Selbstporträt: So zeichnet Margaret Atwood ihr Comic-Alter-Ego. Foto: Lars von Törnep

Margaret Atwood Die geheime Liebe der Schriftstellerin

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Margaret Atwood hat auf der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen. Doch auch als Comicautorin hat sie Erfolg.

Punkt, Punkt, Komma, Strich – aber fertig ist Margaret Atwood noch nicht. Konzentriert schaut die Schriftstellerin auf das Papier vor sich. Mit schnellen Bewegungen wirft sie mit dem schwarzen Filzstift weitere Linien aufs Papier. Die 77-Jährige sitzt am Tisch eines Cafés im Torontoer Universitätsviertel und gibt dem deutschen Gesprächspartner eine spontane Kostprobe ihres zeichnerischen Könnens. Mit sicherem Strich bringt sie wild gelockte Haare und den restlichen Körper zu Papier, dreht den Block zu ihrem Gegenüber, und tatsächlich: Da schaut einen eine Comicversion von Margaret Atwood an, die in der Hand ihr neues Buch hält genauso verschmitzt lächelt wie jetzt das Original.

„Angel Catbird“ ist in Nordamerika ein Bestseller

Margaret Atwood gilt als eine der wichtigsten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Ihre Bücher sind internationale Bestseller und wurden wie zuletzt „Der Report der Magd“ und „Alias Grace“ erfolgreich verfilmt. Am vergangenen Sonntag hat sie in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen.

Was hierzulande kaum jemand weiß: Die kanadische Autorin zeichnet auch ziemlich gute Comic-Strips und ist zudem die Autorin der Comic-Trilogie „Angel Catbird“, die derzeit in Nordamerika viel Beachtung findet, einer vor allem für junge Leser gedachten Superhelden-Geschichte, die sie mit dem Zeichner Johnnie Christmas geschaffen hat.

„Comics zeichne ich seit meiner Kindheit“, sagt Atwood. Und zwischendurch habe sie auch mal ein Kinderbuch geschrieben und selbst illustriert. Ausgewählte Strips kann man auf ihrer Website einsehen. Darin spießt sie zum Beispiel nervige Begegnungen mit Journalisten satirisch auf. So wie jene mit einem Reporter, der ihr forsche Fragen stellte, ohne ihre Bücher zu kennen und deren Titel dann auch noch falsch zitierte.

Weitere Beispiele ihres zeichnerischen Könnens finden sich im Anhang zu „Angel Catbird“, das in Nordamerika ein Bestseller ist und dessen dritter und letzter Band kürzlich auf Englisch erschienen ist (eine deutsche Übersetzung ist nicht absehbar). Für die von Atwood geschriebene Action-Fabel, deren Held ein mutierter Mensch mit den Eigenschaften einer Katze und eines Vogels ist, hat die Autorin Figuren- und Kostümentwürfe skizziert, die Zeichner Christmas dann im Stil klassischer Superhelden-Comics umgesetzt hat.

Wache Beobachterin. Margaret Atwood setzt sich in ihren Romanen häufig mit Umwelt- und Geschlechterthemen auseinander. Foto: Liam Sharpp

„Angel Catbird“ verbindet, wie oft auch Atwoods Romane, eine fantastisch-dystopische Erzählung mit einer politisch-ökologischen Botschaft. In diesem Fall geht es um den Umgang der Menschen mit Katzen und Vögeln, die der Umweltaktivistin Atwood gleichermaßen am Herzen liegen. „Beide Tierarten sind bedroht“, sagt sie. „Also habe ich überlegt, wie man dieses Thema anpacken und Katzenbesitzer für das Thema sensibilisieren kann, dass ihre Tiere eine große Bedrohung für frei lebende Vögel sind.“ Daraus entstand die Figur eines Superhelden, der teils Katze und teils Vogel ist. „Daher sieht er beide Seiten des Problems und kann so praktisch vermitteln, wie man beide Tierarten besser schützen kann.“ Ende September wurde „Angel Catbird“ mit dem kanadischen ScienceFiction- und Fantasy-Preis Aurora Award ausgezeichnet.

