Kleine Details, große Geschichte: Eine Seite aus dem besprochenen Abschlussband von "Blast". Foto: Reprodukt
p

„Blast“ von Manu Larcenet Kaltes Blut

0 Kommentare

Das Unvorstellbare vor Augen führen - bis zum bitteren Ende: Mit dem vierten Band führt der Comicautor Manu Larcenet seine phänomenale Erzählung „Blast“ zu einem Finale, das seinesgleichen sucht.

Wer ist dieser Polza Mancini wirklich? Ist er tatsächlich ein eiskalter Mörder, dem es gelingt, seine Brutalität hinter einer Fassade aus Naivität, Verwahrlosung und Selbstaufgabe zu verstecken? Dies zumindest vermuten die beiden Ermittler, deren Namen bis zum Abschluss der „Affäre Mancini“ unbekannt bleiben. Oder ist der korpulente, aber agile Mancini nicht doch nur ein harmloser Aussteiger, der sein Glück in der Naturflucht sucht, dabei aber immer wieder mit den Abgründen unserer Zeit konfrontiert wird und sich gegen diese zur Wehr setzen muss? Dies nämlich möchten wir Leser glauben, da uns dieser verwahrloste, aber irgendwie auch zugängliche Sonderling über die vorangegangenen drei Bände ans Herz gewachsen ist.

Da spielt es keine Rolle, dass er unter dem Verdacht steht, die junge Carole Oudinot auf brutale Weise umgebracht zu haben. Denn dies scheint zunächst allzu abwegig. Bei dem Verhör Mancinis kommen die Ermittler nicht voran. Zwar sagt er ihnen gleich zu Beginn, ihnen alles erklären zu wollen, wenn sie ihm nur geduldig zuhörten, doch was er ihnen dann auftischt, ist so hanebüchen, dass es kaum ausgedacht sein kann. Es ist die Geschichte eines Parias, der seinen Posten in der ihn umgebenden Gesellschaft aufgibt und in eine geradezu mystische Welt der Naturreligion flieht. Epileptische Anfälle versetzen den Naturromantiker Mancini in Trance-ähnliche Zustände und lassen ihn quasireligiöse Erscheinungen haben. Gewalt hat in dieser Erzählung nur dann Platz, wenn sie ihn als Opfer ereilt.

Erinnerungslücken eines Außenseiters

Die Ausfallerscheinungen, Mancini nennt sie „Blasts“, symbolisieren die Erinnerungslücken des Außenseiters, die im Laufe des Verhörs zutage treten. An die Seite dieser Ausfälle treten Verbrechen, in die Mancini scheinbar verwickelt ist. Im vierten und abschließenden Band „Hoffentlich irren sich die Buddhisten“ wird nun aufgeklärt, was sich während dieser Attacken tatsächlich ereignet hat.

Memory der Ereignisse: Eine weitere Seite aus dem besprochenen Buch. Foto: Reprodukt
p

Den französischen Comicautor Manu Larcenet kannte man bis zum Start dieser als Trilogie geplanten und um einen Band gewachsenen Miniserie aufgrund seiner Werke wie „Donjon“, „Der alltägliche Kampf“ oder „Rückkehr aufs Land“ als Meister des feinen Humors. Für „Blast“ hat er einen völlig neuen Stil gewählt. Düster und wild hat er diese Geschichte von Anfang an in Szene gesetzt, augenscheinlich um das Unvorstellbare vor Augen zu führen.

Kenner seiner Geschichten überrascht das nicht, denn auch wenn sie immer wieder Anlass bieten, in schallendes Gelächter auszubrechen, sind sie zugleich auch ernsthafte gezeichnete Kommentare auf den Irrsinn dieser Welt. „Wenn Du nur lustige Sachen machst, bleibst Du ein Clown, jemand, dem man nie eine intelligente Frage stellt“, hat er in einem Fernsehinterview kürzlich gesagt. Das erklärt, weshalb seine Comics zwischen federleichtem Humor und bitterböser Ironie, zwischen Parodie und Sarkasmus schwanken. Neben aller Heiterkeit zieht sich durch seine meist in naivem Strich gehaltenen Comics ein düster-melancholischer Grundton. In der Tiefe seiner Arbeiten rauscht das Existenzielle.

