Shooting Star: Mit gerade mal Mitte 20 gehört Luke Pearson zu den derzeit angesagtesten Comiczeichnern Europas. Foto: Lars von Törne
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Luke Pearson im Interview „Ich wollte nie Comics für Kinder machen“

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Luke Pearsons Album „Hilda und der Mitternachtsriese“ wurde am Wochenende auf dem Comic-Salon Erlangen mit einem Max-und-Moritz-Preis als bester Kindercomic ausgezeichnet. Im Interview erzählt der Zeichner, wieso er die Hilda-Reihe trotz ihres Erfolgs nicht ewig fortsetzen will.

Luke, Ihre Geschichten um die kleine Hilda werden dafür gelobt, dass sie eine ungewöhnliche Bandbreite an männlichen und weiblichen Lesern ansprechen, von Kindern und Jugendlichen bis zur Eltern- und Großelterngeneration. Wen haben Sie als Leser vor Sich, wenn Sie Ihre Geschichten schreiben und zeichnen?
Ich sage mir manchmal, ich schreibe die Art von Comics, die ich gerne gelesen hätte, als ich ein Kind war. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Zumal ich als Kind ziemlich erwachsene Comics gelesen habe, zum Beispiel die Zeitschrift „2000 AD“ und andere Sachen, die nicht gerade für Kinder gedacht sind. Ich schreibe meine Geschichten also eher für ein idealisiertes Abbild meiner selbst als Kind. Mir ist wichtig, dass die Geschichten für jeden zugänglich sind. So ähnlich wie die Trickfilme des Ghibli-Studios oder Disney-Filme, die Menschen in jedem Alter etwas zu bieten haben. Und ich schreibe explizit nicht nur für Jungs oder nur für Mädchen, wie das leider bei vielen anderen Comics der Fall ist. Ich denke beim Schreiben der Hilda-Geschichten gar nicht explizit daran, dass die Hauptfigur ein Mädchen ist. Sie ist einfach, wer sie ist. Aber sie erlebt nichts nur deswegen, weil sie ein Mädchen ist.

Die Geschichten mit Hilda strotzen vor fantastischen Ideen, aber die Hauptfigur steht mit beiden Beinen auf dem Boden. Sie ist mit ihren blauen Haaren visuell sehr prägnant gestaltet, ihre Persönlichkeit ist ein tragendes Element der Erzählung. Wie erfindet man so eine Figur?
Es begann mit ihrem Aussehen. Ich habe viele Skizzenbücher, in die ich ständig spontane Ideen zeichne. Meistens keine wiederkehrenden Figuren, sondern viel Unsinn. Sie habe ich allerdings ein paar Mal gezeichnet, immer mit leichten Veränderungen, und irgendwie kehrte ich immer wieder zu diesem Mädchen mit den blauen Haaren zurück. Irgendwann zeichnete ich sie dann mal vor einer skandinavisch aussehenden Stadt mit vielen Fantasiegestalten im Hintergrund. Das war ohne konkreten Grund, aber irgendwie gefiel mir die Art, wie diese Figur mit dieser Welt zu korrespondieren schien. Da hatte sie noch nicht mal einen Namen.

Die Besten ihrer Klasse

Und irgendwann wurde dann Hilda daraus?
Ja, als der Nobrow-Verlag mich fragte, ob ich nicht einen Comic für ihn machen wollte, schickte ich ihnen dieses eine Bild und sagte: Ich möchte einen Comic mit dieser Figur machen. Erst danach entwickelten sich ihr Charakter und die Geschichten um sie herum.

Zeichnerisch hat sich Hilda von Buch zu Buch sehr verändert – ist die Figurenentwicklung noch in vollem Gange?
Ich habe ihr Aussehen nicht bewusst mit jedem Buch verändert. Sondern weil ich mit der vorigen Version im Rückblick dann doch nicht wirklich zufrieden war. Und bestimmte Elemente, wie zum Beispiel die von Tove Jansson und den Mumin-Comics inspirierte spitze Nase von Hilda, gefielen mir später nicht mehr. Auch ihre Körpergröße nimmt mal zu und dann im nächsten Buch wieder ab. Das finde ich aber nicht schlimm, da ich die Bücher nicht als Fortsetzungsgeschichte sehe, sondern jede Geschichte für sich alleine stehen kann.

Für einen Max-und-Moritz-Preis nominiert: "Hilda und der Mitternachtsriese". Foto: Reprodukt
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Eine wichtige Rolle spielen auch die fantastischen Nebenfiguren. Bei „Hilda und der Mitternachtsriese“ haben Zwerge, Riesen und zahlreiche andere Fantasiegestalten eine große Bedeutung. Haben Sie die bewusst im Bezug auf Hilda entwickelt, oder sind die auch eher zufällig im Skizzenblock entstanden?
Nein, das war nur bei Hilda so. Die anderen Figuren haben ich dann bewusst mit Blick auf die Erzählungen gestaltet, inspiriert von skandinavischen Volksmärchen, mit denen ich mich in der Universität während meines Illustrationsstudiums ziemlich viel beschäftigt habe. Bei den Nebenfiguren habe ich einfach geschaut, wer eine interessante Bereicherung der Story sein könnte. So wie mit den Riesen und den Zwergen und Hilda in der Mitte, die eben für die einen auch ein Zwerg und für die anderen ein Riese ist.

