Der Berliner Galerist Matthias Arndt setzt auf Vermittlung (Interview)

Sie gehören zu den informellen Begleitern des
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Matthias Arndt, Geschäftsführer der Galerie Arndt & Partner, gehört zu den Galeristen der ersten Stunde, die Berlin-Mitte als Kunst-Standort eroberten. Doch mit der Berufsbezeichnung Galerist lässt sich das Tätigkeitsfeld des jungen Unternehmers nicht fassen. Nach dem Erfolg seines erfolgreichen Konzeption und Durchführung des "Besucherdienstes" bei der letzten "documenta" hat Arndt ein eigenes Dienstleistungsunternehmen gegründet, das unter anderem auch den Berliner "Kunstherbst" organisiert. Seine Ambitionen liegen in der Vermittlung, denn er pocht darauf, dass das, was er zu verkaufen hat, auch Diskurse hervorbringt. Kunst muss kommuniziert werden. Das Gespräch mit Matthias Arndt führten Miriam Wiesel und Peter Herbstreuth.

Sie gehören zu den informellen Begleitern des Berliner Kultursenators, wenn dieser im November nach New York reist. Sind sie Botschafter der Galeristen geworden?

Ich werde in New York über die Berliner Szene und über neue Vermittlungsformen in der Kunst sprechen. Da hat sich einiges getan. Aber ich wollte immer vermitteln und Strukturen herstellen. Noch bevor ich meine Galerie eröffnete, habe ich ein Weile die Öffentlichkeitsarbeit der Hackeschen Höfe gemacht und gehofft, diesen einzigartigen Ort kulturell zu definieren. Kapital und Publikumspotenzial waren vorhanden. Doch die Investoren hatten vor allem Mieteinnahmen im Auge und den Ort auf ihre Art entwickelt. Jetzt kommen Leute ohne emotionale und inhaltliche Bindung in die Höfe. Das war nicht, was ich wollte.

Was wollten Sie?

Leute für sinnvolle Dinge und Orte begeistern. Im Vorfeld der "documenta X" kam ich auf die Idee, einen Besucher- und Führungsdienst auf unternehmerischer Basis aufzubauen. Catherine David und ihr Team waren einverstanden. Wir haben das Konzept entwickelt und im Sommer 1997 mit siebzig Mitarbeitern über 150 000 Menschen über die "documenta" geführt und ihnen Kriterien für die eigene Anschauung weitergegeben.

Damit hatten Sie eine Visitenkarte.

So kann man es sagen. Nach diesem ersten Kulturmanagement-Intermezzo habe ich eine separate Firma für Kunst- und Kulturmanagement mit Namen "artservices" gegründet. Wir betreuen den "Kunstherbst Berlin" und vernetzen die Kunstszene, fassen das komplette Programm der Berliner Kunstveranstaltungen zusammen und verbreiten es international in Form von Programmheften, newslettern, Plakaten, Radio- und Fernsehspots und über das Web. Dazu bieten wir individuelle Führungen durch die Stadt zu ausgewählten Orten an. Als Galerist habe ich gemerkt, dass es dafür eine Nachfrage gibt, und als Manager habe ich es mit meinem Team realisiert. Momentan entwickeln wir einen Führungsdienst und die Besucherbetreuung der EXPO 2000.

Das klingt wie die Karriere eines jungen Pioniers. Was hat Sie nach Berlin getrieben?

Ich habe geglaubt, dass in der Neuordnung der Stadt und in den rivalisierenden Identitäten meine Chance liegt. Anfang der neunziger Jahre kam ich aus Hamburg und hatte für einen Geschäftsmann eine Galerie am Kurfürstendamm geleitet. Doch wir haben uns getrennt, weil die zeitgemäßen Dinge in der Kunst anderswo lagen. Es gab so viele leere Orte im Ostteil der Stadt und im Kunstbereich noch keine professionelle Infrastruktur. Ich hatte damals den Eindruck, alles müsse neu erfunden werden. Das stimuliert. 1994 habe ich in den Hackeschen Höfen, die damals noch eine Baustelle waren, die Galerie Arndt & Partner eröffnet.

Warum in Mitte?

Es gab diese viele leeren, noch undefinierten Orte. Das Marode und Brüchige hat mich fasziniert. Hier etwas anzufangen, fand ich großartig. Alles war offen. Natürlich waren in Mitte auch die Mieten billiger. Aber letztlich hat mich der Ort selbst fasziniert. Unter jedem Stein und hinter jeder Wand war etwas zu entdecken. Es gab damals nur die Galerien All Girls, Eigen + Art, Dogenhaus, Wohnmaschine und natürlich die Kunst-Werke. Ich war gerade fünfundzwanzig Jahre alt. Ich meine, wenn ich in Frankfurt, München oder Hamburg gewesen wäre, hätte ich Anfangskapital, Familie, Kontakte gebraucht. Aber hier konnte ich als Matthias Arndt, den niemand kennt, einfach loslegen. Dafür liebe ich diese Stadt auf ewig.

Sie hatten freie Bahn, aber als Galerist gegenüber den Künstlern eine eminente Verpflichtung.

