Das Instrumental-Trio Nissennemondai aus Japan. Foto: CTM
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CTM-Festival Höllenmaschinen in der Büffeldisco

Volker Lüke
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Das Abschlusswochenende des Berliner Festivals Club Transmediale mit Islam Chipsy, Nissennemondai und dem Trio Carter Tutti Void.

Sound verzerrt, hallt, bricht, um vorgefasste Meinungen zu zerplittern und uns aufzustören aus dem allzu schnellen Einverständnis mit dem dem, was uns von der Bühne herunter packt. Nichts ist wahr, alles ist erlaubt - diese Haltung verbindet die Klangartisten verbindet, die sich beim diesjährigen Club-Transmediale-Festival vor einem enthusiastischen Publikum den Kopf am Laptop oder sonstwas aufschlugen.
Die eigentliche Sensation fand dabei am frühen Sonntagmorgen im Yaam statt, als ein Irrwisch im ärmellosen Muskel-Shirt mit einem Yamaha-Keyboard Töne erzeugte, die verrückter waren als alles, was je aus dem Instrument herausgekommen ist. Islam Chipsy heißt der Keyboard-Wizard, den man auch den Turbo-Keyboarder nennt. Denn der Ägypter drückt nicht einfach nur die Tasten, er bearbeitet sein Keyboard vielmehr wie ein Trommelgerät und wirbelt dabei mit beiden Händen über die Tastatur, um rasend schnelle orientalische Melodien erklingen zu lassen - zur Höchstleistung angetrieben von zwei Schlagzeugern, die sich anhören wie eine Büffelherde, die über eine Halde abgewetzter Autoreifen donnert. In seinem Heimatland ist der junge Mann aus Kairo ein Star, der vor allem bei opulenten Hochzeitsbanketten auftritt, dank YouTube aber mittlerweile weltweit bekannt ist und mit seinen krachigen Verdichtungen von traditioneller Fetenmusik gerade beginnt die hipsten Clubs der Welt zu rocken.

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Der irrwitzige Sound, den Islam Chipsy mit dem massenhaft hergestellten Yamaha-Keyboard entfesselt, ist nicht nur ein Anwärter für jede Happy-Hardcore-Dance-Party, sondern passt auch vorzüglich zur "Höllenmaschine" der österreichischen Medienärchäologin und Klangforscherin Elisabeth Schimana, ein Auftragswerk, das sie für den einzigartigen Max-Brand-Synthesizer geschrieben hat, ein über Jahrzehnte entwickeltes Monster und Urahn des Moog-Synthesizers. Aufgeführt wurde das Stück bereits am Dienstag im rappelvollen Berghain von der Organistin Manon Liu Winter, die rasend schnell auf den beiden Manualen des schrankgroßen Klangkastens mit vier Fußpedalen in die Tasten griff und gewaltige Klänge heraushämmerte, während ein Gehilfe die jeweiligen Schaltkreise steckte, um die subharmonischen Frequenzen immer wieder zu verändern.

The Bug lässt ein mächtiges Nebelhorn aufheulen

Ein großartiger Auftritt, wie sich denken lässt, der das Publikum genauso aus dem gewohnten Kosmos blies wie der folgende Auftritt von Kevin Martin a.k.a. The Bug, der die Leute sonst gerne mit einer Mischung aus fiesen Industrial-Geräuschen und jamaikanischen Dub-Reggae-Bollerbeats durchschüttelt, für sein Konzeptwerk "Sirens" aber den mächtigen Klang des Nebelhorns entdeckt hat und das hilflose Publikum mit einer harsch sägenden Echostudie aus extremen Frequenzen überrollt - ein Reißen als könnte man Berge zersägen. Auch das ein würdiger Beitrag für das CTM-Festival, das sich in diesem Jahr unter dem Titel "Un Tune - Exploring Sonic Affect" besonders mit der leiblichen Erfahrung von Frequenzen und Klang befasste, um damit einmal mehr die abenteuerliche und forschende Seite des Musikmachens zu betonen.
Weit vorne in dieser Hinsicht sind auch Nissennemondai aus Japan, ein Frauentrio, das keinem musikalischen Wagnis aus dem Weg geht und das Publikum am Sonntag beim Abschlusskonzert im Astra mit einer Instrumentalmusik in den Bann schlägt, die scheinbar mühelos tiefe Löcher gräbt und höchste Berge besteigt. Die Gitarristin riffelt sphärische Geräusche von den Saiten und bedient dazu ein Pult mit allerlei Effektgeräten, während das Schlagzeug mit dem Bass einen dichten Trance-Rhythmus bündelt, der sich in endlose Weiten streckt. Ein hypnotisch packender, von Minimal Music, Krautrock, Disco und Sonic-Youth-Gitarrensprache beeinflusster Poplärm, der nie in wirklich dissonante Bereiche vordringt und an den Rändern die eigenartigsten Nebengeräusche verbreitet.

Gitarrenklänge, die sich wie Knochenhände aufs Trommelfell legen

Sehr schön war auch der anschließende  Auftritt der Throbbing-Gristle-Veteranen Chris Carter und Cosey Funny Tutti, die sich mit der Gitarristin Nik Void von der Londoner Düster-Pop-Formation Factory Floor zum Trio Carter Tutti Void zusammengetan hatten und das Publikum mit kalter Kauermiene und tribalistischen Elektrobeats in die Disco trieben, wo schon die mutierte Großmutter wartet. Mühsames Keuchen wie aus einer Herz-Lungen-Maschine, bedrohliche Geräusche allenthalben, Gitarrenklänge, die sich wie Knochenhände aufs Trommelfell legen, so dumpf, als hätte man ein Blutgerinsel im Ohr, ergänzt durch digitale Klicks und analoges Rauschen, dem zermürbenden Stampfen und Wummern einer bedrohlichen Maschienenwelt. Dabei wird eine beeindruckend dichte Stimmung gehalten, wie überhaupt beim gesamten CTM-Festival.

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