Das Lietarrische Kolloquium Berlin am Wannsee. Foto: Tobias Bohm/LCBp

Der Alfred-Döblin-Preis im Literarischen Kolloquium Den Vergessenen eine Stimme

Sabrina Wagner
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Es ist die erste Verleihung des Alfred-Döblin-Preises seit dem Tod des Stifters Günter Grass. Natascha Wolin gewinnt - mit einem Manuskript über ihre Mutter, die zwischen zwei Diktaturen geriet.

Einer fehlte. In der ersten Reihe, konzentriert lauschend, Pfeife rauchend – das war sein Ritual. So hatte Günter Grass fast immer die Werkstatt-Lesungen zum Alfred-Döblin-Preis verfolgt, den er 1978 selbst gestiftet hat und der ein noch unvollendetes Prosaprojekt auszeichnen soll. Vergangenes Wochenende wurde er in Berlin zum 20. Mal verliehen.

Sechs Finalisten haben am Samstag im Literarischen Colloquium am Wannsee aus ihren Texten gelesen: Katharina Adler, Odile Kennel, Katerina Poladjan, Sascha Reh, Natascha Wodin und Judith Zander – sie haben sich unter rund 200 Bewerbern durchgesetzt. Den mit 10 000 Euro dotierten Preis gewann die 1945 in Fürth geborene Natascha Wodin, von der zuletzt die Romane „Nachtgeschwister“ (2009) und „Alter, fremdes Land“ (2014) erschienen sind. Unter dem Arbeitstitel „Ich war nie in Mariupol“ begibt sie sich jetzt auf Spurensuche ins Leben ihrer ukrainischen Mutter. Die war in den „Reißwolf zweier Diktaturen“ geraten: vom Stalin- zum NS-Terror: 1943 kam sie als Zwangsarbeiterin zum Rüstungskonzern Flick bei Leipzig. Weniger ein Roman, so Literaturkritikerin Sigrid Löffler, als vielmehr eine Art Tatsachenbericht mit fiktionalen wie dokumentarischen Elementen sei ihr Text. „Lakonisch, karg, nüchtern, unpathetisch“, nennt Löffler die Sprache in ihrer Laudatio. Mit „kühler Sprödigkeit" zügele Natascha Wodin jede Emotionalität beim Schreiben über ihre Mutter.

Die Jüngeren zeigen eine beeindruckende Vielfalt an Sprach- und Erzählformen

Die Juroren – neben Löffler der Autor Jan Peter Bremer und Jörg Feßmann, Sekretär der Sektion Literatur der Akademie der Künste – würdigen das Aufgreifen eines schändlich vernachlässigten Themas. Die Geschichte der über 30 Millionen sowjetischen nicht-jüdischen Zwangsarbeiter findet erst seit einigen Jahren Beachtung in der Forschung. Literarische Auseinandersetzungen und Stimmen Überlebender fehlen gänzlich. Es ist Wodins großer Verdienst, diesen Menschen mit dem Lebensbericht der Mutter eine Stimme zu geben.

Daneben zeigen die jüngeren, zwischen 1967 und 1980 geborenen Autoren eine spannende und beeindruckende Vielfalt an Themen sowie Sprach- und Erzählformen. Die Texte von Odile Kennel und Sascha Reh vergegenwärtigen und erinnern am Beispiel der RAF und einem Netzwerk-Projekt in Chile in den 70er Jahren neuere Geschichte. Ihre Zeitgenossenschaft reflektieren die Autoren durch Kollagetechnik oder auktoriale Metakommentare. Identitäts- und Heimatsuche ist das Thema bei Judith Zander, Liebe und Krise in der Lebensmitte im Text von Katerina Poladjan. Katharina Adler widmet sich ihrer Urgroßmutter Ida Bauer, die als „Fall Dora“ in Sigmund Freuds Psychoanalyse bekannt wurde – szenisches Erzählen zeigt sich hier von seiner stärksten Seite.

Dass sich längst eine jüngere, ambitionierte Generation von den Erwartungen der Älteren emanzipiert hat, belegen auch die Diskussionen am Samstagnachmittag. Löfflers launische Pauschalisierung, die den Jüngeren einen pädagogischen Habitus im inkompetenten Erzählen historischer Stoffe unterstellte, erhielt heftigen Gegenwind von den zahlreichen jungen Teilnehmern auch im Publikum. Der Direktor der Sektion Literatur der Akademie der Künste, Ingo Schulze, las zur Preisverleihung am Sonntag aus Grass’ berühmter Rede „Über meinen Lehrer Döblin“ von 1967. Über Döblin heißt es da: „Er wird Sie beunruhigen; er wird Ihre Träume beschweren; Sie werden zu schlucken haben; er wird Ihnen nicht schmecken; unverdaulich ist er, auch unbekömmlich. Den Leser wird er ändern.“ Dies gilt unbestreitbar für den Text der diesjährigen Preisträgerin. Die jüngeren Autoren zeigen sich entschlossen, daran anzuknüpfen.



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