Meister mit Marotten: Eine Szene aus dem dritten Band von "Furious Love". Foto: Carlsenp

Manga Alter Meister, junge Gelüste

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Er machte den Begriff Manga populär, inspirierte Künstler wie van Gogh und Gauguin - und wird jetzt in Hamburg mit einer Ausstellung geehrt. Der Manga „Furious Love“ nähert sich dem Künstler Hokusai auf ungewöhnliche Weise.

Der Palast muss weg! So kann der große Meister einfach nicht arbeiten. Gerade erst ist Katsushika Hokusai zum wiederholten Male umgezogen. Als der berühmte Holzschnittkünstler aus dem Fenster seines neuen Domizils auf den Berg Fuji schaut, versperrt ihm der Palast des Shoguns den Blick. Das ist unmöglich, ist der Berg doch eines seiner wichtigsten Motive, das er gerade in den „36 Ansichten des Berges Fuji“ verewigt hat. Als sich sein neuer Vermieter weigert, beim Shogun die vom Künstler geforderte Verlegung des Palastes zu erwirken, bleibt Hokusai nur eines: Er muss erneut seinen Karren packen und weiterziehen.

Es ist ein wenig schmeichelhaftes Bild, das der Manga-Dreiteiler „Furious Love“ von seiner Hauptfigur zeichnet, dem Künstler Hokusai (1760-1849), der mit seinen Farbholzschnitten weit über Japan hinaus Ansehen erlangte und dessen Bild „Die große Welle vor Kanagawa“ bis heute zu den bekanntesten japanischen Kunstwerken zählt.

Derzeit wird er im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe mit der Ausstellung „Hokusai X Manga“ geehrt. In „Furious Love“, in den 1970er Jahren von Kazuo Kamimura geschrieben und gezeichnet und vor einigen Jahren vom Carlsen-Verlag auf Deutsch in drei Bänden herausgebracht, wird Hokusai weniger als respektabler Künstler sondern mehr als störrischer Schrat eingeführt: schwankend zwischen Selbstzweifeln und Größenwahn, mit dem Leben und dem Alter hadernd.

Die Geschichte ist halb biographisch, halb fiktiv, und sie vermengt reale Elemente aus Hokusais Leben mit einem Kunst- und Liebesdrama voller überzeichneter Charaktere, die dem alten Meister das Leben schwer machen.

Schöpfungsakt: Hokusai bei der Arbeit, wie ihn sich Kazuo Kamimura vorstellt. Foto: Carlsenp

Vor allem Hokusais Tochter O-Ei und sein Schüler und Gegenspieler Sutehachi provozieren etliche romantisch-absurde Verwicklungen, die teils anrührend geschildert sind, teils für den westlichen Leser durch Klamauk und Überzogenheit irritierend wirken. Immer wieder gibt es Dispute über den Sinn der Kunst, in denen Hokusai an traditionellen Formen und Sitten festhält, während nachwachsende Künstler mit frivolen Sexzeichnungen längst ein Vielfaches des in Armut lebenden Altmeisters verdienen.

Es ist eine unterhaltsame, stellenweise aber auch abstoßende Lektüre: Weder Hokusai noch seine Gegenspieler bieten einen Anlass, sich mit ihnen zu identifizieren. Der alte Meister wird als wehleidiger Soziopath geschildert, sein Epigone Sutehachi ist arrogant und überheblich, und die weiblichen Figuren in dieser Geschichte sind entweder hilflose Opfer der männlichen Gelüste oder Intrigantinnen. Von den starken Racheengeln, die Kamimura in dem von Kazuo Koike geschriebenen Dreiteiler „Lady Snowblood“ entwarf, sind die weiblichen Charaktere in dieser Geschichte denkbar weit entfernt.

Optisch bietet „Furious Love“ ein faszinierendes Kontrastprogramm. Meditative Szenen über die Schönheit der Welt und die Rolle der Kunst wechseln sich ab mit derben Episoden, in denen Kamimura den Leser am körperlichen Verfall Hokusais oder Sutehachis Hang zu aggressiver Sexualität teilhaben lässt - oft mit mehr Details, als man sehen möchte. Ein gelungener Kunstgriff ist es, wie Kamimura immer wieder klassische japanische Motive aus dem 18. und 19. Jahrhundert als Zitate in seine Bildfolgen einbaut – als Verbeugung vor den alten Meistern und Vergewisserung der Traditionslinien, auf die sich das Genre beruft. Immerhin war es Hokusai, der mit seinen „Manga“ genannten Momentaufnahmen der japanischen Gesellschaft den heute so weit verbreiteten Begriff einst populär machte.

Kazuo Kamimura: Furious Love, 3 Bände, je rund 360 Seiten, je 14,90 Euro, die Website zu der Reihe findet sich hier. Die Ausstellung „Hokusai X Manga“ ist bis 11. September im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen, weitere Informationen dazu gibt es hier.

Hinweis: Der Artikel wurde erstmals 2011 auf www.tagesspiegel.de/comics veröffentlicht und wurde nun aus aktuellem Anlass leicht überarbeitet.

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