stets die Gefahr, dass sich der Name vor die Figur schiebt. Könnte jetzt nach Zweitliga-Besetzung klingen, ist aber nicht so gemeint: Volker Bruch als Gereon Rath, Liv Lisa Fries in der Rolle von Charlotte Ritter und Peter Kurth als Oberkommissar Bruno Wolter können und spielen „Tatort“, sie sind im Zuschauergedächtnis nur anders, freier, unschärfer codiert.

Bei Volker Bruch werden sich einige an seinen Wehrmachtsoffizier Wilhelm im Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ erinnern, bei Liv Lisa Fries an „Morgen bin ich tot“, bei Peter Kurth an „Herbert“. Schauspielerische Kapazitäten allemal. Bruchs Kommissar Gereon Rath, der unbedingt von der „Sitte“ ins Morddezernat wechseln möchte, hat beruflichen Ehrgeiz und einen schwachen moralischen Kompass. Recht und Gerechtigkeit, alles gut und schön, aber wo waren sie, als er im Kampf für Kaiser und Vaterland traumatisiert wurde, als seine große Liebe seinen Bruder heiratete? Und was Rath in der „Roten Burg“ an rabiaten Verhörmethoden, an (politischen) Egoismen mitbekommt, das kann den Ich-Bezug nur fördern.

Zeitfiguren im Moloch Weimars

Charlotte Ritter, Hilfskraft mit Aufstiegsambitionen im Präsidium, ist mit der Bewältigung des Alltags beschäftigt. Die junge Frau ernährt eine Großfamilie im x-ten Berliner Hinterhof. Das klappt nur, weil sie ihre Stürze ins Nachtleben zur Gelegenheitsprostitution nutzt. Kurzer Rock, Seidenstrümpfe, Lippenstift – mit ihrer emanzipativen Girlkultur steht Charlotte Ritter mit einem Bein in der Moderne, mit dem anderen in der Tradition der Frauenrolle. Und Bruno Wolter? Der Oberkommissar hat im Lustmilieu Berlin alles – und jeden – gesehen. Er ist nicht zynisch, er geht seinen Weg, der nicht gerade, aber immerhin sein Weg ist.

Tom Tykwer (m.), neben Henk Handloegten und Achim von Borries einer der drei Regisseure, hier mit Kameramann Frank Griebe. Foto: X Filmep

Bruch, Fries, Kurth – sie und das präzise gecastete Ensemble zeigen Menschen, beglaubigt von der Zeit und ihren Umständen. Zeitfiguren, die in die vielen Welten, die sich im Babylon Berlin mischen, eintauchen. Und den Zuschauer an die Hand und mitnehmen ins „Moka Efti“ (gab es wirklich), einen Hotspot der Vergnügungsgesellschaft.

Dort amüsiert sich Charlotte Ritter, arbeitet als Halbseidene. Im Berghain-Vorläufer swingt und jazzt es, Körper suchen die Befreiung, die vom Kopf her nicht glücken will. Und alle warten sie auf den Auftritt von Nikiros. Im schwarzen Ledermantel, schwarzem Haar, schwarzem Schnäuzer sprechsingt der Maschinenmensch das Lied der Zeit: „Zu Asche, zu Staub, doch noch nicht jetzt. Ich suche die Unsterblichkeit."

„Babylon Berlin“ ist ab 13.10. im Pay-TV auf Sky, im Herbst 2018 im Free-TV im Ersten zu sehen.

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