WIRECENTER Illustration: Eduardo Risso / Paninip

Wolverine Kratzbürste mit Charakter

Lars Törne
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Schöner lesen mit Hugh Jackman: Diese Woche kommt der Film „X-Men Origins: Wolverine“ ins Kino. Wir geben einen Überblick über die derzeit wichtigsten Wolverine-Comics

Sie gehören zum Spannendsten, was der Mainstream-Superheldencomic zu bieten hat: Die so genannten Origin-Erzählungen, die Herkunftsgeschichten der übermenschlichen Helden. Sie sind die Einführung in die Wurzeln der jeder Figur eigenen Mythologie, der Stoff, aus dem einige der besten Comicgeschichten und -verfilmungen gemacht sind.

Manche von ihnen sind längst popkulturelles Allgemeinwissen: Wohl jeder, der mit dem Namen Superman etwas anfangen kann, hat schon einmal von seiner Herkunft von Planeten Krypton gehört. Ähnlich ist es mit dem Spinnenbiss, der Peter Parker zu Spider-Man machte oder Bruce Waynes Kindheitstrauma - die Ermordung seiner Eltern vor seinen Augen - die ihn Batman werden ließ.

Nun ist, Hollywood sei Dank, Wolverine an der Reihe, jene 1974 erstmals in einem Marvel-Comic erwähnte Figur, die durch die ersten drei X-Men-Verfilmungen in den vergangenen zehn Jahren ebenfalls einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden ist.

Hugh Jackman war überrascht
 

Die Ursprünge des schlagfertigen Cholerikers mit animalischem Sexappeal konnte man allerdings bisher nur in diversen Comicerzählungen ergründen. So ist der am 29. April im Kino startende Film "X-Men Origins: Wolverine" ein guter Anlass auf die in diesem Zusammenhang wichtigsten Wolverine-Comics hinzuweisen, die zum Teil zum Filmstart jetzt noch einmal auf Deutsch wiederveröffentlicht wurden.

Zwei in Buchform vorliegende Wolverine-Erzählungen stechen erzählerisch und zeichnerisch auf spektakuläre Weise aus der Masse der Comics hervor, die sich um die Figur des rebellischen, so gut wie unzerstörbaren und doch mit einigen menschlichen Schwächen gesegneten Mutanten drehen. Es sind dies jene Erzählungen, auf die auch Wolverine-Darsteller Hugh Jackman kürzlich Bezug nahm, als er in Berlin zum Werbebesuch für den Film war.

Die als Bücher gesammelten Mini-Serien "Waffe X" und "Wolverine: Origin" waren es, die ihm geholfen hätten, "eine Stimme für meine Rolle zu finden", sagte Jackman damals im Tagesspiegel-Interview. Als er diese Bücher vor ein paar Jahren das erste Mal in die Hand bekam, sei er überrascht gewesen, "wie dreidimensional die Figur des Wolverine in diesen Comics angelegt ist".

Wie Frankenstein auf LSD

Dass er Recht hat, merkt man bei der Lektüre. "Waffe X" (148 Seiten, 16,95 Euro), erstmals 1991 als 13-bändige Serie bei Marvel erschienen, ist eine visuell berauschende Auseinandersetzung mit einem der zentralen Ereignisse der Wolverine-Mythologie.

Auf 140 Seiten breitet Autor und Zeichner Barry Windsor-Smith aus, wie aus dem Mutanten Wolverine eine künstlich optimierte Kampfmaschine wird.

272524_0_e47ec750.jpg Illustration: Barry Windsor-Smith/Paninip

In dichten, vor Farbenfreude fast expodierenden Bildern schildert Windsor-Smith, wie Wolverines Körper im Rahmen eines militärischen Projektes namens Waffe-X manipuliert wird und wie sein ganzes Skelett inklusive seiner Klauen mit der unzerstörbaren Legierung Adamantium ummantelt wird.

