Neuer Blick: Eine Seite aus "Unflattening". Foto: Sousanins/Harvard University Press
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Nick Sousanis' Dissertation in Comicform Die Entflachung der Welt

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„Unflattening“, Nick Sousanis' Dissertation in Comicform, ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Bildsprache des Comics und ihre Fähigkeit, uns die Welt in all ihren Dimensionen greifbar zu machen.

In seiner utopischen Novelle „Flatland“ entführt Edwin A. Abbott seine Leser in eine zweidimensionale Welt, deren Bewohner als geometrische Flächen in einer Ebene leben, „wie Schatten auf einem gewaltigen Blatt Papier“. Der Gedanke, es könne ein „Aufwärts“ geben, übersteigt nicht nur die Vorstellung der Einwohner Flachlands, sondern auch ihre Wahrnehmung. Und so ist es eine kleine Revolution, als eine Kugel aus der fremden Dimension Raumland erscheint und sich dem Erzähler der Geschichte, einem flachländischen Quadrat, zu erkennen gibt. Zunächst kann sich das Quadrat keinen Reim auf die merkwürdige Gestalt der Kugel machen. Bald jedoch nimmt die Kugel das Quadrat mit auf eine Reise in andere, Flachland untergeordnete Dimensionen: erst nach Strichland, dann nach Punktland. Allmählich beginnt das Quadrat zu verstehen.

Abbotts Erzählung stammt aus dem Jahr 1884 und nimmt vor allem die in ihren Konventionen und Hierarchien erstarrte viktorianische Gesellschaft aufs Korn. Die Flachländer erinnern nicht unwesentlich an die Gefangenen aus Platons Höhlengleichnis, die erst gegen ihren Willen ans Tageslicht gezerrt werden müssen, ehe sie die Welt so sehen und verstehen können, wie sie wirklich ist.

Mathematiker, Tennisprofi, Comic-Autor

In „Unflattening“, der womöglich ersten Dissertation in Comicform, werden Abbotts und Platons Ideen zum Ausgangspunkt eines faszinierenden Gedankenritts über das menschliche Begreifen. Die Vita des aus Michigan stammenden Autors Nick Sousanis liest sich so ungewöhnlich wie sein Buch: Sousanis, der behauptet, sein erstes Wort sei „Batman“ gewesen, studierte Mathematik und Kunst, gab in Detroit eine eigene Kulturzeitschrift heraus und war zwischenzeitlich auch mal Tennisprofi. Im Jahr 2014 schließlich erlangte er am renommierten Teachers College der Columbia University in New York City seinen Doktorgrad—mit einem Comic über die „Entflachung“ des Denkens.

Lesen als partizipativer Tanz: Eine Seite aus dem besprochenen Buch. Foto: Sousanins/Harvard University Press
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Mit Verweis auf Herbert Marcuses „Eindimensionalen Menschen“ stellt Sousanis fest, dass wir dazu neigen, unser eigenes Sichtfeld einzuschränken. Wir passen uns vorgegebenen, linearen Strukturen an und akzeptieren, dass selbst unsere Entscheidungsmöglichkeiten längst vordefiniert sind. Wir fügen uns, so Sousanis, und werden so zum Teil der Maschinerie, die nachfolgende Generationen hinter uns einreiht. Kurzum: Wir verhalten uns ganz so wie die Bewohner Flachlands. Zwar können wir erkennen, dass es noch Dimensionen unter der unseren gibt, aber sind wir auch in der Lage, eine vierte, fünfte oder sechste Dimension wahrzunehmen? Wollen wir das überhaupt?

Das Medium ist die Botschaft

Natürlich geht es bei „Unflattening“ um Theorie, es ist eben eine wissenschaftliches Arbeit. Sousanis’ Narrativ schlägt einen Bogen von Platon und Eratosthenes über Descartes und Kopernikus, Edwin A. Abbott und James Joyce, John Dewey, Max Horkheimer und Herbert Marcuse bis zu Gilles Deleuze, Rudolf Arnheim und George Lakoff; er beschäftigt sich mit den Naturwissenschaften ebenso wie mit Philosophie und Linguistik.

Gerade hier - und das ist wiederum ein entscheidender Teil von Sousanis’ Beweisführung - zeigt sich aber eine große Stärke von „Unflattening“: Als Comic ist das Buch in der Lage, die theoretischen Zusammenhänge zwischen diesen unterschiedlichen Bereichen organisch und plastisch zu kommunizieren. Die gewählte Form gestattet es Sousanis, bereits gezeigte Bilder oder Panels mit neuen zu überlagern, die neue Blickwinkel auf vermeintlich Bekanntes freigeben. Ebenso kann er bei Bedarf Details seiner Darstellung heranzoomen oder einen Schritt zurücktreten, um das große Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren.

