Der elektrische Engel

Rüdiger Schaper
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Martin Scorsese schenkt Bob Dylan einen bewegenden Dokumentarfilm. Ab Montag tourt der Rockpoet durch Deutschland

Von Zeit zu Zeit seh’ ich den Alten gern. Sagt der Teufel, wenn er Gott besucht in Goethes „Faust“. Und so geht es uns auch mit Bob Dylan. Wir dürfen ihn auf der mephistophelischen Seite des Universums vermuten. Doch wenn Luzifer ein gefallener Engel ist, dann haben wir hier das seltene Exemplar eines Teufels, der sich immer wieder selbst zu Fall gebracht hat. Immer dann, wenn die Welt etwas von ihm erwartete. Bob Dylan, 64, beherrscht in unnachahmlicher Weise die Kunst, Erwartungen zu enttäuschen. He not busy being born is busy dying. Wer sich nicht ständig neu erfindet, stirbt.

Seine Zeit ist noch einmal gekommen. Nie zuvor in dieser singulären, 45-jährigen Karriere wurden so viele Dylan-Alben verkauft wie jetzt. Er ist wieder unterwegs, letzte Woche in Skandinavien, morgen in Hamburg, am Dienstag in Berlin, in der Arena Treptow. Die never ending tour gehört zur Dylan’schen Überlebenstechnik. Er ist immer noch da. Ohne das Fitness-Gewese eines Mick Jagger. Dylan bleibt der einzig wahre Rolling Stone.

Dafür, dass es bei ihm in die vorletzte Runde geht, spricht manches. Eben auch dieser Spätherbst des Erfolgs. Christopher Ricks poetologischer Wälzer „Dylan’s Vision of Sin“ stellt seine poetische Urkraft in die Nähe von Milton, Keats und T. S. Eliot. Man kann gelassen feststellen: Der Literatur-Nobelpreis für Dylan wäre für die Stockholmer Dinosaurier wichtiger gewesen als für Dylan selbst. „Chronicles“, der erste Teil seiner Autobiografie, ist ein internationaler Bestseller. „Like a Rolling Stone“ wurde zum größten Rocksong aller Zeiten gekürt. Greil Marcus, der Kabbalist der amerikanischen Pop-Exegeten, hat diesem epochalen Wurf ein ganzes Buch gewidmet („Bob Dylans Like a Rolling Stone“), so luzid und verstiegen wie Jan Assmanns Monografie zu Mozarts „Zauberflöte“. Über kaum einen anderen Künstler gibt es derart substanzielle Internetseiten. Wir wissen alles, was man über Dylan wissen kann.

Und da kommt Martin Scorsese. Mit „No Direction Home“, einem bald vierstündigen Dylan-Panorama, das der amerikanische Regisseur kompiliert hat. Es ist ein Schock, Bob Dylan reden zu hören und zu sehen. Das faltige, schmale Gesicht, das immer noch volle, gekräuselte Haar, die blitzenden Augen. Ein Schock, weil der Mann ohne Pose redet, blitzgescheit und, ja – bescheiden. Man sieht immer nur diesen Kopf leicht in der Schräge, keine Gliedmaßen, keinen Körper. Um es gleich zu sagen: keine Enthüllungen. Nicht das kleinste Privatissimum. Nichts über Dylans Frauen und seine Kinder. Kein Wort, wie er lebt auf Tournee, wie er wohnt, kein Erwähnung der Eltern, nur einmal kommt sein Vater kurz ins Bild, der alte Zimmerman, der ein Elektrogeschäft hatte in Hibbings, Minnesota, wo Dylan aufwuchs. Er redet freigiebig, nein, auch nicht über Politik, sondern, verdammt, worüber eigentlich?

Bob Dylan erzählt von der Musik, die ihn prägte. Country, Folk, schwarze Musik. Woody Guthrie und die ersten Kontakte mit der Künstlerszene in Greenwich Village, Anfang der Sechziger. Wie in „Chronicles“ wehrt Dylan ab, weicht aus, wenn die Rede auf die Fans kommt, die Journalisten, die US-Öffentlichkeit, die sich zu einer Gegenöffentlichkeit formierte, die Bürgerrechtler und Kriegsgegner, die Bohème und das im Entstehen begriffene Rock-Business. Was ist ein Genie? Es gibt kein Genie ohne eine Zeit, die danach verlangt. Dylan aber schlug seiner Gemeinde immer wieder ins Gesicht.

„No Direction Home“ (eine Zeile aus „Like a Rolling Stone“) lief vor einigen Wochen im britischen und amerikanischen Fernsehen. Die Doppel-DVD kommt am 10. November in Deutschland in die Läden, ist aber im Internet-Handel schon zu haben. Scorsese, der amerikanische Mythenforscher („Taxi Driver“, „The Aviator“), zeigt den Howard Hughes der Rock-Kultur in einem langen, ruhigen Gespräch. Und schneidet all das hinein, was Dylan war in den Augen der anderen. Protestsänger, Stimme seiner Generation, Totengräber des Folk, der Mann, der dem Rock das Gehirn einpflanzte, nachdem Elvis die Beine und den Unterleib befreit hatte.