Das ist, ganz im Stil der späten 80er Jahre, psychedelisch bonbonbunt koloriert und strotzt vor dramatischen Wendungen – wie eine auf LSD nacherzählte Version der Frankenstein-Geschichte. Wie Windsor-Smith das Experiment mit all seinen dramatischen Wendungen schildert, wie er den fundamentalen Konflikt zwischen militärisch-wissenschaftlichem Kalkül und animalischem Freiheitsdrang der Hauptfigur herausarbeitet, und wie er die Geschichte unaufhaltsam auf das große Finale hinsteuert, in dem der Kontrollverlust der Wissenschaftler und die Selbstbefreiung Wolverines den erzählerisch wie grafisch berauschenden Klimax bilden, das ist auch 18 Jahre nach der Erstveröffentlichung noch spektakulär.

Sein Schicksal holt ihn immer wieder ein

Optisch zurückhaltender, aber inhaltlich nicht weniger fesselnd ist das Epos „Wolverine: Origin“, das Autor Paul Jenkins und Zeichner Andy Kubert 2001/2 erstmals als Miniserie veröffentlichten, und das bei Panini ebenfalls als Buch in deutscher Übertragung vorliegt. In getuscht wirkenden, fast altmodisch anmutenden Pastell-Bildern, die an frankobelgische Comicerzählungen erinnern, schildern Jenkins und Kubert die Anfänge der Figur Wolverine, die der (auch im Kinofilm aufgegriffenen) Legende nach im 19. Jahrhundert als James Howlett zur Welt kam, in einer wohlhabenden Familie aufwuchs.

Durch eine Familientragödie gerät sein Leben aus der Bahn. Er erfährt, dass er von einem mutierten Wesen abstammt, dessen Kräfte er geerbt hat, und wird jäh in die Welt hinausgeworfen.

272523_0_9ad7cf35.jpg Illustration: Andy Kubert/Paninip

Er versucht, seinem Schicksal zu entkommen, das ihn aber in Form seines Halbbruders einholt. Die innere Zerrissenheit Wolverines, der Kampf um die Kontrolle über seine animalischen Seiten, seine Weigerung, sich dem Schicksal zu stellen und der tragische Weg der Selbstfindung sind nie zuvor so ausführlich und so packend erzählt worden wie in diesem Buch.

Ein normales Leben kann es nicht geben

Die jüngste Annäherung an Wolverines Charakter in künstlerisch und erzählerisch ernster zu nehmender Form stammt von dem preisgekrönten Autor Brian K. Vaughan ("Y – The last Man") und dem Zeichner Eduardo Risso ("100 Bullets"). Ihre jetzt als Buch auf Deutsch veröffentlichte Erzählung "Logan" (84 Seiten, 16,95 Euro) kann zwar an Umfang und Tiefe nicht mit den beiden erstgenannten Werken mithalten, ist aber dennoch eine gelungene Ergänzung zur sich ständig weiter entwickelnden Wolverine-Mythologie. 

In kantigen, getuschten Bildern, die teilweise an Altmeister Frank Miller erinnern, schildern die beiden eine Episode aus Wolverines Biografie, die als Grundkonflikt auch im aktuellen Kinofilm aufgegriffen wird: Sein Versuch, ein normales Leben an der Seite einer geliebten Frau zu leben, der jäh gestoppt wird vom mörderischen Besuch eines alten Bekannten, der Wolverine ähnlicher ist als ihm lieb sein kann..

Über diese Bücher hinaus gibt es eine Welle weiterer Wolverine-Hefte und -Bücher, für die das gilt, was auch für die meisten anderen Superhelden-Figuren zutrifft, deren Geschichten in ständigem Fluss weitergesponnen werden und von den Comic-Imperien Marvel und DC mit immer neuen Kapiteln fortgeführt werden: Vieles davon ist mittelmäßig oder schlecht. Oder es ist für nicht eingeweihte Serienleser kaum nachvollziehbar, da sich zusätzliche Charaktere und Handlungsverläufe für Leser außerhalb des inneren Fankreises nur vage erschließen lassen. Einen Überblick über die aktuell auf Deutsch erhältlichen Wolverine-Werke findet man beim Panini-Verlag. Einsteiger in Wolverines Welt sollten sich allerdings an die erstgenannten drei Bücher halten.

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