Von US-Vorbildern inspiriert: Eine Seite aus "Captain Berlin". Foto: Weissblechp

"Captain Berlin" Die Schmuddelkiste als Schatzkammer

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Monströse Mutationen, ein Showdown mit dem GröFaZ in der Wolfsschanze - "Captain Berlin" ist Trash vom Feinsten und erinnert daran, dass Comics in Zeiten der Graphic Novel auch schmuddelig sein dürfen.

Der französische Literaturwissenschaftler Francis Lacassin manövrierte die Comic-Gattung als „Neunte Kunst“ im Jahre 1971 in den Kanon der bildenden Künste. Aber während der Comic in Nordamerika, im asiatischen Raum und bei unseren europäischen Nachbarn längst als ernstzunehmende Erzählform angekommen ist, die das Vermögen hat, relevante Inhalte ansprechend und anspruchsvoll zu transportieren, tut er sich hierzulande nach wie vor schwer. Auch nach der Installation des Begriffs Graphic Novel haftet ihm der Ruf des Trivialen und Billigen an, obwohl ihm längst zahlreiche Ausstellungen und sogar eigene Messen gewidmet werden. Aber man kennt das ja, spätestens seit Degenhardt: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern.

Von Jörg Buttgereit ins Rennen geschickt

Während viele Verleger vollkommen zurecht gegen das schmuddelige Image ankämpfen, gibt es allerdings auch jene, die sich in der Schmuddelecke ausgesprochen wohl fühlen. Levin Kurio ist so einer. Der Raisdorfer Zeichner vertreibt seine Comics seit rund 20 Jahren, 1999 hat er seinen Verlag Weissblech Comics gegründet. Mit diesem setzt er voll und ganz – und mit Herzblut – auf die verruchte Ästhetik der Trash-Kultur. Seine Produkte behaupten sich erfolgreich neben franko-belgischen Klassikern, Mangas und US-amerikanischen Superhelden.

Und da sind wir schon beim Stichwort: Superhelden scheinen stets Sache der Nordamerikaner zu sein. Die Vorstellung von einem deutschen Superhelden erscheint irgendwie abwegig. Vielleicht ist das der Grund, warum der Regisseur Jörg Buttgereit anno 2009 den ersten Superhelden unserer Hauptstadt ins Rennen geschickt hat: Captain Berlin.

Nun hat es Captain Berlin von Buttgereits B-Movie über die Theaterbühne auf die Seiten eines Comic-Heftes geschafft, das bereits in zweiter Auflage vorliegt – und ist somit da angelangt, wo ein standesgemäßer Superheld hingehört. Bereits in der DVD zum Film war seinerzeit die erste Episode des aktuellen Weissblech-Hefts enthalten. Von Rainer F. Engels gezeichnet und mit einer Story von Kurio und Buttgereit stellt sich dort Captain Berlin in Operation Untergang keinem geringeren Gegner als Adolf Hitler. Captain Berlin wird hier als das Forschungsergebnis einer Widerstandsbewegung geschaffen, um den GröFaZ auszuschalten. In der Wolfsschanze kommt es zum Showdown zwischen Superheld und Erzschurke – einem Showdown, der die deutsche Historie gründlich auf den Kopf stellt.

Auf den Spuren des Golden Age

Die zweite, abschließende Episode der zum Heft kompilierten Captain Berlin-Abenteuer spielt in der Gegenwart. Der Hauptstadt-Held fristet, seine Super-Identität geheim haltend, ein Clark-Kent-gemäßes Dasein als Reporter. Doch dann passiert es: Nach der Reaktor-Katastrophe von Fukushima kommt es zu monströsen Mutationen – und diese bescheren über Umwege Berlin das Monster Fukuda. Um gegen die aus dem kontaminierten Kühlwasser erwachsene Bestie zu bestehen, wagt sich auch der Captain an ein Bad in der Reaktorbrühe...

Bereits in der zweiten Auflage: Das Heftcover. Foto: Weissblechp

Mit seinen 17 Seiten hat Captain Berlin vs. Fukuda für Weissblech-Verhältnisse epische Ausmaße. Martin Trafford, der die Story zeichnerisch umgesetzt hat, wandelt hier stilistisch auf den Spuren der frühen Golden Age-Tage des Superheldencomics.

Zugegebenermaßen hat Weissblech schon bessere Geschichten hervorgebracht – man denke da nur an die herrlich depperten, vor lustigen Einfällen nur so strotzenden Comics "Kommunistische Raketenweiber vom Planeten Z", "Die drogengeilen Teenieschlampen" oder auch jenen, der eigens für das Verschenk-Heft des letztjährigen Gratis Comic Tags geschaffen wurde. Angesichts der nicht selten großartigen Leistungen des unabhängigen Verlagshauses kann man es jedoch nur begrüßen, wenn sich der Captain als neue Serienfigur neben etablierten Helden wie Bella Star oder Kala behauptet. Weil es jetzt, wo es ihn gibt, augenscheinlich ist, dass Deutschland nicht länger ohne Superheld auskommen darf. Und weil Kurio und Konsorten Trash in seiner ungestümen Krudheit und Direktheit Ernst nehmen, ohne irgendeinen Versuch der Rechtfertigung zu bemühen. Schließlich darf man nicht vergessen, dass auch im Zeitalter der Graphic Novel Comics schmuddelig sein dürfen. Mal ganz abgesehen davon, dass die Weissblech-Crew – ungeachtet des Trash-Ettiketts, mit dem man sie gerne versieht – aus Leuten besteht, die ihr Handwerk beherrschen. Im Raisdorfer Verlag sind Profis am Werk.

Jörg Buttgereit/Levin Kurio/Rainer F. Engel/Martin Traffold: Captain Berlin, Weissblceh Comics, 36 Seiten, 4,90 Euro. Mehr dazu auf der Website des Verlages.

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