292448_0_299b2d6d.jpg Illustration: Seyfried
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Seyfried & Ziska Grüner in Multicolor

Lars Törne
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Gerhard Seyfried ist zurück: Er zeichnet Hans-Christian Ströbele fürs Wahlplakat und arbeitet nach vielen Jahren erstmals wieder an einem neuen Comicbuch.

Kämpferisch sieht er aus. Das Plakat, mit dem der Kreuzberger Grüne Hans-Christian Ströbele in den Bundestagswahlkampf zieht, erinnert an einen Klassiker der politischen Kunst: Wie einst vor 170 Jahren die barbusige Freiheitsgöttin auf Delacroix’ Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ den gegen die Obrigkeit aufbegehrenden Bürgern voranschritt, so heroisch marschiert der Grünen-Veteran mit der markanten grauen Mähne seiner Anhängerschaft voraus.

Gezeichnet hat das augenzwinkernd pathetische Poster, das die Grünen am heutigen Freitag offiziell vorstellen und damit den Bundestagswahlkampf eröffnen wollen, ein anderer Klassiker der politischen Kunstmalerei: Gerhard Seyfried. Drei Mal zuvor zeichnete Seyfried, Jahrgang 1948, für Ströbele, Jahrgang 1939, bereits Plakate mit den für ihn typischen knallig-bunten Figuren, Wortwitzen und politischen Anspielungen.

So dynamisch wie auf dem aktuellen Plakat hat Seyfried den Politiker allerdings noch nicht porträtiert: „Entwaffnet die Finanzmärkte!“ steht auf der wehenden Regenbogenflagge, die Ströbele schwenkt. Auf dem zum Markenzeichen gewordenen roten Schal steht: „Venceremos“, der Titel eines chilenischen Kampfliedes, der auf Deutsch lautet: „Wir werden siegen“.

WIRECENTER Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Der erste Entwurf zu der Pose stammt von der Künstlerin Ziska Riemann, mit der Seyfried eine durch viele gemeinsame Projekte vertiefte Freundschaft verbindet – und mit der zusammen er gerade an einem neuen Comic-Album sitzt, das kommendes Jahr erscheinen soll.

Von "Wolke 7" lächelt milde Karl Marx hinab

Die bunte Demonstrantenschar, die sich auf dem Plakat hinter Ströbele dem von Pleitegeiern umkreisten Reichstag nähert, trägt Parolen, die größtenteils von den Wahlkampfmanagern der Grünen beigesteuert wurden: „Mieten runter!“, „Afghanistankrieg beenden!“, ein Hanfsymbol oder ein durchgestrichenes Hakenkreuz. Statt auf rauchende Barrikaden, wie einst Delacroix’ Freiheit, steigt Ströbele auf eine Art politisch-wirtschaftlichen Müllhaufen. Und von oben schaut milde lächelnd Karl Marx hinab, der sich auf „Wolke 7“ eine Zigarrenpause gönnt.

Für den Comic- und Cartoonzeichner, der in den vergangenen Jahren vor allem als Autor historischer Romane von sich reden machte, ist der Job Ehrensache:

WIRECENTER Illustration: Seyfried
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„Ströbele ist der Einzige, für den ich so was tun würde“, sagt Seyfried beim Gespräch in seiner Schöneberger Atelierwohnung. Für andere politische Aufträge hätte er auch kaum Zeit: Auf dem Schreibtisch liegt ein fast fertiges Plakatmotiv für den Kabarettisten Arnulf Rating, daneben eine Mappe mit Bleistiftzeichnungen für das neue Comic-Album. Und einen neuen Roman hat er auch angefangen: Eine deutsch-britische Spionagegeschichte am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Dafür arbeitet sich Seyfried gerade wieder durch die Archive.

Das neue Comic-Album, das 2010 erscheinen soll (mehr dazu in diesem Artikel), ist hingegen in der nahen Zukunft angesiedelt, so viel zumindest verrät Seyfried über das ansonsten streng geheime Projekt: Es geht um Datenmissbrauch und die via Internet und Handy zunehmend lückenlose Kontrolle der Bevölkerung. Auch so ein Thema übrigens, bei dem sich der Zeichner durch den Grünen-Politiker gut vertreten fühlt: „Gegen Vorratsdatenspeicherung!“ steht auf einem der gezeichneten Transparente, das Ströbeles Unterstützer auf dem Seyfried-Plakat tragen.

Seyfried und Ziska im Internet: www.seyfried-ziska.de.
Seyfrieds Blog: blogs.taz.de/zeichenblog.

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