Wenn man in der Vergangenheit an britische Comic-Künstler und Autoren dachte, waren dies vor allem solche, die sich stark in Richtung des nordamerikanischen Marktes orientierten und auch von dort inspiriert waren - zum Beispiel Alan Moore oder Mark Millar. Sie hingegen scheinen viel stärker von europäischen aber auch japanischen und anderen Erzähltraditionen geprägt zu sein …
Ja, das hat sic in den vergangenen Jahren geändert, weil man dank des Internets eine wesentlich breitere Auswahl an Impulsen hat. Dennoch haben meine Sachen im Vergleich zu einigen britischen Zeitgenossen schon eine besonders starke europäische Ausrichtung. Woran es liegt? Vielleicht weil ich als Kind „Asterix“ gelesen habe und immer so zeichnen wollte…? (lacht)

Märchenwelt: Eine Seite aus "Hilda und der Mitternachtsriese". Foto: Reprodukt
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Hildas Geschichten können auf vielen Ebenen gelesen werden. Es sind Märchen, Mutter-Tochter-Geschichten, aber darin enthalten sind auch viele politische Metaphern. So liest sich „Hilda und der Mitternachtsriese“ mit seinem Streit um das von Hilda und ihrer Mutter bewohnte aber von einem anderen Volk beanspruchte Land wie eine Analogie auf die verfahrene Situation in Israel… Ist das eine Überinterpretation?
Nein, ich wollte eben eine sehr breite Leserschaft ansprechen und nicht nur Kinder. Ich wollte da keine politische Botschaft verstecken, aber ich wollte eben auch ein paar ernsthafte Fragen in dem Buch verhandeln, ohne dass sie zu sehr die Geschichte dominieren.

Neben tagespolitischen Bezügen, die man in dem Buch entdecken kann, lässt sich darin auch eine größer humanistische Botschaft finden, ein Appell zur friedlichen Konfliktlösung, zum einvernehmlichen Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und so weiter – verpackt in einer aufregenden Abenteuergeschichte. Wie wichtig ist Ihnen die Botschaft, wenn Sie Ihre Storys schreiben?
Die Botschaft steht nicht am Anfang. Ich versuche einfach, eine gute Geschichte zu erzählen. Und beim Schreiben merke ich dann, wo ich durch bestimmte Nuancen solche Aspekte aufnehmen kann.

Nicht nur bei Kindern populär: Kürzlich erschien "Hilda und die Vogelparade" auf Deutsch. Foto: Reprodukt
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Der Comic-Markt differenziert sich derzeit zunehmend aus, nach ihrer Akzeptanz als Erwachsenenliteratur werden Comics zunehmend auch wieder als Kinderliteratur angepriesen. Wissen Sie, wer Ihre Leser sind?
Ich denke, es sind mehr Erwachsene, die das Buch kaufen. Aber das hängt auch damit zusammen, wie das Buch im Handel angeboten wird. Mein Verlag ist kein Mainstream-Verlag, sondern eher auf Kunst- und Comicläden spezialisiert. Aber inzwischen hat Nobrow auch einen Kinderbuch-Ableger gegründet, was sicher dazu führen wird, dass meine Bücher mehr und mehr in Mainstream-Buchläden und Kinderabteilungen zu finden sein werden. Mein Eindruck bislang ist aber, dass vor allem Erwachsene, die gerne Comics lesen, mein Buch kaufen und es dann ihren Kindern geben.

Der andere Pearson: Die Erzählung "Was Du nicht siehst" erscheint im Herbst 2014 auf Deutsch. Foto: Reprodukt
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Wer Sie als Autor über die „Hilda“-Bücher kennenlernt, gerät bei der Lektüre anderer Comics von Ihnen möglicherweise ins Staunen, weil sie in vieler Hinsicht radikal anders sind. „Everything we miss“ zum Beispiel, das im Herbst 2014 unter dem Titel „Was Du nicht siehst“ auch auf Deutsch erscheint, ist eine düstere, surrealistische, psychologisch grundierte Geschichte von quälenden Beziehungsproblemen, verschenkten Chancen, herben Verlusten – und garantiert kein Buch, das man seinen Kindern kauft. Ist das „der andere Luke Pearson“, ein Gegengewicht zu der kinderfreundlichen Märchenwelt von Hilda?
Dieses Buch steht für die Richtung, in die die ich gehen wollte, bevor ich mit Hilda anfing. Ich wollte ja eigentlich nie Comics für Kinder machen. Es hat sich eben so ergeben, als der Verlag mir das Angebot machte und ich dann inspiriert von der Zeichnung einen Comic für Leser allen Alters entwickelte. Aber eigentlich würde ich gerne mehr Comics wie „Everything we miss“ machen. Nur bin ich eben vorübergehend abgelenkt worden und mache jetzt erst mal etwas ganz anderes – und das macht mir ebenfalls großen Spaß.

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Und das dürfte angesichts des kommerziellen Erfolgs der Hilda-Geschichten wohl auch noch eine Weile so weitergehen, oder?
Ja, ich denke schon. Wobei ich am liebsten zwischen jedem Hilda-Buch auch erstmal wieder etwas anderes machen würde. Aber das wird nicht funktionieren, dafür ist das Comiczeichnen einfach zu viel Arbeit und dauert zu lange. Ich denke, ich mache noch eine Weile lang etwa ein Hilda-Buch pro Jahr und komme dann irgendwann zum Schluss, um wieder ganz andere Wege zu gehen. Ich werde nicht für den Rest meines Lebens Hilda-Geschichten erzählen.

Das Gespräch führte Lars von Törne im Sommer 2013 auf dem Comicfestival München. Luke Pearsons Website findet sich hier, seine Bücher erscheinen auf Deutsch bei Reprodukt.

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