Der dunkle Stern

Bernhard Schulz
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Auge des Unendlichen: Vor 50 Jahren starb das Malergenie Jackson Pollock

Am 11. August 1956 raste Jackson Pollock, betrunken wie fast immer während der vergangenen fünf Jahre, gegen einen Baum nahe seinem Haus auf Long Island. Er war sofort tot, wie auch eine seiner beiden Mitfahrerinnen. Mit diesem Unfall wuchs der Mythos als amerikanischer peintre-maudit, als zum Unglück verdammter Künstler ins schier Unermessliche. Noch im selben Jahr veranstaltete das New Yorker Museum of Modern Art die erste Retrospektive des Künstlers, den es bis dahin nur in einer Gruppenausstellung vorgestellt hatte.

„Ist er der größte lebende Maler in den Vereinigten Staaten?“, hatte beinahe auf den Tag genau sieben Jahre zuvor das millionenfach verbreitete Magazin „Life“ in der Titelzeile eines doppelseitigen Artikels gefragt, den es mit einem Jackson Pollock mit verschränkten Armen, die Zigarette im Mundwinkel, vor einem seiner drip paintings, seiner Tröpfelbilder, illustrierte. Pollocks Stern ging Ende der vierziger Jahre strahlend auf. Mehrere Einzelausstellungen in Peggy Guggenheims Avantgarde-Galerie „Art of This Century“ seit 1943 hatten den rasanten Wandel von den surrealistisch beeinflussten, mit schweren Farben förmlich überladenen Gemälden der Frühzeit zu den in kontrolliertem Automatismus entstandenen Tröpfelbildern gezeigt. Die amerikanische Kunst stand vor ihrem größten Umbruch, von den figurativ-realistischen Bildern der Depressionsjahre zum abstrakten Expressionismus der New York School. 1948 stellte Pollock auf der Kunstbiennale von Venedig aus und errang erstmals internationale Aufmerksamkeit. Ein neues Zeitalter brach an.

Pollock wurde zur Berühmtheit der New Yorker Szene – aber genau der Erfolg, nach dem sich der 1912 in ärmlichen Verhältnissen im Mittleren Westen Geborene stets gesehnt hatte, war ihm unerträglich. In den letzten drei Jahren seines Lebens arbeitete er so gut wie gar nicht mehr, versuchte sich nochmals an früheren, surrealistisch erzählenden Malweisen und musste feststellen, dass ihm die Leichtigkeit und Inspiration abhanden gekommen waren, die er besessen hatte, so- lange er noch im Aufstieg begriffen war.

Mehr als es seine frühen Interpreten wahrhaben wollten, geriet Pollock damit zum Vertreter der fünfziger Jahre – einer Generation, die von Weltwirtschaftskrise, great depression und Krieg – an dem er nicht hatte teilnehmen müssen – gezeichnet war. Den Rebel without a cause, den der ein Jahr vor Pollock gleichfalls tödlich verunglückte James Dean – dieser freilich zwei Jahrzehnte jünger als Pollock – verkörpert hatte, gab der Künstler auf seinen Leinwänden, die eher wie Kampfspuren aussehen denn wie Gemälde.

Die persönliche Tragik des an seinem Ruhm weniger zerbrochenen als durch ihn auf seine zutiefst zerrissene Persönlichkeit zurückgeworfenen Pollock darf nicht überdecken, dass er tatsächlich der bedeutendste amerikanische Künstler seiner Zeit war. Seine Leistung liegt in der vollständigen Befreiung des Bildes nicht nur vom Gegenstand oder von einer auch nur schemenhaften Erzählung, sondern auch vom Bild als abgeschlossener Fläche. Pollock schuf seine wichtigsten Bilder in einer kleinen, zum Atelier umgewandelten Scheune, indem er die Leinwand auf den Boden legte und gleichsam, wie er schon damals immer betonte, „im“ Bild arbeitete: „Ich fühle mich näher, mehr als Teil des Gemäldes, denn auf diese Weise kann ich von allen vier Seiten arbeiten und buchstäblich im Bild sein.“ Und, ganz wichtig für diese Arbeitsweise: „Wenn ich in meinem Gemälde bin, bin ich mir nicht bewusst, was ich tue. Erst nach einer Gewöhnungszeit sehe ich, worum es mir ging. Das Gemälde führt ein Eigenleben.“ Hans Namuth, der Künstlerfotograf, hat ihn 1950 in einem Farbfilm beobachtet, indem er ihn auf einer Glasscheibe arbeiten ließ und von unten aufnahm.

In seinen besten Arbeiten steigerte sich Pollock in einen Bewusstseinszustand, der die écriture automatique der Surrealisten zu einer von diesen selbst nie erreichten Vollendung brachte. Wunderschöne, rhythmische Farblandschaften entstanden auf diese Weise, wie etwa „Herbstrhythmus (Nr. 30)“ von 1950 oder der „Lavendelnebel: Nummer 1“ aus demselben Jahr. Es sind entgrenzte Flächen, die das Auge ins Unendliche fortsetzen kann, die kein Zentrum mehr haben, keinen Fluchtpunkt, keine Perspektive und keine Tiefe; von höchster Spannung, oft beinahe unerträglich für ein längeres Betrachten.

Nach Pollocks Tod ist das von ihm verkörperte action painting als Ausdruck von Freiheit und Individualität gefeiert und auch ideologisch in Dienst genommen worden. In Wahrheit führte der Maler einen lebenslangen Kampf mit sich selbst, seinen Ängsten und Aggressionen. Am Ende richteten sie sich gegen ihn, als er keine Leinwand mehr fand, auf der er sie ausleben konnte.

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