Panor Furios Love

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Kazuo Kamimura - Furious Love

Manga in Deutschland wird erwachsen. Mit angenehmer Regelmäßigkeit häuft sich die Veröffentlichungen von Stoffen, die ein Mindestmaß an Anspruch auch für Leser über 20 bieten, verbunden mit der gleichzeitigen Präsentation in Formaten, für die man sich, wenn man sie öffentlich liest - nun ja, manchmal zumindest weniger schämen muss.

Auffällig ist dabei, wie stark sich vor allem Carlsen Comics, sicher in dem Versuch, Trends zu setzen, aus dem Fundus der Gekiga bedient, dem in den fünfziger Jahren entstandenen realistischen japanischen Comic, der seine inhaltliche Verwandschaft zu den amerikanischen Pulp-Krimis der vierziger und fünfziger Jahre nicht leugnen kann. Nicht nur war nur der amerikanische Hard-boiled-Schreiber Mickey Spillane mit seiner stakkatoartigen Erzählweise erklärtes Vorbild dieser japanischen Zeichnerszene. Auch die Produktionsbedingungen waren ähnliche: für wenig Geld musste schnell, vor allem aber pünktlich geliefert werden, für Magazine, die ihre Leser wöchentlich mit harten, blutigen, sexuell aufgeladenen Geschichten köderten, und ihren Zeichnern wenig dafür zahlten, in einem konstanten, die Preise drückenden Wettbewerb.

Kunst entstand so auch, denn diese Zeichner waren trotz der miserablen Arbeitsbedingungen oft begeistert bei der Sache. Aber darum ging es nicht. Wie keine andere japanische Zeichnerszene lieferten die Gekiga-Männer (Frauen konnten sich in diesem Genre nicht etablieren) gezwungener Maßen Erzählungen aus dem Bauch, die schnell, direkt und ohne Umschweife zur Sache kamen, und die oft genug die Lebenssituation und die Gefühle derjenigen reflektierten, die diese Comics produzierten. Es war das Aufkommen des Realismus im Manga - Gekiga gab dem japanischen Comic, der bis dahin auf eskapistische Kindergeschichten konzentriert war, die nötige Bodenhaftung und hatte damit dauerhafte Auswirkung auf die gesamte japanische Comiclandschaft.

Was uns zu „Furious Love“ führt. Der handelt vordergründig vom berühmten Maler Hokusai (1760 - 1849), einem der Säulenheiligen der japanischen Kunst. Aber das ist natürlich alles nur Trickserei. Kazuo Kamimura, hierzulande vor allem als Zeichner der drei Bände „Lady Snowblood“ bekannt, die angeblich oder auch nicht Quentin Tarantino zu „Kill Bill“ inspiriert haben sollen, hat in seinem erstmals in den siebziger Jahren publizierten Episodencomic kein Interesse an einer historisch akkuraten Darstellung des Lebens des Malers. Oder an einer durchgängigen Handlung.

Statt dessen erzählt Kamimura, was er aus dem Kreis der auch privat eng vernetzten Gekiga-Zeichner kennt und ihm auf der Seele liegt: wie man in den Künstlerkreisen vordergründig Freundschaften pflegt und sich zu Besäufnissen trifft, während hinterrücks einer das Werk des anderen (und dessen Verkäufe) argwöhnisch begutachtet. Wie zunehmend die Verlage die Kontrolle über den Bildausstoß (und die Bezahlung der Künstler) übernehmen und damit auch die Inhalte diktieren. Wie einzelne Künstler sich mit dem Zeichnen von Pornografie widerwillig über die Zeiten bringen und andere sich durch die Tage hungern.

„Furious Love“ ist eine Mischung aus Tragik und luftmachenden Eulenspiegeleien, die die dargestellten Künstler in diesem Episodencomic sich und ihren Verlegern spielen. Wobei die größte Eulenspiegelei sicher die ist, dass es Kamimura geglückt ist, ein derart zum Schluss auf fast tausend Seiten angewachsenes hemmungsloses Auskotzen über die japanische Manga-Industrie, nur notdürftig verkleidet als Historien-Comic, tatsächlich veröffentlichen zu können. Es spricht für den reifenden deutschen Markt, dass ein solcher Meta-Comic, wenn auch mit furchtbar pathetischem Cover, hierzulande und bei einem Mainstream-Verlag erscheinen kann. (stefan pannor)

Carlsen Manga, 360 S.; €14,90

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