Das Gesicht in der Menge. Britische Rekruten kurz bevor sie angegriffen werden FOTO: WARNER BROTHERSp

"Dunkirk" im Kino Wir werden an den Stränden kämpfen

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Standhalten und Tee trinken: Christopher Nolan rekonstruiert in seinem multiperspektivischen Historienfilm „Dunkirk“ den größten Rückzug der Kriegsgeschichte.

Krieg kennt für denjenigen, der ihm ausgeliefert ist, nur eine Perspektive, die Nahsicht. Krieg, das ist eine Fontäne aus Erdbrocken und Angst, aufgewirbelt im Granatenbeschuss. Das knirschende Geräusch von Panzerketten, die sich auf eine Stellung zubewegen. Das metallische Beben, das durch ein Schiff geht, wenn es von einem Torpedo getroffen wird. „Der Krieg gipfelte in der Materialschlacht; Maschinen, Eisen und Sprengstoff waren seine Faktoren“, hat Ernst Jünger geschrieben. „Selbst der Mensch wurde als Material gewertet.“ Und verwertet. Jünger meinte die Schützengräbenkämpfe an der Somme und in Cambrai, aber sein Befund galt auch für die noch kommenden Kriege. Ein Schrapnell kennt keine Moral.

„Dunkirk“, Christopher Nolans Filmfresko über einen Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs, verzichtet auf Erklärungen. Es gibt keine Einblendung, die erzählt, dass der Name der nordfranzösischen Hafenstadt Dünkirchen für den erfolgreichsten Rückzug der Geschichte steht, mit dem im Juni 1940 fast 350 000 eingekesselte alliierte Soldaten über den Ärmelkanal nach England gerettet werden konnten. Ohne Dünkirchen – englisch: Dunkirk – hätten die Deutschen den Krieg vielleicht schon gewonnen gehabt. „Dunkirk“, der fast vollständig auf analogem 70-Millimeter-Material gedreht wurde und nun auch auf einigen 70-Millimeter-Leinwänden gezeigt wird, ist eine große Geschichtserzählung, ein Heldenpanorama.

Aber er zeigt den Krieg ausschließlich in der Nahsicht, so als wäre der Zuschauer ihm selber ausgeliefert. Am Anfang senken sich sehr malerisch Flugblätter auf die Gassen von Dünkirchen herab. Die Deutschen teilen den Engländern mit, dass sie eingeschlossen sind, und fordern sie auf, zu kapitulieren. Eine spielerische, fast traumverlorene Ouvertüre, die plötzlich in Gewalt umschlägt. Die Eroberer, von denen bis zum Schluss nichts als ein paar Stahlhelme zu sehen sein werden, schießen auf die Soldaten, die sie eben noch zum Aufgeben überreden wollten. Eine Gruppe von Rekruten rennt um ihr Leben, doch nur einer von ihnen, gespielt von Fionn Whitehead, schafft es unversehrt heraus aus dem Straßengewirr.

Ballett der Todgeweihten

Als er aus den Dünen an den Strand tritt, sieht er Tausende von Soldaten, die sich in Zweierreihen aufbauen. Ein absurdes Ballett. Sie stehen bereit zur Evakuierung. Aber die Schiffe der Royal Navy, die sie evakuieren könnten, gibt es nicht. Die gespenstische Szene ist der einzige Moment der Irritation im ganzen Film. Nolan erzählt sehr geradlinig, er arbeitet genauso hoch konzentriert, wie seine Figuren kämpfen. Surreale Schlenker wie in Terrence Malicks Pazifikkriegsfilm „Der schmale Grat“, wo die Kamera im Gefecht zu Insekten und Gräsern abschweift, wären bei ihm unvorstellbar.

Für Nolan ist die Schlacht – wobei es den Briten ja gerade gelingt, sie zu vermeiden – eine große böse Maschine, an der er jede Schraube zeigen möchte. Dazu passt die suggestive, um nicht zu sagen: manipulative Filmmusik von Hans Zimmer, die mit ultratiefen Industrial-Sounds die Kinositze erbeben lässt. „Dunkirk“ will ein totaler Kriegsfilm sein, er zeigt die Ereignisse in schnellem Gegenschnitt auf drei Schauplätzen, zu Land, zu Wasser und in der Luft.

Diese Trias ist auch eine Referenz an die berühmte Rede, die Winston Churchill gleich nach der geglückten Operation hielt, als die Niederlage zum Sieg geworden war: „Wir werden auf den Stränden kämpfen, wir werden an den Landungsabschnitten kämpfen, wir werden auf den Feldern und auf den Straßen kämpfen.“ Am Ende des Films wird die Ansprache zitiert, ein Überlebender liest sie in einem langen patriotischen Fadeout aus der Zeitung vor. Nolan geht es neben der Akribie auch um den Heroismus.

