Josh Davis alias DJ Shadow aus Kalifornien. Foto: Anthony Anex/dpa
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DJ Shadow live in Berlin Lehrstunde beim Schnipselmeister

Volker Lüke
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Virtuos und hochkonzentriert: DJ Shadow spielte ein fulminantes Set im Festsaal Kreuzberg.

Laut einer Marktforschungsstudie hat Hip-Hop kürzlich in den USA zum ersten Mal die Rockmusik als meistgehörtes Genre abgelöst. Das dürfte auch Josh Davis gefreut haben, der in den neunziger Jahren seine Karriere unter dem Namen DJ Shadow begann. Der Kalifornier leistete einen wichtigen Beitrag als Innovator des instumentalen Hip-Hop, als er 1996 mit nur einer einzigen Platte die Popmusik revolutionierte: Sein Debütalbum „Endtroducing...“ war die erste Platte, die komplett aus Samples von alten Schallplatten bestand und mit seinem abstrakt groovenden Eklektizismus bis heute enorm einflussreich ist.

DJ Shadows Leidenschaft für knisterndes Vinyl hat dabei nicht nur zu einer stattlichen Sammlung von über 60 000 Platten geführt, sondern auch zu einem erstaunlichen Wissen über Popmusik, das ihm erlaubt, die unterschiedlichsten Quellen für seine vertrackten Kompositionen anzuzapfen: Soul, Funk, Filmmusik, Sprechplatten, Dubstep, Neo-Klassik – es gibt nichts, was sich nicht verhackstücken ließe.

Querschnitt durch die Höhepunkte seines Schaffens

Auch auf seinem aktuellen Album „The Mountain Will Fall“ und der vor zwei Monaten nachgelegten EP „The Mountain Has Fallen“ verquirlt er wieder alles zu einem beeindruckend dichten Gesamtkunstwerk, das gelegentlich in düstere Hörspiel-Welten abtaucht, dabei aber immer funky bleibt.

Unterstützt haben ihn diesmal nicht nur die Rapper Nas, Danny Brown und Run The Jewels, sondern auch der Jazz-Trompeter Matthew Halsall, Filmkomponist Steven Price („Gravity“) und der Berliner Pianist Nils Frahm. Deren Beiträge kommen bei der Live-Präsentation im Festsaal Kreuzberg freilich von der Festplatte, was aber kaum stört, schließlich ist die Verschmelzung von fetten Beats mit irren Breaks und erlesenen Samples eine bleibende Leistung von DJ Shadow, der einen packenden Querschnitt durch die Höhepunkte seines Schaffens liefert. Darunter die aktuelle Single „Nobody Speak“ mit dem entzückenden Gitarren-Intro von Caterina Valentes „Ol’ Man River“, „Six Days“, „Midnight In A Perfect World“ und das bohrende „Organ Donor“ als obligatorischer Schlusspunkt.

Farbenprächtig animierte Visuals

Als verlöte er jeden einzelnen Beat gerade jetzt vor den Augen des Publikums, steht der 45-Jährige hochkonzentriert hinter seinem DJ-Pult, das mit Sampler, Laptop, Mixer, Turntable und einem kleinen Perkussion-Set ausgestattet ist. Eingebettet in farbenprächtig animierte Visuals, die sowohl hinten an der Bühnenwand als später auch wie ein 3D-Hologramm vor ihm über eine transparente Leinwand flackern, offenbart er einen Einblick in sein Handwerk, das den Vergleich mit den großen Virtuosen im Rock und Jazz nicht zu scheuen braucht. Ein Haufen beflissener Lehrlinge in den Reihen lässt derweil seine Finger keine Sekunde aus den Augen. Sie stauen und versuchen zu verstehen, wie er diese deliziösen Beats von den Tellern droppt und es dabei immer wieder schafft, mit punktgenauen Scratch-Einlagen die Intensitäten voranzutreiben.

Das Gegenteil von Guetta & Co.

Dabei ist der Plattenschattenmann das exakte Gegenteil von populären Mischpultfummlern wie Calvin Harris oder David Guetta, deren Songs wirken, als seien sie in kürzester Zeit am Computer zusammengeschoben worden. DJ Shadows Klangbastelei vermittelt dagegen noch immer eine Vorstellung davon, wie weit ein DJ und die Musik überhaupt zu gehen vermag. Was durchaus zu Irritationen führen kann: Als er vor einigen Jahren in einer Nobel-Disco in Miami von den Plattenspielern verbannt wurde, weil der Club-Manager die Show „too future“ fand, twitterte er nach seinem Abgang: „Es ist mir egal, ob ich aus jedem Schnösel-Club des Planeten rausgeworfen werde. Aber niemals werde ich meine Integrität als DJ opfern“. Das Publikum im Festsaal weiß diese Einstellung offenbar zu schätzen und entlässt den genialen Schnipselmeister nach 90 Minuten mit großem Applaus: Back to the Future!

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