Aufgwachsen in der Goldenen Ära des Superheldencomics

Atwoods Comic, in dem ein wahnsinniger Wissenschaftler die Weltherrschaft mit einer Ratten-Armee erlangen will, erinnert stilistisch an die „Goldene Ära“ des Superheldencomics. Das ist kein Zufall. Die 1940er Jahre waren eine prägende Zeit für die 1939 geborene Margaret Atwood, die mit Comics lesen lernte. Über ihre älteren Brüder war sie immer gut mit Nachschub versorgt. Die Auswirkungen hat sie in einem Comic-Strip festgehalten, der vergangenes Jahr in der Anthologie „The Secret Loves of Geek Girls“ veröffentlicht wurde. Da sieht man die kleine Margaret mit einer rosa Schleife im Haar, wie sie ihren Brüdern beim Comiclesen zuschaut, die dabei kleine Knurr- und Grunzlaute ausstoßen. Dann schnappt sie sich ein Heft, setzt sich damit in die Ecke – und kurz darauf entfährt ihr auch ein erstes Grunzen, was sie mit kindlichem Stolz erfüllt.

Für „Angel Catbird“ tat sie sich mit Superheldenzeichner Johnnie Christmas zusammen. Foto: Dark Horse Booksp

In einem anderen selbst gezeichneten Strip verarbeitet sie ihr Brillen-Trauma. In der High School musste sie eine Hornbrille tragen, was sie bei Tanzabenden vehement ablehnte. So bestehen Atwoods Erinnerungen an die Tanzpartner jener Jahre aus Bildern, in denen man nur das Ohr, den Hals, die Schulter oder den Kragen des jeweiligen Freundes sieht.

„Als Jugendliche war ich ein großer Fan von Asterix“, sagt Atwood, vor allem der Wortwitz dieser Reihe habe es ihr angetan. In den 70er Jahren entdeckte sie dann die Comics von Claire Bretecher („Die Frustrierten“), die den Alltag ihrer vor allem weiblichen Protagonistinnen mit schonungslosem Humor schildert. Atwood mag auch viele zeitgenössische Comics. So Jeff Lemires melancholische Superhelden-Serie „Black Hammer“, die kommendes Jahr auch auf Deutsch veröffentlicht wird, den Comic „Ladykiller“ um eine mörderische Hausfrau sowie „Ms. Marvel“ von der Autorin G. Willow Wilson, die der Superheldin eine muslimische Identität und eine lebensnahe Geschichte verpasste und dafür viel Zuspruch bekam. Auch Reihen wie „Squirrel Girl“, „Blacksad“, „Sex Criminals“ und die Drag-Queen-Geschichte „Mama Tits Saves the World“ gehören zu Atwoods Comic-Favoriten.

Ein Atwood-Strip aus dem Buch „The Secret Loves of Geek Girls“. Für Komplettansicht auf das rote Plus-Zeichen klicken. Foto: Dark Horse Booksp

Hätten Sie mit ihrem künstlerischen Talent nicht „Angel Catbird“ eigentlich auch selbst zeichnen können? „Nein“, sagt Atwood bestimmt, „für eine so lange Geschichte zeichne ich nicht gut genug“. Und es sei auch ein Zeitproblem. „Comics zu zeichnen ist verdammt viel Arbeit.“ Bei ihren Fans, die sie vor allem als Schriftstellerin schätzen, werden Margaret Atwoods Ausflüge in die Comicwelt ambivalent aufgenommen. Einige hätten gesagt: „Oh Margaret, Sie sind verrückt.“ Aber dann höre sie auch oft: „Meine Kinder lieben Ihr Buch.“ So wie sie sonst oft höre: „Meine Frau liebt Ihr Buch.“

Margaret Atwood und Johnnie Christmas: Angel Catbird. Dark Horse Books, 3 Bände, 80/104/112 Seiten, je 11,99 bzw. 10,99 Euro

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