Heroismus ohne Helden

Wobei es kein triumphierender, sondern ein stiller, beiläufiger Heroismus ist, wenn der Commander, gravitätisch von Kenneth Branagh verkörpert, zwischen zwei Bombenangriffen murmelt: „Wir müssen unser Bestes geben“ oder wenn Mark Rylance als Familienvater mit seinem Motorsegler herausfährt aufs Meer und dem Sohn lakonisch mitteilt: „Wir fahren in den Krieg, unsere Pflicht tun.“ Zwischendurch wird unerschrocken Tee getrunken. Drei Handlungsstränge – die Soldaten am Strand, das Schiff auf hoher See und über ihnen der unzerstörbare Tom Hardy als Spitfire-Pilot – sind so eng miteinander verschlungen, dass dem Zuschauer kaum einmal eine Verschnaufpause bleibt.

Allerdings folgen die drei Ebenen, wie eingeblendete Tafeln erklären, jeweils einer eigenen Zeitachse, von mehreren Tagen auf der Mole bis zu einer Stunde in der Luft. Nolan versucht, Wahrnehmungen zu rekonstruieren und ein Höchstmaß an Sinneseindrücken herzustellen. Erfahrungen können sich im Extremfall, so heißt es, endlos dehnen oder winzig klein zusammenfalten. Die Bilder von „Dunkirk“ wirken wie mit Grau- und Schwarzschleiern überzogen, doch darunter funkelt es metallisch. Das ist das Nolan-Metallic, bekannt bereits aus seinen stilprägenden „Batman“-Filmen.

Natürlich wird reichlich gestorben in diesem Film, meist wenig dramatisch. Menschen ertrinken, sie werden von Maschinengewehrsalven niedergemacht und von Bomben zerrissen. Die Toten, das sind die, die nach einem Angriff auf den Strand nicht mehr aufstehen. Wer die 107 Minuten hinter sich hat, der hat gelernt, das Geräusch eines aggressiv niederstoßenden Stuka-Bombers vom gleitenden, aber nicht weniger gefährlichen Anflug einer Messerschmidt-Maschine zu unterscheiden. Doch nie erreicht „Dunkirk“ die Drastik und Brutalität der Anfangsszenen von Steven Spielbergs Normandiefilm „Der Soldat James Ryan“.

Historienfilme, so behauptet eine Binsenweisheit, handeln von der Gegenwart. Großbritannien befindet sich nach dem Brexit-Beschluss in einem Zustand der Orientierungslosigkeit, in dem es sich alter nationaler Stärke zu versichern versucht. Dabei hilft offenbar eine Serie von patriotischen Filmen, die gerade ins Kino kommen. Geplant wurden sie bereits vor dem Referendum.

Napoleon der Landungsbrücken

„Churchill“ mit Brian Cox porträtiert den Premierminister des Invasionjahres 1944 als Helden im Abstieg. „Ihre beste Stunde“ zeigt die Rettungsaktion von Dünkirchen aus Sicht der Heimatfront. „Churchill – Die dunkelste Stunde“ mit Gary Oldman, angesiedelt in den Tagen von Dünkirchen, soll Anfang 2018 herauskommen. Churchill, dem der Brexit-Stratege Boris Johnson eine Biografie gewidmet hat, wird als „greatest Briton“ aller Zeiten verehrt. Dass er einen Rückzug vom Kontinent befehligte, wirkt wie eine Vorwegnahme des Europa-Ausstiegs.

Kenneth Branagh ist als Oberbefehlshaber in „Dunkirk“ ein Napoleon der Landungsbrücken. Unentwegt richtet er seinen Blick in die Ferne, auf den Horizont. Als dort endlich Hunderte von kleinen Schaluppen auftauchen, die seine Männer retten werden, sagt er nur: „Heimat“. Dabei hat der Commander Tränen in den Augen. Blut, Schweiß und Durchhalteparolen: „Dunkirk“ hat alles, was ein Landserfilm braucht.

In 30 Berliner Kinos, OV: Cineplex Karli Neukölln, CineStar im Sony Center, CineStar Imax, Rollberg, Colosseum und Zoo Palast. Der Zoo Palast zeigt den Film auch auf einer Leinwand für 70-Millimeter-Formate, als eins von fünf Kinos in Deutschland.

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