Der Künstler an seinem Zeichentisch. Foto: Doris Spiekermann-Klaasp

Comic-Porträt Faust aufs Auge

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Der Berliner Zeichner Reinhard Kleist hat eine Graphic Novel aus dem Leben von Hertzko Haft gemacht, einem polnischen Juden, der von den Nazis gezwungen wurde, im KZ reihenweise Mithäftlinge zu verprügeln. Ein Atelierbesuch.

Natürlich war Hertzko Haft eine fiese Type. Mit 15 Jahren steckten die deutschen Besatzer den Jungen in eine Außenstelle des Konzentrationslagers Auschwitz. Hier musste der polnische Jude zur Belustigung seiner Bewacher in einem provisorischen Boxring gegen seine ausgemergelten Mithäftlinge antreten. Sieg oder Niederlage wurde für Hertzko Haft zu einer Frage von Leben und Tod, bei Versagen wäre auch er im Vernichtungslager gelandet. Und so tat Haft, was wohl alle Menschen tun würden: Er verprügelte seine Mithäftlinge, er „vernichtete“ sie im Ring, er legte alle menschlichen Gefühle ab. Später gelang ihm während eines Gefangenentransports die Flucht. Er tötete einen SS-Offizier, aber auch ein älteres Ehepaar, das er verdächtigte, ihn verraten zu haben. Selbst Jahre später konnte er die Brutalität, die ihn überleben ließ nicht ablegen: Auch wenn Hertzko Hafts Boxkarriere in den USA der 50er Jahre im Sand verlief, seinen Sohn Alan schlug er jahrelang.

Der Comic-Künstler Reinhard Kleist, der die Lebensgeschichte dieses Getriebenen in einer Graphic Novel nacherzählt, ist ein sanfter, freundlicher Mensch. Er wägt seine Worte ab, redet mit leiser Stimme. In der deutschen Comic-Szene, die eher laut und expressiv ist, war er schon immer ein Sonderfall, ein eher nachdenklicher Typ, der seinen schlauen Humor nur manchmal aufblitzen lässt. Kleist teilt sich ein Atelier mit anderen prominenten Zeichnern, doch während die Zeichentische von Phil Tägert (Fil) und Markus Witzel (Mawil) wie bewohnte Bombentrichter aussehen, herrscht auf seiner Ablage akribische Ordnung. Wegen dieser Pedanterie ist er zum Schrecken seiner Redakteure geworden, Abgabetermine überzieht er schon mal, wenn er mit dem Ergebnis nicht zufrieden ist.

Zweimal hat Reinhard Kleist bereits den Max-und-Moritz-Preis der Stadt Erlangen bekommen, die höchste Auszeichnung für Comics, die in Deutschland verliehen wird: 1996 für seine erste professionelle Arbeit „Lovecraft“ und zwölf Jahre später für die Johnny-Cash-Biografie „Cash – I See A Darkness“. Trotzdem galt Kleist bis vor wenigen Jahren eher als Underground-Zeichner und Geheimtipp. In dem großartigen Comic-Thriller „Fucked“ arbeitete der 1970 in Hürth geborene Künstler seine Techno-Vergangenheit auf und perfektionierte einen harten, rauen Schwarz- Weiß-Stil. Die zwischen 2003 und 2008 entstandene „Berlin Noir“-Trilogie schildert in einer expressionistischen Farbexplosion eine deutsche Hauptstadt, die von Vampiren beherrscht wird.

Was faszinierte also einen friedlichen Menschen wie Reinhard Kleist ausgerechnet an dem Unsympathen Hertzko Haft, der sein Lebtag nicht richtig lesen und schreiben gelernt hat? „Er ist beides: Täter und Opfer“, sagt Kleist. „Den Leser so in eine Geschichte reinzuziehen, dass er sich mit solch einem kruden Charakter identifiziert, war eine Herausforderung.“ Die Zeiten haben sich eben geändert, differenziertere Sichtweisen auch auf das Thema Holocaust sind möglich geworden. Noch vor 20 Jahren wurde selbst Art Spiegelmans Klassiker „Maus“ scharf angegriffen – unter anderem von Rita Süssmuth, damals Bundestagspräsidentin - weil seine Protagonisten anthropomorphe Tierfiguren waren: Juden als Mäuse, Deutsche als Katzen, Polen als Schweine, das ging gar nicht. Doch nur so konnte Spiegelman das Grauen bewältigen.

Schon das Buch, das Alan Scott Haft über seinen Vater geschrieben hat („Eines Tages werde ich alles erzählen“, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2009), hat Kleist über viele Wochen nicht losgelassen. Im Frühjahr 2011 erschien „Der Boxer“ als Strip in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in 111 Fortsetzungen. Für das Buch hat Kleist die Strips umgearbeitet, zusätzliche Szenen gezeichnet und die Formate der Panels geändert.

Mit seiner Kunst gehört Kleist zur Speerspitze der neuen deutschen Comic-Künstler, die endlich auch im Ausland Erfolg haben. Nicht ohne Stolz erzählt er von Ausgaben in Brasilien und Mexiko, die gut laufen, von seiner Arbeit mit dem Goethe-Institut – im Herbst steht eine Reise nach Sizilien an, bei der Kleist über Immigration aus Nordafrika arbeiten wird – und von seiner Lehrtätigkeit.

Überlebenskampf: Das Cover von Reinhard Kleists neuer Graphic Novel „Der Boxer“. Foto: Carlsenp

Zur Recherche hat Kleist Boxveranstaltungen besucht, Atmosphäre getankt. Das merkt man im zweiten Teil der Geschichte, der Hafts Nicht-Karriere in den USA beschreibt. Auch hier ist Haft ein Getriebener der Geschichte. Er bestreitet zwar 22 Profikämpfe, gewinnt 14, aber längst hat die Mafia ihre Finger im Sportgeschäft. Der Kampf gegen den späteren Schwergewichtsweltmeister Rocky Marciano sei geschoben, behauptete Herz später. Er starb als jähzorniger, enttäuschter Mann.

So ist auch das Buch, dass der Sohn über den Vater geschrieben hat, nicht frei von Widersprüchen. Kann das alles stimmen? Hat Haft wirklich so viele Kämpfe im KZ bestritten? War die Liebesgeschichte zwischen Haft und seiner Jugendliebe Leah wirklich so hollywoodhaft? Kleist spart sich in seinem Buch die Faktenbeurteilung und umgeht Widersprüche dadurch, dass er nicht chronologisch erzählt. Gerade angesichts der Verbitterung, des Scheiterns, entwickelt der Leser dann doch so etwas wie Mitleid mit der fiesen Type Hertzko Haft. Das ist die große Leistung von Reinhard Kleist.

Reinhard Kleist: „Der Boxer“. Carlsen Verlag, Hamburg 2012. 200 S., 16,90 €. Buchpräsentation am 29. Juni um 20 Uhr im Max und Moritz, Oranienstraße 162.

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