Folge dem Pfeil! Eine Seite aus „Richtung“. Foto: Reproduktp

Neue Comics von Marc-Antoine Mathieu Folge dem Pfeil!

0 Kommentare

Mit „Richtung“ und „Die Verschiebung“ bekräftigt Marc-Antoine Mathieu seinen Status als einer der innovativsten Comic-Künstler der Gegenwart. Am Mittwoch präsentiert der Franzose seine Arbeit in Berlin.

Marc-Antoine Mathieu („Gott höchstselbst“) ist ein Phänomen unter den Comic-Künstlern: Nicht nur wegen seines einzigartigen Stils zu erzählen, zu zeichnen und beides brillant ineinander zu verschränken,. Sondern auch, weil er nie eine durchschnittliche oder schlechte Arbeit abliefert - Mathieu-Comics können im Grunde blind gekauft werden. (Hinweis der Redaktion: Eine abweichende Meinung finden Sie hier.)

Fans des französischen Autors haben in diesem Monat gleich zwei neue Gelegenheiten dazu, denn soeben erschien sein neues Werk „Richtung“, und in wenigen Tagen folgt „Die Verschiebung“, der aktuelle Band um Julius Corentin Acquefacques. Mathieu wird beide Comics an diesem Mittwoch um 19 Uhr im Institut français Berlin vorstellen und im Anschluss an das Gespräch mit Tagesspiegel-Autor Thomas Hummitzsch eine Signierstunde geben (Eintritt frei). Zudem gibt es in dieser Woche weitere Termine mit dem Zeichner auf der Leipziger Buchmesse, mehr dazu hier.

 „Richtung“ ist mit seinen mehr als 250 Seiten das bislang umfangreichste Werk Mathieus – allerdings nicht an Worten: Der Comic beinhaltet – bis auf zwei verschlüsselte Sätze – keinerlei Text, selbst der Titel besteht nur aus einem Pfeil. Dieses grafische Symbol ist der heimliche Hauptdarsteller der Geschichte, in der ein namenloser Protagonist durch eine karge Welt irrt, in welcher immer wieder Pfeile in allen möglichen Formen und Größen erscheinen. Er folgt ihnen, kommt aber nie irgendwo an, die Pfeile bleiben stumm und unbeschriftet.

Escher trifft Kafka

Der Mensch auf der Suche nach Orientierung, nach einem Ziel, nach einem Sinn: Man kann „Richtung“ als wortlose philosophische Meditation über existenzielle Fragen lesen – muss es aber nicht. Der Comic funktioniert genauso gut  als surreale Abenteuerreise wie als grafisches Experiment. „Richtung“ steht in einer Linie mit Mathieus anderen minimalistischen Comic wie oder „Die Zeichnung“ und treibt genau wie diese die Möglichkeiten der Kunstform an seine Grenzen: Vermeintliche Horizonte werden zu Wänden, Gigantisches entpuppt sich als winzig, Perspektiven kippen überraschend und geometrische Labyrinthe formen sich aus dem Nichts – es ist, als hätte M.C. Escher aus Kafkas „Das Schloss“ einen Comic gemacht. 

Belebte Leere: Eine Seite aus „Die Verschiebung“. Foto: Reproduktp

Auch in „Die Verschiebung“ irren die Protagonisten durch das Nichts, allerdings sehr viel wortreicher: Der neue Comic rund um den Angestellten im Ministerium für Humor, Julius Corentin Acquefacques, hat ein ähnliches Thema wie „Richtung“, behandelt es jedoch auf ganz andere Weise, nämlich mit ebenso philosophischen wie skurrilen Disputen. 

Die Hauptfigur verpasst die Geschichte

 Dem Titel gemäß beginnt der Comic auf Seite sieben: Die Verwicklungen beginnen – wie so oft bei Acquefacques – als dieser aus dem Bett fällt (anders als Little Nemo, dessen Traum-Abenteuer stets durch den Sturz aus dem Bett beendet werden). Empört stellt er fest, dass er nicht vorhanden ist und dadurch die für ihn vorgesehene Geschichte verpasst, an der er nunmehr als hilfloser Beobachter teilnimmt.

 Die verbliebenen Charaktere diskutieren in hintersinnigen Dialogen über ihre Rolle als Nebenfiguren und das Schicksal des gefährdeten Spannungsbogens, den es aufgrund des Fehlens eines Helden zu retten gilt. Passend dazu tritt die kontrastreiche Schwarz-Weiß-Stadt ausnahmsweise einmal zurück und macht einer scheinbaren Leere Platz, in der dennoch zahlreiche optische und logische Überraschungen lauern.

 Mathieu experimentiert wie kein anderer

 Sowohl „Die Richtung“ als auch „Die Verschiebung“ sind grafische und intellektuelle Genüsse, mit denen Marc-Antoine Mathieu erneut seinen Status als einer der innovativsten Comic-Künstler der Gegenwart unter Beweis stellt. 

Doppelschlag: Die Cover der beiden in diesem Monat erscheinenden Mathieu-Bücher. Foto: Reproduktp

Wie kaum ein anderer spielt er mit der Kunstform: Welcher Autor leistet es sich schon, mehrere Seiten fast gänzlich schwarz oder weiß zu lassen, den Comic erst auf einer späteren Seite zu beginnen oder in der Mitte des Buches plötzlich ein Ausklappposter zu platzieren? Wer sonst hebt die Erzählung und ihre Funktionsweise derart konsequent auf die Meta-Ebene und spiegelt dies in seinen Zeichnungen wider? Und: Wer sonst schafft es gleichzeitig noch, damit höchst unterhaltsam zu sein?

Marc-Anoine Mathieu: Richtung, Reprodukt, 256 Seiten, schwarzweiß, Hardcover mit Leinenrücken, 29 Euro

Marc-Anoine Mathieu: Die Verschiebung, Reprodukt, 56 Seiten, schwarzweiß, Softcover, 18 Euro

Zur Startseite