Die Galerie ist mir ans Herz gewachsen. Ich arbeite mit Künstlern, die ich schätze und deren Positionen ich bewundere. Und das hat sich mit Peter Friedl, Thomas Hirschhorn, Max Mohr, Sophie Calle auch noch als ziemlich erfolgreich herausgestellt. Ich spreche aber auch gerne mit Leuten, die keine Ahnung von Kunst haben und gebe ihnen einen anschaulichen Einstieg, so wie ich Leuten, die bereits vieles kennen, gerne etwas Neues zeige. Aber die Galerie hält mich am Boden. Sie ist harte finanzielle Realität. Deshalb brauche ich auch den hochfliegenden unternehmerischen Ideenschub, mit dem ich flexible Strukturen baue, die dann auch funktionieren. Und funktionieren können sie nur, wenn sie dem gesellschaftlichen Zusammenhang praktisch und sinnvoll dienen.

Ergänzt das Galeriengeschäft die Arbeit im Kulturmanagement?

Inhaltliche Parallen gibt es nicht direkt. Aber durch die Projekte sehe ich nicht nur die Stadt, sondern auch die Kunstszene von außen und ich bekomme einen Blick für die Bedeutung der Kunst und der Kultur für das Leben der Menschen. Wenn wir eine so vitale Kunstszene in der Stadt haben, dann müssen wir das auch kommunizieren und einen guten Service bieten. Natürlich wollen alle Galeristen, dass die großen Sammler hierher kommen. Aber kaum einer will sich um sie so kümmern, dass sie auch von der Vielfalt der Stadt etwas haben. Jeder verfolgt seine eigenen Interessen. Eine Kunstszene muss sich aber in ihrer Vielfalt darstellen, um langfristig ein Publikum zu finden.

Für Ihr Tätigkeitsfeld gibt es eigentlich keine Vorbilder.

Vielleicht René Block. Er hat in den sechziger Jahren in Berlin als Galerist von Polke, Richter, Beuys angefangen, war künstlerischer Leiter des DAAD und leitet jetzt das Fridericianum in Kassel bis zur nächsten "documenta". Er organisierte Biennalen in Sydney und Istanbul und hat sich irgendwie die Freiheit des Unternehmers bewahrt. Das bewundere ich sehr. Andere lassen sich von ihrer Realität auffressen und wissen nicht mehr, was außerhalb passiert. Ich nehme mir diese Freiheit auch und versuche alles, um mich bei meinen Projekten von den Verwaltungen, Sponsoren und öffentlichen Geldern nicht einschränken zu lassen. Das gelingt nicht immer, aber ich versuche es und stehe mit meiner eigenen Existenz dahinter.

Was hat sich in den letzten Jahren geändert?

Berlin ist eine große Stimulanz. Die Stadt zwingt mich zur permanenten Neuorientierung. Das ist sehr anstrengend. Und manchmal versuche ich eine Bilanz zu ziehen, was diese Stadt in den letzten Jahren alles verloren hat. Viele leere Orte von damals waren irgendwie voller als die bebauten und genutzten Flächen heute. Aber wenn ich mich auf das Fahrrad setze und nach Britz fahre, stelle ich fest, dass Berlin so groß ist, dass sich diese Stadt auch nicht in zehn Jahren völlig verändert haben wird.

Übersieht Ihr Optimismus nicht den Preis?

Überhaupt nicht, wenn ich sage, dass ich durch meine Arbeit auch das Werkzeug bin, gerade das zu zerstören, was ich liebe. Und das zu bemerken ist seltsam; ein Gefühl von Macht und Unbehagen. Natürlich bleibe ich in Mitte, weil alle hier sind, und weil ich jetzt von der Infrastruktur, die wir gebaut haben, profitieren will. Inhaltlich stimuliert fühle ich mich von Mitte nicht mehr - zumindest nicht mehr so wie früher.

Haben sich auch die Leute verändert?

Jeder ist jetzt mit eigenen Vorhaben und Plänen beschäftigt. Man spricht weniger als früher miteinander und grenzt sich mehr ab. Auch deshalb haben wir den "Kunstherbst" ins Leben gerufen. Damit die Akteure untereinander kommunizieren und auf einer gemeinsamen Plattform auftreten können. Im Wirtschaftsbereich ist das Usus: Branchenbriefe, Informationsdienste, Konferenzen; der Kunstbereich hinkt hinterher.

Das Interesse für zeitgenössische Kunst hat sich in Berlin noch nicht verankert. Es ist noch immer ein Medienphänomen.

Na ja; am Anfang haben die meisten neuen Galerien viel importiert; wir auch. Das war unumgänglich in einer traditionell eher kunstfeindlichen Stadt. Sie ist protestantisch, preußisch und eine Verwaltungsstadt. Das schließt die Wahrnehmung von zeitgenössischer Kunst eigentlich aus, von einem Interesse daran noch gar nicht zu reden. Dass sich hier trotzdem eine vitale Kunstszene entwickelt hat, ist die Leistung derjenigen Leute in der Stadt, die alle selbst initiativ geworden sind. Die bestehenden Kunstinstitutionen haben zu dieser Entwicklung der letzten Jahre wenig beigetragen. Die neue Kunstszene verdankt sich vielen kleinen Privatunternehmungen. Deshalb ist nicht nur die Kunst neu, neu sind auch die Strukturen, die sich gebildet haben.

Was heißt das für die Zukunft?

Wir müssen exportieren. Die Erwartungen an die Berliner Kunst werden immer größer und das Potenzial dessen, was hier entstanden ist, muss geprüft werden. Noch ist Berlin nur ein Label, das wir alle, die wir in der Kunst tätig sind, mit Inhalten füllen müssen.

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