Günter Grass mit Pfeife. Foto: dpap

Erinnerung an Günter Grass Der Deutsche der Franzosen

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Günter Grass war das Sprachrohr der Deutschen. Jedenfalls sahen die Franzosen das so. Ihn wollten sie immer hören - selbst als es schon längst ein entspannteres und fröhlicheres Deutschland gab. Eine Erinnerung.

Günter Grass ist gestorben!“ Kurz, sachlich, fast erschrocken, mit einem strammen Ausrufezeichen, das alle in der Nachricht mitschwingenden Gefühle zusammenfasst. Am Montag um 11.18 Uhr sprang die SMS eines deutschen Freundes auf das Display meines iPhones. Die Botschaft breitete sich aus wie ein Tintenfleck. Die Radiosendung, die ich im Auto hörte, wurde unterbrochen. In den Geschäften, in den Cafés sprach man sich an: „Haben Sie gehört? Günter Grass ist tot!“ Ich stürzte mich an meinen Rechner, um einen Nachruf zu schreiben.

Zwei Stunden später erschien das Porträt auf der Webseite meiner Zeitung in Paris unter der nüchternen Überschrift: „Günter Grass, l’Allemand“ – Günter Grass, der Deutsche. Deutschland verliert ein Nationaldenkmal, wir anderen Europäer verlieren unseren Deutschen vom Dienst. „Wir brauchen ein Interview mit Günter Grass!“

Kein einziges Mal hat er ein Interview zugesagt

Wie oft in meinen 25 Jahren Arbeit in diesem Land wurde mir dieser Auftrag gegeben? Das letzte Mal im Januar. Ich war gerade in Paris, und bei einer Redaktionskonferenz zerbrachen wir uns den Kopf, welchen deutschen Intellektuellen wir um eine Einschätzung des Phänomens Pegida bitten könnten. Ich nannte einige sehr interessante, in Frankreich aber nicht so bekannte Autoren, die sich kürzlich dazu geäußert hatten. Geistesabwesend hörten die Kollegen mir zu. Der Chefredakteur schien die vorbeifahrenden Autos zu zählen. „Frag doch lieber Günter Grass!“, unterbrach er mich plötzlich. Ich gab zur Antwort, dass es sich um einen sehr alten Herrn handelte, der das Schreiben aufgegeben hatte. Meine Einwände wurden nicht gehört. In all den Jahren habe ich wohl fünf Mal versucht, Grass zu einem Interview zu bewegen. Kein einziges Mal hat er ja gesagt.

Zur deutschen Einheit, zur Ausländerfeindlichkeit, zu Angela Merkel, zur Eurokrise, zum Europa-Engagement der Deutschen, zu Gerhard Schröders Reformen. Die Franzosen waren fest überzeugt, dass Günter Grass das einzige Sprachrohr seines Landes war. L’Allemand par excellence. Ich konnte noch so oft dagegenhalten, dass er mit seinen sehr pointierten Ansichten zur deutschen Einheit, die er mit einer Annexion verglich, ziemlich allein stand, dass seine Rolle, den Teppich hochzuheben, unter den seine Landsleute nach dem Krieg ihre Verbrechen gekehrt hatten, in Misskredit geraden war.

Immer los, bei Grass Klinke putzen

Wie kann man den Moralapostel spielen und mit dem Finger auf Andere zeigen, wenn man Jahrzehnte verschwiegen hat, dass man, wenn auch nur kurz und als sehr junger Mensch, bei der Waffen-SS war? Und außerdem war Günter Grass nicht mehr der Spiegel jenes entspannteren, selbstbewussteren, fröhlicheren, ansprechenderen Deutschlands, das ich heute zu beschreiben habe. Meine Argumente plumpsten ins Wasser. Nichts zu machen. Wann immer in Paris ein deutscher Intellektueller gebraucht wurde, der das aktuelle Geschehen beschreiben sollte, wurde ich losgeschickt, bei Grass die Klinke putzen.

Übrigens hat Günter Grass mit seiner Pfeife, seinem Schnauzbart, seinem gebeugten Rücken, seiner Tweedjacke, mich mein ganzes Leben lang begleitet. Ich erinnere mich, dass ich, noch im Gymnasium, „Die Blechtrommel“ von Volker Schlöndorff sah. Ich erinnere mich an den langen, glühend heißen Sommer in der Provence, als ich „Die Rättin“ las. Eine mühsame und eher freudlose Lektüre, wie ich zugeben muss. Schließlich zog ich mich mit „Im Schatten junger Mädchenblüte“ zurück, das passte sowieso besser zu den hohen Zypressen, unter die ich mich zur Stunde der Siesta flüchtete. Nach Indien nahm ich „Zunge zeigen“ mit. Was für eine verrückte Idee, den Subkontinent mit einem Norddeutschen als Guide zu bereisen! In Danzig dann folgte ich seinen Spuren und entdeckte das Land der Kaschuben und das Schicksal der Heimatvertriebenen. Aber in den vergangenen Jahren bin ich von ihm abgekommen. Und jetzt, nach seinem Tod, frage ich mich, wer seine Nachfolge übernimmt: Wer wird der Deutsche der Franzosen?

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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