Hier wartet der nächste Schock. Der junge Dylan („No Direction Home“ schließt 1966 ab) war glamourös. Eine engelhafte Erscheinung. Wie er die unsterblichen Verse des „Tambourine Man“ von seinen Lippen tropfen lässt. Er war von einer strahlenden, entrückten Bosheit und eiskalten Hitzigkeit, wenn er sich in die Enge getrieben fühlte – 1965 auf dem Newport Folk Festival, als er zum ersten Mal die Geister der E-Gitarre rief. 1966 auf der England-Tour, als er mit Robbie Robertson und seinen Leuten, der späteren Band, einen Gewittersturm entfachte und ein Orakel losbrach, auf das erst Jimi Hendrix Jahre später eine Antwort fand.

Ein Musikfilm – mit Anklängen an Scorseses „The Last Waltz“ (1978), dem Epitaph auf „The Band“. Ein Dokument über die Entstehung von Musik in einem Land, das – wie heute wieder – um seine Demokratie kämpfte. Joan Baez spricht, Dylans Muse, die er sehr bald ihrem Schicksal als Vorsängerin der Linken überließ. Der alte Pete Seeger spricht (mit Hörgerät, geklammert an sein Banjo) und Peter Yarrow erinnert sich, der Peter von Peter, Paul and Mary, die „Blowin’ in the Wind“ schmetterten. Produzenten und Impresarios beschreiben ihren Bobby, der ihnen entglitt wie ein Zitterfisch. Die meisten sahen schon damals, in den frühen Sechzigern, alt aus, wenn Dylan in der Nähe war. Dylan erinnert an Paul Klees Bild vom „Angelus Novus“, der hinaufgetrieben wird, ohne dass er eine Wahl hätte.

28. August 1963. Der March on Washington. Martin Luther King beschwört Millionen: „I had a dream“. Ein schmächtiges Kerlchen kommt auf die Bühne, mit Gitarre und wuscheligem Haar, singt „When the Ship Comes In“. Einer der raren Momente, in denen Dylan mit dem Karma übereinzustimmen schien, das man ihm zugedacht hatte. Dallas, 22. November 1963. Kennedy im offenen Wagen. Plötzlich: weinende Menschen, unfassbare Trauer, der junge Präsident ermordet. Unter die Bilder, die jeder kennt, legt Scorsese „A Hard Rain’s A-gonna Fall“. In Dylans Liedern ist ein Schmerz, eine Klarheit, die einen Moment zu einem historischen macht. So hat das noch niemand gezeigt: Kennedy und Dylan waren die jungen Heldengesichter einer Nation, die aus dem Kalten Krieg kam und sich mit den schönsten Hoffnungen nicht im Frieden, sondern in Vietnam wiederfand.

„No Direction Home“ ist nicht frei von hagiografischen Tönen. Selbstfeier einer Generation, der auch Scorsese angehört und die in zehn, fünfzehn Jahren verschwunden sein wird. Dylan wollte nicht ihr Idol sein. Joan Baez sagt den klugen Satz: Nur weil er sich fern hielt, konnte er die Songs schreiben, in denen so viele sich wiederfanden. Orpheus hatte seine Leier, Dylan seine Gitarre. Es ist nichts Neues, dass Dichter singen. Es ist auch nichts Schlimmes, dass die Rockmusik klassisch geworden ist. Wie wäre es zu verhindern gewesen, bei dem Potenzial, das einer wie Dylan unnachahmlich ausgeschöpft hat.

Allen Ginsberg, der Dichter, der 1997 starb und dem die elektrische Leier nicht gegeben war, der Dylan folgte wie ein Verlaine seinem Rimbaud (auch wenn die Sache zwischen Ginsberg und Dylan platonisch blieb) – der alte Ginsberg fand die schönsten Worte für das, was nicht zu erklären ist. Er nannte Dylan einen Schamanen, a column of air, einen Luftgeist.

Und dann sieht man wieder den alten Bob, dem nichts Esoterisches oder Phantasmagorisches anhaftet. Das kann auch Scorsese nicht: ergründen, was eines Tages geschah, irgendwann im Jahr ’65 , als sich der junge Sänger und Poet Bob Dylan, der schon berühmt war, in ein quecksilbriges mythologisches Wesen mit Feuer und Stacheln verwandelte. Wann genau? Wie? Er schloss sich mit seiner Gitarre an den Stromkreislauf der Zeit an, es gab eine gewaltige kreative Eruption. Bobby wurde Dylan, der Ghost of ’lectricity kam über ihn – und der Rest, vierzig Jahre bis heute, ist eine Geschichte von Comebacks, Fehlschlägen, Versteckspielen, Irrungen, Visionen und Meisterwerken auf dem Weg ins weise Alter.

Das erzählt Scorseses Film nicht. Er bleibt in der frühen Zeit, die ein Mahlstrom war. Dylans Schiffchen schwamm obenauf. Eine Stimme muss ihm geflüstert haben, dass man nur weitersegelt, wenn man Ballast abwirft. Das ist es, am Ende: Dieser Bob Dylan, der da spricht, spricht mit sich selbst, down the foggy ruins of time, durch den Nebel der Zeiten, und er ist leicht wie eine Feder. Es kann nicht anders sein: Scorseses große Dylan-Aufklärung mündet in Mystifikation.

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