Sibylle Berg in einer Filmszene Foto: Zorro Film/dpap

Dokumentation über Sibylle Berg Lieber würde sie Pilze erforschen

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Verwirrend: Die Dokumentation "Wer hat Angst vor Sibylle Berg" beleuchtet die Autorin.

„Designerin des Schreckens“, „Hasspredigerin der Singlegesellschaft“ oder die „letzte freie Radikale“: Der Dokumentarfilm „Wer hat Angst vor Sibylle Berg“ beginnt mit lustigen Zuschreibungen. Und während diese Wendungen als Untertitel durchs Bild rauschen, stiefelt die Porträtierte selbst mit sympathisch scheuer Neugier durchs berühmte Lautner-House über den Hügeln von Los Angeles. Frau Berg interessiert sich nämlich für vieles – und ganz besonders für Architektur. Dass die von ihr liebevoll als „Dokuschlampen“ bezeichneten Filmregisseurinnen Sigrun Köhler und Wiltrud Baier ihr zu diesem gläsernen Milliardärsmekka Zutritt verschaffen, galt als Bedingung der Autorin, sich überhaupt auf dieses Filmporträt einzulassen.

Wer glaubt, in den folgenden 84 Minuten vollständig hinter diese Zuschreibungsimages zu steigen und so etwas wie die „authentische“ Sibylle Berg kennenzulernen, ist natürlich im falschen Film. Wer mit der Autorin allerdings darin übereinstimmt, dass komplexe Persönlichkeiten über komplexe Identitätskonstrukte verfügen, Authentizität auch nur ein Inszenierungsaccessoire ist und die Art, sich zu entziehen, prinzipiell genauso spannend sein kann wie forsche Preisgabe, der wird an diesem Film nicht nur seine Freude haben, sondern auch einiges erfahren.

Und zwischendurch: Plausch mit den Kollegen

Zum Beispiel, wie die als Tochter eines Musikprofessors und einer Bibliothekarin in Weimar geborene und 1984 in die BRD geflüchtete Autorin („Ich dachte gar nicht, das System ist unmenschlich, sondern ich wollte den Rest der Welt sehen“) sich in der Schweiz kurzzeitig zum Clown ausbilden ließ: ein bilaterales Missverständnis. Oder dass Berg, wenn sie heute noch mal jung wäre, keinen „Randgruppenscheiß“ schriebe, sondern „ein mikrobiologisches Institut“ unter sich hätte und „Pilze erforschen“ würde. Dichtung und Wahrheit, (Selbst-)Ironie und tiefere Bedeutung gehen abendfüllend Allianzen ein, manchmal nachhaltig erhellende und manchmal einfach nur kurzfristig amüsante.

Ein Jahr lang haben die beiden Regisseurinnen Sibylle Berg begleitet, abgesehen von L. A. und der Schweiz auch zu Theaterproben ihres Stückes „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ am Berliner Maxim Gorki Theater, zu Seminaren mit ihren Studentinnen oder zu befreundeten Künstlerinnen. Mit der Schriftstellerkollegin Helene Hegemann plaudert Berg profund über die Bayreuther Festspiele, mit der Schauspielerin Katja Riemann über alles Mögliche. Nach knapp anderthalb Stunden ist dann aus der „letzten freien Radikalen unter den deutschen Schriftstellerinnen“ eine Frau geworden, die Vergangenheit zwar immer noch „nicht irrsinnig interessant“ findet, dies allerdings auf eine sehr beredte Art.

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