Allesaufeinmal

Sousanis versteht Comics als rhizomatische Form im Sinne der französischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari: Eine Comicseite kann linear erzählen, sie lässt aber zugleich auch Querverbindungen zu, muss ihrem Leser keine festen Start- und Endpunkte vorgeben und bildet Dinge in einem dynamischen Verhältnis zueinander ab. Das Lesen wird so zu „einem partizipativen Tanz, einem Akt der Vorstellungskraft, bei dem der Leser das Statische animiert und in etwas Kinetisches verwandelt und zum Leben erweckt.“

Theorie plastisch kommuniziert: Eine weitere Seite aus "Unflattening". Foto: Nick Sousanis/Haravard University Press
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Der Leser wird so befähigt, neben dem linear Erzählten auch unmittelbar die gesamte Seite wahrzunehmen. Sousanis bezeichnet diese Gleichzeitigkeit, die den Comic klar von reinen Textwerken trennt, als „allatonce“ - „allesaufeinmal“. Es mag stimmen, dass ein Bild mehr sagen kann als tausend Worte. Aber manchmal, wie Timothy Hodler in der „Paris Review“ anmerkt, können Bilder eben auch Dinge „sagen“, die mit linear aneinander gereihten Buchstaben und Wörtern überhaupt nicht artikulierbar sind.

Sousanis zitiert Art Spiegelman, der eine Comicseite als „architektonische Einheit“ bezeichnet, die „Ideen verräumlicht“, ebenso wie Chris Ware, der Comics als „gefrorene Musik“ bezeichnet, „einen Raum, um Erinnerungen zu rekonstituieren“. Dass er selbst konzeptionell mit diesen Theorien spielt, sieht man dem Buch deutlich an. Auf der Seitenebene finden sich zudem Reminiszenzen an David Mazzucchellis „Stadt aus Glas“ und „Asterios Polyp“, an Grant Morrison und Frank Quitelys Kooperationen, an Joe Sacco oder an Batman-Hefte von 1975, die Sousanis in seiner Kindheit gelesen hat. Keine Seite gleicht der anderen, der Stil wird je nach Thema variiert. Unabhängig davon, ob man den theoretischen Überbau interessant findet, zieht „Unflattening“ visuell alle Register des Comic-Erzählens und lädt schon allein auf dieser Ebene zum Blättern ein.

Mut zur Lücke

Als notwendige und gewollte Konsequenz seines Anliegens stellt Sousanis das 1993 von Comictheorie-Guru Scott McCloud in dessen Standardwerk „Understanding Comics“ angeführte Prinzip der „Closure“ in Frage—oder bietet zumindest eine neue Interpretation an. „Closure“ bedeutet bei McCloud, dass im Kopf des Lesers automatisch die Lücke zwischen den Kästchen eines Comics geschlossen wird.

Bei Sousanis hingegen ist der Fortbestand dieser Lücke von zentraler Bedeutung. Er vergleicht die Funktionsweise eines Comics unter anderem mit dem stereoskopischen Sehen des Menschen—der Fähigkeit zur räumlichen Wahrnehmung, die sich erst aus der Integration beidäugiger Betrachtungen ergibt. „Entfernung und Unterschiede zwischen Blickwinkeln sind essenziell“, schreibt er, solange sie miteinander kommunizieren. „Unser Verständnis zu erweitern, erfordert Abweichungen im Denken und eine Vielfalt der Denker—die individuellen Sichtweisen, die für jeden von uns einzigartig sind.“

Es geht Sousanis also nicht um das „Schließen“ von Lücken, sondern vielmehr darum, sie als „Öffnungen“ neuer Perspektiven zu akzeptieren und zu begrüßen. „Entflachung ist die gleichzeitige Auseinandersetzung mit mehreren Blickwinkeln, die neue Sichtweisen hervorbringen kann“, schreibt er. „Verstehen, wie auch sehen, bedeutet immer, dies zu begreifen im Verhältnis zu jenem. Selbst, wenn wir verschiedene Blickwinkel bündeln und aneinanderheften, fällt der Raum, der zwischen ihnen liegt, nicht in sich zusammen—es ist kein Prozess des Schließens, des Beendens. Vielmehr erzeugt jede neue Auseinandersetzung einen neuen Blickwinkel, von dem aus der Prozess von neuem beginnt.“

