Wem gehört das Haus? Die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz während ihrer Besetzung Ende September. Foto: Kai-Uwe Heinrich
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Die Dercon-Kontroverse und der globale Populismus Volk und Bühne

Michael P. Steinberg
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In westlichen Demokratien tobt ein Kulturkampf. Es geht um Vorrechte, das Verständnis von Identität. Der Berliner Volksbühnen-Streit bündelt die globalen Konfliktebenen. Ein Gastbeitrag.

Michael P. Steinberg

Michael P. Steinberg ist Präsident der American Academy in Berlin und Professor für Geschichte, Musik und Germanistik an der Brown University, Providence. Zwischen 2009 und 2013 war er Dramaturg von Wagners „Ring des Nibelungen“, einer gemeinsamen Produktion der Berliner Staatsoper und der Mailänder Scala.

Für den amerikanischen Beobachter hat „Dem deutschen Volke“, die Inschrift am Giebel des Reichstagsgebäudes, etwas fundamental Unbehagliches. Sie geht zurück auf einen Vorschlag von Paul Wallot, den Architekten des Gebäudes, aus dem Jahr 1894. Damals wurde sie vom „Berliner Lokal-Anzeiger“ als „naiv, beinahe komisch“ abgetan, weil sie dem Prinzip widersprach, wonach das „Volk“ ja eigentlich von vornherein der Herr des Hauses sein müsste. Die Inschrift aber weckt implizit die Vorstellung, eine höhere Gewalt habe den Menschen die Autorität über das Haus verliehen.

Diese Rhetorik unterscheidet sich stark von „We the people“. Die einleitenden Worte der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika beanspruchen auch Souveränität für sich, kommen jedoch im gleichen Atemzug der Autorität jeder höheren Gewalt zuvor – König, Kaiser, oder Gott.

Die Widersprüchlichkeit des Volksbegriffs

„Dem deutschen Volke“: Als 1916 die drei Worte schließlich auf einer Woge kriegerischen Nationalismus angebracht wurden, hatte sich ihre Bedeutung verschoben. Sie markierten nicht mehr eine horizontale Souveränität – das Volk, das von einer höheren Gewalt befreit wurde –, sondern ein vertikales Vorrecht: das deutsche Volk vor allen anderen. Eine soziale oder klassenbezogene Kategorie war durch eine nationale ersetzt worden.

Wie der Nationalismus selbst ist diese Haltung in sich widersprüchlich. Obgleich sie vorgibt, Menschen einzubeziehen, ist ihre Funktion in Wahrheit, andere auszuschließen. Es ist bekannt, dass die völkische Tradition in der deutschen Politik ihre Feindseligkeit gegen Außenstehende richtete – hauptsächlich gegen die Franzosen, aber bald darauf auch gegen Gruppen im Land, hauptsächlich gegen die Juden.

Der neue Populismus tobt auf beiden Seiten des Atlantiks

Als sie in den späten 90er Jahren in das Reichstagsgebäude einzogen, waren sich die Mitglieder des Deutschen Bundestages dieses Problems bewusst. Nicht ohne Kontroverse entschieden sie, dass im Lichthof des Gebäudes als Korrektur der Botschaft „Dem deutschen Volke“ ein Kunstwerk von Hans Haacke platziert wird. Es ist ein mit Schotter und Erde gefüllter Schriftzug „Der Bevölkerung“. Diese Auswechslung der Begriffe geht zurück auf Bertolt Brecht, der 1935 vorschlug, besser von „Bevölkerung“ statt von „Volk“ zu sprechen, genauso wie von „Landbesitz“ anstelle von „Boden“.

Populismus, der politische Aufstand, der momentan auf beiden Seiten des Atlantiks tobt, scheint ebenfalls dem horizontalen, sozial- und klassenbasierten Verständnis des Begriffs „Volk“ abgeschworen zu haben. Er trennt die Zugehörigen (Insider) von Außenstehenden (Outsider); selbst wenn – oder eher, insbesondere wenn – die Outsider gleichzeitig auch Insider sind. Der neue amerikanische Populismus zeigt sich vielleicht am treffendsten und am deutlichsten in den Parolen „Wir lassen uns nicht ersetzen“ und „Juden werden uns nicht ersetzen“.

Solche Parolen wurden im August von den Verfechtern der weißen Vorherrschaft bei den schlussendlich mörderisch endenden Ausschreitungen in den Straßen und auf dem Universitätscampus von Charlottesville, Virginia, skandiert. Diese Mischung aus Panik und Gewalt kennt man in Europa, ob in Form von Geert Wilders jüngstem Tweet „Unsere Bevölkerung wird ersetzt. Nicht länger“ oder der noch nicht lange zurückliegenden erfolgreichen Kampagne der AfD.

In Europa ist Islamfeindlichkeit die treibende xenophobe Stimmung, unterstützt durch die allzeit signifikanten Mittel des Antisemitismus. Islamfeindlichkeit ist in den Vereinigten Staaten von relativ geringer Bedeutung, wie die Soziologin und Stipendiatin an der American Academy in Berlin Nancy Foner erklärt. Trotz der politischen Auseinandersetzung mit dem Terrorismus nach dem 11. September und dem Vorstoß der Regierung Trump, Einwanderung aus Ländern mit einer muslimischen Mehrheit zu verbieten. In den USA bleibt der auf Hautfarbe basierende Rassismus das dominante gesellschaftliche Trauma. Die völkische Tradition in der amerikanischen Politik ist der Rassismus, der auf die Hautfarbe schaut.

Die Panik des Populismus zielt auf die kulturelle Identität. In der zweigeteilten USA dreht sich die Kultur auf der einen Seite um Gott und Waffen. 40 Prozent der Amerikaner sagen von sich, dass sie jede Woche in die Kirche gehen. Amerikanische Populisten tragen Waffen oder bestehen zumindest auf ihrem Recht, welche zu tragen. Einschließlich Waffen, die zu Massenmorden befähigen, wie wir es immer wieder mit beinahe routineartiger Regelmäßigkeit erleben, zuletzt in Las Vegas.

Auf der anderen Seite steht die amerikanische Kultur als führende Kraft der Globalisierung, geprägt vom Konsumdenken sowie der Idee, dass Kultur und Bildung Waren seien, die man kaufen und verkaufen kann. In dieser Hinsicht ist die einzige Möglichkeit, wie sich „rote“ (republikanische) und „blaue“ (demokratische) Kultur in den Vereinigten Staaten miteinander versöhnen können, ein subtiles Programm der Säkularisierung. Wobei Säkularisierung hier definiert ist als die Akzeptanz eines sozialen Vertrags, der einer vielfältigen und in der Tat gespaltenen Bevölkerung Raum für Verhandlungen eröffnet.

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