Tom Cruise in "Edge of Tomorrow". Foto: dpap

"Edge of Tomorrow" Tom Cruise stirbt hundert Tode - und macht das ausgesprochen gut

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Eine überraschungsreiche Handlung, das entfesselte Wumms der Schlacht, die eindrücklichen 3-D-Bilder und nicht zuletzt der Humor: "Edge of Tomorrow" von Doug Limans nimmt den Zuschauer ein die wie Aliens Europa.

Da ist sie wieder, die Grinsefratze. Gleich zum Start präsentiert Tom Cruise sein Markenzeichen – jenes Zähnefletschen, von dem man sich immer nur wünscht, dass es schnellstens vergehen möge.

Die gute Nachricht: In „Edge of Tomorrow“ vergeht es ihm gründlich. Cruise spielt Major Bill Cage, einen geschmeidigen PR-Spezialisten beim Militär. Cage kann sich sein Ego nicht aus dem Gesicht wischen, auch jetzt nicht, da es um die Rekrutierung von Soldaten für das letzte Aufgebot der Menschheit geht: Schließlich ist Europa bereits fest in der Hand unbesiegbarer Aliens. Doch nun muss Cage überraschend selbst an die Front und ist plötzlich Teil jenes Kanonenfutters, das er gerade noch rekrutieren half. Jämmerlich, wie er panisch schwitzend übers Schlachtfeld stolpert. Keine fünf Minuten, dann ist er tot.

Hier könnte Schluss sein. Dann wäre „Edge Of Tomorrow“ ein imposanter Kurzfilm, in dem Doug Liman („Die Bourne Identität“) ein grandioses Schlachtenchaos entfesselt, das nicht zufällig an Steven Spielbergs „Saving Private Ryan“ erinnert. Aber was, wenn man nach dem anonymen Tod gleich wieder aufwacht? Bill Cage ist in einer Zeitschleife gefangen. Wenn er abkratzt, beginnt die Schlacht von vorne. Cage stirbt, fängt wieder an, stirbt, fängt an ... und wird jedes Mal ein bisschen besser.

Selten war der Verlauf eines Films so sehr von der Logik des Computerspiels beeinflusst: Die Schlacht geschieht wie programmiert. Cage lernt, wann er einen Schritt nach rechts machen, wann er sich ducken, wann er eine Salve nach links abfeuern muss. Er trainiert sein Überleben wie eine Choreografie. Er will ins nächste Level.

Der Film könnte der erste Erfolg von Tom Cruise seit langem werden

Klingt langweilig? Ist es nicht. Doug Liman und seine Autoren haben Spaß an Zeitschleifen-Szenarien. Sie begnügen sich nicht mit dem Naheliegenden, und sie trauen ihrem Publikum zu, Lücken auch mal selber zu füllen. Die geschickte Dosierung aus Überraschung, Wiederholung und Auslassung macht den Film aus. Zwei Stunden, so aufregend, dass sie vorbeigehen wie im Flug.

Und doch: Wenn so viel richtig gemacht wird, fällt umso mehr ins Gewicht, was fehlt. Als der erste Trailer zu „Edge“ ins Internet eingespeist wurde, war die Filmmusik (ein eintöniges, aber zweckmäßiges Orchesterstampfen) noch nicht fertig; das Ersatzstück, „This Is Not The End“ von Snow-Patrol-Mitglied Johnny McDaid, gab den Bildern eine unheimliche Schwermut.

Aus dem fertigen Film sind solche Anflüge leider verschwunden. Es gibt kein Innehalten im Angesicht des Dauersterbens (eine grässliche Strafe wie aus Dantes Inferno). Keine Ermüdung angesichts der traurigen Vergeblichkeit des Immernoch-mal oder des Martyriums, das der Held durchstehen muss. Denn Sterben tut ja weh. Private Cage stirbt hundertfach, mindestens zwei Dutzend seiner Abgänge suggeriert der Film – richtig zeigt er aber nur seinen ersten, sehr eindrücklichen Tod.

Und dann ist da noch der „Engel von Verdun“. Die Super-Soldatin Rita Vrataski (Emily Blunt) war das Gesicht von Cages PR-Kampagne, niemand hat mehr Aliens getötet als sie. Cage verbringt nun jeden seiner Tage mit ihr – und lernt sie kennen, immer besser. Sie dagegen kann keine Erinnerungen anhäufen. Wie soll daraus eine Romanze werden? Sehr reizvoll, dieses Problem. Liman fängt leider nicht viel damit an. James Cameron („Avatar“) hätte es zu nutzen gewusst.

Die überraschungsreiche Handlung, das entfesselte Wumms der Schlacht, die eindrücklichen 3-D-Bilder (und nicht zuletzt: der Humor) sollen uns einnehmen wie die Aliens Europa. Das tun sie auch. Aber wie viel besser wäre dieser Film, wenn es gelänge, all das noch mit einem emotionalen Resonanzboden zu unterfüttern? Zu groß war wohl die Sorge, derlei könnte den Drive erschüttern.

„Edge Of Tomorrow“ ist mehr als nur eines dieser Cruise-Vehikel zum Abwinken, die ihre Kosten mühevoll in jenen Ländern einspielen müssen, in denen Tom Cruise noch ein Superstar ist. Der Film könnte sogar der erste Überraschungserfolg des Sommers werden – ein Erfolg, den Cruise seit langem dringend sucht. Und doch: Man bleibt ein bisschen betrogen um das, was möglich gewesen wäre.

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