April Ayers Lawson veröffentlichte ihre Prosa unter anderem in Granta, Oxford American und VICE. Jetzt erscheint ihr erstes Buch. Foto: Annemie Tonken / Rowohlt Verlag
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Erzählungen von April Ayers Lawson Erotische Knäuel

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Geschichten über Begehren, Missbrauch, Macht und Kunst. Die amerikanische Autorin April Ayers Lawson debütiert mit „Jungfrau und andere Stories“.

So kann man sich täuschen. Als Jake und Sheila sich kennenlernen, scheint das junge Ding aus evangelikalem Elternhaus, das seine Jungfräulichkeit für die Ehe aufspart, mit seinem Schmollmund und herausfordernden Blick einen „latenten sexuellen Appetit“ auszustrahlen. In der Hochzeitsnacht wird Jake aber von ihr mit hassverzerrter Grimasse abgewiesen, „diese Frau hier, seine Frau, gab ihm das Gefühl, er sei ein Vergewaltiger“. Als es eine Paartherapie später endlich zum ersten Beischlaf kommt, ist Sheila enttäuscht: „Es kommt mir so physisch vor … ich hatte eine spirituelle Komponente erwartet.“

Umso verdächtiger findet ihr Mann freilich, wie Sheila im Lokal die Blicke fremder Männer erwidert oder dass sie immer häufiger allein weggeht. Auf der Abendgesellschaft einer Spenderin von Jakes Arbeitgeber will der von Eifersucht und Frustration gepeinigte Gatte endlich Gewissheit haben. Im sicheren Vorgefühl, seine Frau in einem der Zimmer in flagranti zu erwischen, irrt er durch das weitläufige Anwesen – nur um am Ende selbst zum Betrüger zu werden. Von den nach einer Krebs-OP rekonstruierten Brüsten der Gastgeberin hatte Jake schon bei der Begrüßung kaum den Blick abwenden können.

„Virgin“, „Jungfrau“ heißt April Ayers Lawsons Debüterzählung, deren kristallene Sätze vom aufgeschobenen sexuellen Begehren schier zu vibrieren scheinen. Mit dieser Erzählung erregte die junge US-amerikanische Autorin im Jahr 2011 nicht nur einiges Aufsehen, sondern heimste gleich einen ersten Literaturpreis ein. Ganze sechs Jahre werkelte Lawson nun an ihrem ersten Buch, einer Erzählsammlung, die neben der Titelstory noch fünf weitere Texte enthält. Auch für diese zwischen zehn und sechzig Seiten langen Prosastücke gilt: Am Anfang steht fast immer ein bedeutsamer Moment in der Erzählgegenwart, der, während er sich weiterentwickelt, immer wieder von Rückblenden unterbrochen wird, in denen sich die Vorgeschichte entfaltet. Und: Die musikalische Präzision von Lawsons Prosa (von Maria Carlsson glänzend übersetzt) kontrastiert eindrucksvoll das ebenso chaotische wie unerfüllte erotische Innenleben ihrer Figuren, auffallend oft beschädigt von Missbrauch oder anderen sexuellen Traumata.

Zeitgenössische Variaton des Ödipuskonfliktes

So verwenden gleich zwei von Lawsons Erzählfiguren Kunstbände als Masturbationsvorlagen. Der pubertierende Ich-Erzähler in „Die negativen Auswirkungen des Hausunterrichts“ begeht seine „Taten der Leidenschaft“ über einem aus der Bücherei entwendeten Band mit Andrew Wyeths androgynen „Helga“-Bildern. Die zwielichtige Geschlechtlichkeit von Charlene, der transsexuellen neuen besten Freundin seiner Mutter, stürzt Conner in dieser zeitgenössischen Variaton des Ödipuskonfliktes freilich nur in umso größere Gender Troubles. Das unerfüllte Begehren der Mutter manifestiert sich in einem vom Sohn eifersüchtig belauschten Gespräch übers Tagebuchschreiben: „Alles, was sie machte, war, mir Aufgaben im Haus zuzuteilen, durch die Zimmer zu gehen und Staub zu wischen, grünen Tee zu trinken und einzukaufen. Nie hatte sie irgendein Tagebuch erwähnt; und dann ist Charlene keine dreißig Minuten hier, und meine Mutter ist Anne Frank.“

Conners Vater ist der von Glaubenskrisen heimgesuchte Presbyter seiner Gemeinde. Die Bigotterie im Südstaaten-Bibelgürtel prägt hintergründig alle Erzählungen des Bandes. April Ayers Lawson bezeichnet sich selbst als christliche Schriftstellerin. Doch welche Vorurteile dieses Bekenntnis beim Leser auch immer aufrufen mag, Lawsons Storys bestätigen keines davon. In einer anderen Erzählung zum Beispiel liegen „Drei Freundinnen in einer Hängematte“, beobachten ihre Männer beim Grillen und unterhalten sich über Affären in ihrem Bekanntenkreis.

Kunst spielt eine dominante Rolle in den Erzählungen

Die eng aneinandergepressten, verknoteten Körper der drei Frauen sind das Sinnbild für das erotische Knäuel aus Verrat, latentem gleichgeschlechtlichen Begehren, psychischen Störungen und erotischer Konkurrenz, das sich hier entfaltet: „Jede von uns hatte mit einem Mann geschlafen, mit dem eine der anderen auch geschlafen hatte.“ Liebe, sinniert die Erzählerin weiter, ist am Ende nur der Wettbewerb darum, wer die Abgründe des anderen tiefer auslotet. „Ich sehe dich. Ich sehe, wie versaut du bist, in einem Grad wie niemand sonst, und darum sehe ich mehr von dir, und darum liebe ich dich mehr.“ Alle drei Frauen sind Künstlerinnen, und Kunst spielt in Lawsons Storys eine auffallend dominante Rolle. Sie ist das verführerisch täuschende Gegengewicht zur erdrückenden Lebensrealität, kanalisiert unangebrachte Gefühle oder unangemessenes Begehren. In „Verletzbarkeit“, der intimsten und zugleich abgründigsten dieser Erzählungen, malt die Ich-Erzählerin, während ihr Ehemann die Abende mit Alkohol und Pornos verbringt, wieder und wieder den Mann, der sie vor Jahren vergewaltigt hat. Fremde, die dem Vergewaltiger zufällig ähnlich sehen, stehen ihr dabei in Hotelzimmern Modell.

Eine Art heilsamer Wiederholungszwang mit vertauschten Rollen zur Austreibung des Gespenstes – denkt der Leser, bis die Frau, die Clonazepam „wie Bonbons“ einwirft, in ihrem neuen New Yorker Galeristen einem wirklichen Wiedergänger des Täters begegnet. „Niemand hatte zuvor so mit mir gesprochen“, erzählt die Malerin. „Es war die spirituelle Entsprechung einer fast unmerklichen Berührung – als werde die Oberfläche meines Augapfels angetippt von einem dieser mit Kinnstütze versehenen Apparate, in die man beim Optiker starrt.“ Auf so bemerkenswert eindringliche Weise fühlt sich auch Lawsons Leser berührt.

April Ayers Lawson: Jungfrau und andere Storys. Aus demm Amerikanischen von Maria Carlsson. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017. 208 Seiten, 19,95 €.

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