Es lebe das Proletariat. Katja Hiller und Jens Mondalski als SDSler. Foto: david baltzer/bildbuehne.de
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„Eine linke Geschichte“ am Grips Theater 40 Jahre sind keine Zeit

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Schluss mit Uckermark: Die Neufassung von „Eine linke Geschichte“ am Grips Theater, zum 80. Geburtstag des Grips-Gründervaters Volker Ludwig.

„Wir haben uns hier eine Nostalgie-Kiste für abgeschlaffte Apo-Opas über 30 abgewichst“, bekennen die Macher gutgelaunt, „ebenso aber auch einen irgendwie nicht ungeilen Kick für alle coolen Typen und Freaks ab 16, die hier echt was checken können“. So klingt 1980 das Vorwort von Volker Ludwig und Detlef Michel zu ihrer selbstironischen Zeitreise mit Kabarett „Eine linke Geschichte“. Studentenrevolte und RAF-Terror, Frauenbewegung und Kommunardenblues, Utopie und Desillusionierung liegen da gerade mal ein paar Wimpernschläge der Historie zurück. Die Grünen gründen sich, das gesellschaftliche Richtungsgezerre ist noch in vollem Schwange. Und der Kampf um die Deutungshoheit der 68er-Ära hat noch lange nicht seinen Höhepunkt erreicht.

„Den heute Zwanzigjährigen mögen Zustandsbeschreibungen von damals wie Nachrichten aus uralten Zeiten vorkommen, über die sie nur die Köpfe schütteln können. Aber niemand sollte sich täuschen: Die Errungenschaften, die die 68er angestoßen haben und die Deutschland in eine moderne Gesellschaft geführt haben, sind immer wieder aufs Neue gefährdet“. Positionsbestimmung anno 2017. Am Grips läuft wieder „Eine Linke Geschichte“, in einer Neufassung, die Regisseur Rüdiger Wandel inszeniert. Der Anlass ist nicht zuletzt ein hoch erfreulicher, Gründervater Volker Ludwig feiert seinen 80. Geburtstag. Was läge da näher, als ein Stück wieder auf den Spielplan zu setzen, das zur Grips-DNA gehört wie die Hostie zur Kommunion und das über all die Jahre der Seismograf für die Gretchenfrage der Genossen war: Wie hältst du’s mit der Linken?

Neue Moderationen zur Einordnung

Am Hansaplatz herrscht Partystimmung, Prominenz aus Kultur und Politik ist versammelt, darunter die Ex- SPD-Bürgermeister Walter Momper und Klaus Wowereit. Die werden’s verschmerzen, dass ihre Partei im Stück als personifizierter Beelzebub gehandelt wird („Die Sozialdemokratie verhindert mit ihrem Einfluss auf die Arbeiterklasse die Revolution!“). Ebenso wie ein Jürgen Schitthelm vermutlich milde belustigt auf die Szene blickt, in der die von ihm mitgegründete Schaubühne am Halleschen Ufer bespöttelt wird („There’s no Bühne like Showbühne!“). Was nicht heißen soll, dass die „linke Geschichte“ Biss verloren hätte. Schon die nebenbei aufgeworfene Frage, ob der Dramatiker Botho Strauß der Sohn von Franz Josef sei, nimmt sich angesichts von dessen heutigem Rechtsruckgeschreibe ungebrochen treffsicher aus.

Es ist eben kein Museumsstück. Und das liegt nicht nur daran, dass Ludwig und Michel neue Moderationen zur Einordnung geschrieben haben („Damit die unter 60-Jährigen auch was verstehen“). Oder daran, dass sie ihrer dreistündigen Shortstory vom Aufstieg und Fall der Ideale (mal wieder!) einen neuen Schluss verpasst haben. Nein, ihre Stationenrevue leistet auch noch immer wichtige Aufklärungsarbeit, generationsübergreifend. Weil man ohne den Blick in den Rückspiegel ja kaum kapiert, was die gegenwärtig reihum erstarkenden nationalistischen Tendenzen eigentlich bedrohen. Da hat die aufgefrischte Vorrede schon recht.

Ludwig betont ja gern, dass man sich den Mief der Adenauer-Jahre heute kaum noch vorstellen könne, diese Strammsteh-Stimmung im „Eins-hinter-die-Löffel-Land“, im „Lieber-tot-als-rot-Land“ – Zitate aus einer der Nummern des Reichskabaretts, mit denen Ludwig auch die eigene Herkunft beleuchtet. Jetzt bescheren sie ein schönes Wiedersehen unter anderem mit den Grips-Urgesteinen Thomas Ahrens und Dietrich Lehmann, die sichtlich Spaß haben an der alten Satire: „Was dieses Volk an Unsinn schluckt und nicht mal mit der Wimper zuckt …“

Nach wie vor komisch, hellsichtig, mitreißend

Auch die eigentliche Geschichte um die SDSler Karin (Katja Hiller), Johannes (Jens Mondalski) und Lutz (David Brizzi), die mit der Mobilisierung des Proletariats und dem eigenen kleinbürgerlichen Schweinehund ringen, ist nach wie vor komisch, hellsichtig, mitreißend. Sie endet nicht (wie noch 2006) mit einem Mao-Plakat im Wochenendhaus in der Uckermark, der Endstation aller Märsche durch die Institutionen. Sondern im Grips Theater selbst. Wo es, wie schon 1980, das Versprechen auf einen starken Anfang gibt.

Grips-Leiter Philipp Harpain, der Ludwig ab der kommenden Spielzeit vollständig beerben wird, betont in seiner Geburtstagsrede, dass der große Gründer eben nicht nur das Kindertheater verändert habe, sondern überhaupt die Gesellschaft. Auch das ist eine Wahrheit der Geschichte.

wieder 7. und 8. Juli, derzeit ausverkauft. Weitere Vorstellungen nächste Spielzeit.

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