DSO: neuer Dirigent gefeiert Schaulauf der Schwierigkeiten

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Flammendes Spiel: Der französische Geiger Renaud Capucon begeistert beim DSO in der Philharmonie

Auch das spricht für Robin Ticciati, den künftigen Chefdirigenten des Deutschen Symphonie-Orchesters: Dass der britische Maestro uneitel genug ist, bei seinem ersten Auftritt mit dem DSO nach der Ernennung Edward Elgars monumentales Violinkonzert aufs Programm zu setzen. Jeder Solist nämlich, der dieses 50-Minuten-Werk meistert, das sowohl physisch wie gestalterisch allerhöchste Anforderungen an den Interpreten stellt, wird zwangsläufig zum Star des Abends.

Und der französische Geiger Renaud Capucon ist sehr gut am Freitag in der Philharmonie: Er lässt sich nicht vom mächtig auftrumpfenden Orchestervorspiel einschüchtern, erhebt seine Stimme mit größtmöglichem Selbstbewusstsein – und übernimmt dann bis zum Schluss die Führung, lenkt das Geschehen, kanalisiert die Gefühlswallungen, sodass Elgars emotional ausufernde Spätromantik Sinn und Richtung erhält.

Auch Helen Grimes "Near Midnight" hat Ticciati ausgewählt

Flammend ist Capucons Spiel im Eröffnungssatz, mit Verve geht er immer wieder an die Grenze dessen, was sich aus seinem Instrument herausholen lässt. Aber er hat auch die innere Ruhe fürs Andante, wenn er als einsamer Wanderer über den moosigen Klangteppich schreitet, den Ticciati und das DSO ihm ausrollen. Das Finale hat der Komponist schließlich noch als Virtuosen-Feuerwerk konzipiert, als schier endlosen Schaulauf der Schwierigkeiten: Renaud Capucon meistert es mit Marathonläufermut – und wird im Ziel ausgiebig von Publikum wie Orchester gefeiert.

Mit dem 2012 uraufgeführten „Near Midnight“ der Schottin Helen Grime hat Robin Ticciati ein weiteres Stück aus seiner britischen Heimat ausgewählt, eine atmosphärische Klangstudie mit fein ausgehörten Instrumentaleffekten, die maritime Assoziationen weckt, auch weil Benjamin Brittens „Sea Interludes“ aus der Oper „Peter Grimes“ und Debussys „La mer“ hörbar Pate gestanden haben. In Schumanns „rheinischer Sinfonie“ wird zum Abschluss noch einmal die Musikalität Ticciatis deutlich. Der jugendliche Schwung des 33-Jährigen ist mitreißend, die liedhafte Schlichtheit des dritten Satzes gelingt ihm wunderbar anmutig. Wo es aber darum geht, die innere Struktur der Partitur hörbar zu machen, einzelne Instrumentengruppen so gegeneinander auszubalancieren, dass Tiefenschärfe entsteht, da bleibt dem britischen Shootingstar für die Berliner Jahre noch Entwicklungspotenzial.

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