Almir Šehalić vor dem "Alan Ford"-Wandbild in seinem Comicbuchladen. Foto: Nadine Lange
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Comics in Bosnien Valter rettet Sarajevo

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In Bosnien und Herzegowina gibt es nur zwei Comicbuchläden. Einer davon liegt in Sarajevo und wird von Almir Šehalić betrieben, der außerdem einen Verlag für Comics aufgebaut hat. Ein Besuch.

Alan Ford, Zagor, Dylan Dog - so heißen populäre Comichelden in Bosnien und Herzegowina. Sie sind allerdings alle Ausländer, amerikanische und englische Figuren, die von italienischen Zeichner in den Sechziger bzw. Achtzigern erdacht wurden. Schon zu Zeiten Jugoslawiens wurden die Bände übersetzt und erreichten hohe Auflagen. Bis heute sind sie in den Nachfolgestaaten populär.

Und natürlich findet man sie auch in Sarajevos Comicbuchladen „Striparnica Agarthi Comics“. Zentral in der Altstadt gelegen, geht es im Hinterhof des „Nove Daire“-Zentrums ein paar Stufen hinunter in das aus drei zusammenhängenden Räumen bestehende Geschäft.

Im vorderen Bereich gibt es eine Leseecke, nach links geht es weiter zu den Verkaufsräumen. Hinter dem rot gestrichenen Kassentresen steht Almir Šehalić, der die „Striparnica“ vor fünf Jahren eröffnet hat. „Früher brauchte man keinen Laden, weil die Comics an den Kiosken verkauft wurden“, sagt er. Jetzt sieht man sie dort eher selten. Dafür sind die Regale von Šehalić, der noch eine Handvoll Mitstreiter hat, mit zahlreichen aktuellen Ausgaben gefüllt. Auch historische Hefte und Comiczeitschriften hat er im Angebot. Und natürlich die großen Marvel,- und DC-Serien.

Der Wild-West-Comic "Zagor" war hier erfolgreicher als in seiner Heimat

Zu den Verkaufsschlagern gehört nach wie vor „Alan Ford“, dem auch das Wandbild hinter der Kasse gewidmet ist. Neben dem titelgebendenden Agenten sind da etwa der im Rollstuhl sitzende Gruppen-Chef Number One, der Snob Sir Oliver und der Erfinder Grunf zu sehen. Gemeinsam gehen sie auf geheime Missionen, bei denen ihnen ein New Yorker Blumenladen als Tarnung dient. Die kleinformatigen Hefte sind schwarz-weiß und in klassischer Panel-Aufteilung gehalten. Ähnlich - allerdings mit einem feineren Strich - ist Wild-West-Comic „Zagor“ angelegt, der in den Ländern Ex-Jugoslawiens viel erfolgreicher war als in seinem Heimatland Italien.

Blick in die „Striparnica“, den einzigen Comicbuchladen von Sarajevo. Foto: Nadine Lange
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Die Abenteuer von Patrick Wilding alias „Zagor“ erscheinen in Bosnien bei Agarthi Comics, dem Verlag von Almir Šehalić. Auch die italienischen Serien „Napoleon“, „Martin Mystere“ und einige weitere bringt er in der Landessprache auf den Markt. Besonders am Herzen liegt ihm allerdings die 2014 gestartete Biblioteka Bosančica, in der er klassische bosnische Comics wiederauflegen will. Als einziger Band ist dort bisher „Valter brani Sarajevo“ (Valter verteidigt Sarajevo) erschienen, der erstmals die sechs Episoden des in den Siebzigern erschienen Strips über den legendären Partisanen-Kommandanten Vladimir Perić Valter zusammenfasst. Inspiriert von dessen Wirken im okkupierten Sarajevo erzählt der 1940 geborene Zeichner Ahmet Muminović von Sabotage-Aktionen gegen die Nazis. Es fliegen ziemlich viele Züge und Gebäude in die Luft. 

Neu aufgelegter Klassiker

Einmal entgeht Valter auch einem Hinterhalt, der ihm in der Baščaršija gelegt wird. Spekakulär seilt er sich vom Turm der orthodoxen Kirche ab. Ein echter Held - nicht nur im Comic und dem gleichnamigen Film. 1949 wurde der Untergrund-Kämpfer offiziell zum jugoslawischen Volkshelden erklärt. Das Kriegsende hat Valter nicht mehr erlebt, er wurde Anfang April 1945 von einer Granate getötet. Sein Begräbnis wurde von rund 15.000 Sarajlije besucht. Zahlreiche Fotos von der Prozession und der Beisetzung finden sich in dem liebevoll aufgemachten Band „Valter brani Sarajevo“.

Die Mumins auf Bosnisch

Brandneu bei Agarthi Comics ist „Mumijevi i zimske ludorije“ (dt. Ausgabe „Mumins Winterfreuden“) von Tove Jansson. Pünklich zu eine kleinen Buchmesse im Bosnischen Kultur Centrum sind die Bände mit dem rosa Cover fertig geworden. Šehalić hat einen großen Teil seines Sortiments dorthin geschafft. Viele Besucherinnen und Besucher hätten lächelnd durch die Titel geblättert, die sie aus ihrer Kindheit kennen, sagt er. Eine Tradition, die im digitalen Zeitalter abgerissen ist. „Die heutige Jugend wächst nicht mehr mit Comis auf, lernt nicht mehr mit ihnen lesen.“ Das sei ein Problem für die Branche, denn man könne nicht von einem 15-Jährigen erwarten, dass er sich plötzlich aus dem Nichts heraus für Comics interessiert. Um wieder in die Kinderzimmer zu kommen sind die Mumins sicher ein guter Startpunkt. Und dann geht es vielleicht weiter mit Valter, Zagor, Alan & Co..

Dieser Text entstand im Rahmen des Journalistenaustauschprogramms „Nahaufnahme“ des Goethe-Instituts. 

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