Auf den Flügeln des Protests. Esther Agricola, Jens Mondalski und Ossama „OzOz“ Helmy. Foto: Jörg Metzner
p

„Faltet eure Welt“ im Grips Podewil Der Kniff mit der Freiheit

0 Kommentare

Stimmen aus Deutschland und Ägypten: Das Stück „Faltet eure Welt“ im Grips Podewil bricht ganz ohne Didaktik mit rein westlichen Perspektiven.

Vielleicht bedeutet Freiheit einfach Glück. Vielleicht auch, reich zu sein und sich alles leisten zu können. Oder es heißt, Bundespräsidentin zu sein und trotzdem nackt baden zu gehen. Ein Meer der Möglichkeiten. Am Grips-Theater kann sich jetzt jeder seinen eigenen Begriff von Freiheit machen. Und das geht so: Zunächst falten die Zuschauer unter Anleitung des ägyptischen Künstlers Ossama „OzOz“ Helmy einen ziemlich stabilen Papierflieger. Dann notieren sie mit Bleistift darauf, was ihnen zu diesem großen und letztlich ja auch recht abstrakten Wort einfällt. Jemand schreibt: „Gehen können, wohin man will, sagen können, was man will.“ Ein anderer: „Ein Land ohne Kriege, ohne Lärm.“

„Faltet eure Welt“ heißt das Stück im Grips Podewil, das die Regisseurin Lydia Ziemke mit den Ensemblemitgliedern Esther Agricola und Jens Mondalski sowie Ossama Helmy entwickelt hat, seines Zeichens Gründer des „Arab Origami Center“. Helmy beherrscht nicht nur staunenswert die japanische Kunst, aus Papier mit geübtem Knick die verschiedensten Figuren zu erschaffen. Er begreift Origami vor allem auch als Symbol für Lebensentscheidungen. Die lassen sich, ebenso wie Falten im Papier, nicht mehr rückgängig machen. Es bleiben Knicke in der Biografie, ob gute oder schlechte Wege genommen wurden.

Keine lineare Geschichte, sondern anskizzierte Szenen

Was am Grips entsteht, hat demzufolge auch nie Bastelkurs-Charakter. Vielmehr verschmelzen Falt- und Erzählkunst zum „Storygami“, einem Geschichtenabend für Zuschauer ab 14, der die Wünsche und Bedürfnisse von Menschen aus Ägypten und Menschen aus Deutschland miteinander konfrontiert. Regisseurin Lydia Ziemke hat mit ihrer Compagnie „suite42“ über viele Jahre ein Netzwerk mit Künstlerinnen und Künstlern aus dem arabischen Raum aufgebaut, hat unter anderem Texte des Syrers Mohammad Al Attar, des Palästinensers Imad Farajin und des Marokkaners Jaouad Essounani inszeniert. An der Schaubühne entstanden ihre „Gaza-Monologe“, am Heimathafen Neukölln brachte sie ihre Projektreihe „Lila Risiko Schachmatt“ heraus – benannt nach Begriffen, die wir im Deutschen aus dem Arabischen übernommen haben.

„Faltet eure Welt“ erzählt keine lineare Geschichte. Hier entstehen anskizzierte Szenen mit Freiraum fürs Nachdenken und Weiterspinnen. Im Bühnenbild von Afra Nobahar, das aus weißen Planen und Papierbahnen besteht, die etwa zum angedeuteten Haus gefaltet sind, performen Agricola, Mondalski und Helmy Momente, die auf verschiedene Weise mit dem Thema Freiheit zusammenhängen.

Faltkunstwerk, das jederzeit Gestalt und Richtung ändern kann

Das beginnt mit einer Demonstration. Der arabische Frühling scheint durch, die Massen haben sich zum Protest formiert: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Freiheit raubt!“ Die Spieler falten dazu Transparente und einen großen Flügel, auf den die Slogans projiziert werden. In einer anderen Szene sitzen zwei Jugendliche an einer Bushaltestelle, erzählen sich auf Arabisch dreckige Witze, lachen, fallen auf. Ein Landsmann ermahnt sie, sich zu mäßigen, sich ruhig zu verhalten. Doch warum sollten sie das tun? Wiederum in einer anderen Szene spielen Agricola und Mondalski Eltern-Kind-Konflikte durch. Ich will schwimmen gehen! Ich will in die Disco! Zu gefährlich, lautet die Antwort. Wir wollen doch nur dein Bestes!

So fügt sich die Inszenierung, auf Deutsch und Arabisch (mit Übertiteln), zu einem Faltkunstwerk, das jederzeit Gestalt und Richtung ändern kann. Und das ganz ohne Didaktik mit rein westlichen Perspektiven bricht. Für den ägyptischen Origami-Künstler Ossama Helmy etwa ist nicht mal das Reisen eine Selbstverständlichkeit, diese Freiheit genießt er nicht. Vor jedem Besuch in Berlin muss er bei der deutschen Botschaft in Kairo sein Visum verlängern lassen. Auch wenn das nicht mehr ist als ein Stück Papier.

Nächste Vorstellungen: 27. November (Schulvorstellung), weitere 2018

Mehr zu Mitte