Ceci n’est pas une pipe

Viele der Ideen, mit denen „Unflattening“ hantiert, sind für sich genommen bekannt, und der Comic-Autor und -Dozent James Sturm hat recht, wenn er darauf hinweist, dass die akademische Welt nicht unbedingt auf dem Stand der Dinge ist, was die „visuelle Alphabetisierung“ anbelangt. Es ist ja kein Zufall, dass in den Comics Chris Wares seit nunmehr zwanzig Jahren die Grenzen zwischen Text und Bildern zunehmend verwischen. Ware bezeichnet sich selbst als Autor, der mit Bildern schreibt, und seine Zeichnungen erinnern oft mehr an Piktogramme oder Icons als an klassische Comics. Der Einwand, Sousanis erfinde inhaltlich nicht das Rad neu, ist also durchaus legitim.

Von Platon bis Batman: Eine weitere Seite aus "Unflattening". Foto: Nick Sousanis/Haravard University Press
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So wusste auch schon Scott McCloud, dass die Trennung zwischen „Text“ und „Bildern“ letztlich nur in einem unterschiedlichen Grad an Abstraktion besteht. „Bilder sind, Text ist immer über etwas“, sagt Sousanis. Insofern, als Bilder uns besser begreifen lassen können als Worte, mag er recht haben. Aber René Magrittes Mahnung, dass die Abbildung und das Abgebildete nicht ein und dasselbe sind, verliert dadurch nicht ihre Gültigkeit. Natürlich sind auch Bilder über etwas—nur eben konkreter als Text. Es verwundert etwas, dass Sousanis das Gegenteil behauptet, ohne auf diesen Widerspruch einzugehen.

Raus aus der Höhle

Keine Frage: Die Herausforderung eines Comics wartet zwischen den Kästchen. Das meint McCloud, wenn er Comics als „unsichtbare Kunst“ bezeichnet. Dennoch weiß jeder, der schon einmal eine gute Geschichte ohne Bilder gelesen hat, dass Textdarstellungen durchaus in der Lage sind, Erstaunliches in der Vorstellungskraft zu bewirken.

Und überhaupt: Sind die vorgegebenen Bilder eines Comics nicht schon wieder ein Akt der „Verflachung“, da sie dem Leser die Mühe der Imagination abnehmen? Auch darauf hat Sousanis leider keine Antwort. Ob der Weg, textbasiertes Denken zu entflachen, also letztlich über Comics führt, darüber wird noch zu streiten sein.

In die nächste Dimension: Das Buchcover. Foto: Sousanins/Harvard University Press
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Auch der Einwand des Comicforschers Neil Cohn ist berechtigt. „Ich fand es ironisch“, so Cohn in seinem Blog, „dass erst sehr spät im Buch nicht der Text diesen Tanz führt, und auch dann nicht sehr lange. Die Bilder sind dabei sicher nicht zu vernachlässigen, aber meistens verstärken, ergänzen und bereichern sie die Botschaft jenseits dessen, was Text selbst leisten könnte. Schwerpunktmäßig konzentriert sich der Sinn dabei immer noch im Text.“ Sousanis verharre zu oft in seinen eigenen „Flachländern“, so Cohns Urteil.

Das große Verdienst Sousanis’ besteht letztlich darin, dass er die Frage nach unserer anerzogenen Wahrnehmung formvollendet und eindrucksvoll aufwirft, ohne sich einer Antwort allzu gewiss zu sein. Denn dass die edlen Befreier aus Platons Gleichnis durch große Selbstreflexion und die Erkenntnis aufgefallen wären, sie könnten vielleicht selbst bloß in einer Art Höhle leben, ist nicht überliefert. Und als die Kugel in „Flatland“ vom Quadrat auf die Möglichkeit noch höherer Dimensionen angesprochen wird, will sie davon ebenso wenig wissen wie die zweidimensionalen Flachländer von der dritten Dimension.

Insofern leistet „Unflattening“, was ein guter Sachcomic zu leisten vermag: Es fordert uns heraus, unseren Blickwinkel zu verändern. Alles Weitere sehen wir dann.

Nick Sousanis: Unflattening, Harvard University Press, englisch, 200 Seiten, etwa 20 Euro

Unser Autor Marc-Oliver Frisch promoviert über amerikanische Text- und Bildschriften an der Universität des Saarlandes und arbeitet als freier Comic-Kritiker und -Übersetzer in Saarbrücken. Sein Blog ist seine Ablage, Twitter sein Büro. Er entschuldigt sich für die Flachheit der Rezension.

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