In keiner anderen seiner Arbeiten dringt dieses Rauschen derart in den Vordergrund, wie in der Serie, deren erster Band vor drei Jahren von der Tagesspiegel-Jury zum besten Comic des Jahres gewählt wurde. Im vierten und letzten Teil geht er noch einen Schritt weiter auf den Abgrund des menschlichen Daseins als in den vorherigen Bänden zu. „Blast“ ist das Porträt eines unberechenbaren Grenzgängers, der seine Vorbilder in den Romanen von Fjodor Dostojewski und Bret Easton Ellis hat. Durch die Adern seines schwergewichtigen Helden scheint das „Cold Blood“ zu fließen, das Truman Capote einst bei Perry Edward Smith und Richard Eugene Hickock fand.

Träumerische Anfälle, pornografische Obsessionen

Der vierte Band ist in zwei Teile getrennt. Im ersten Teil steht der Abschluss der Erzählung Polza Mancinis, die mit jeder Seite, ach was, mit jedem Panel bedrückender wird. An die Stelle der im Rückblick fast träumerischen Anfälle treten die pornografischen Obsessionen von Roland Oudinot, dem Vater von Carole, dessen Leiche inzwischen auch gefunden wurde. Zwischen die grauschwarzen Zeichnungen der Handlung treten in dunkelroten Tönen Ausschnitte der Blutspur, die Mancini auf seiner Flucht in eine andere Welt hinterlassen hat. Darin eingebettet sind die (von dem neuen Asterix-Zeichner Jean-Yves Ferri gezeichneten) Comicstrips eines Borderline-Eisbären, die Mancini in der Zeitung liest. In denen findet sich nicht nur Mancini wieder, sondern auch Larcenet, der seit seiner Kindheit an einer Bipolaren Störung leidet. Den bodenlosen Fall in die Depression, den Mancini mit Alkohol und Tabletten zu bremsen versucht, kennt er nur zu gut.

Bis zum bitteren Ende. Eine weitere Seite aus dem Buch. Foto: Reprodukt
p

Der Franzose erzählt die Geschichte seines tragischen Helden bis zum bitteren Ende geradlinig nach vorn. Larcenet Genie im Aufbau der Gesamterzählung wird jedoch erst vor dem Hintergrund dieses abschließenden Bandes deutlich, der eine ohnehin schon phänomenale Erzählung zu einem vollkommenen Werk der sequentiellen Erzählkunst krönt. Am Ende werden die Qualen und Leiden, Illusionen und Fantasien, Abgründe und Katastrophen seines Antihelden und seiner Umwelt in einem beeindruckenden Memory der Ereignisse nebeneinander gelegt und aufgedeckt.

Im zweiten Teil erzählen die beiden Polizisten einem Fernsehteam von ihren Ermittlungen. Larcenet spult hier die Ereignisse der vorangegangenen 780 Seiten auf knapp 30 Seiten rückwärts und im Schnelldurchlauf ab – und stellt so alle Eindrücke und Erwartungen des Lesers auf den Kopf. Diese kriminalistische Auflösung fällt zwar aus dem bis dahin geltenden assoziativen Erzählrhythmus heraus, sucht aber zugleich ihresgleichen in der Kunstform Comic. Erst auf diesen Seiten tritt in aller Deutlichkeit zutage, wie vorausschauend Larcenet seine Erzählung aufgebaut hat und welche Bedeutung noch die kleinsten Details für die große Geschichte haben. Wer vor lauter Begeisterung nicht ohnehin noch einmal zu den ersten drei Bänden greifen wollte, tut dies spätestens hier, um die Rekonstruktion der Ereignisse durch die vernehmenden Polizisten selbst zu prüfen.

Die über drei Bände gewachsene Empathie mit diesem geschlagenen und vom Leben gezeichneten Koloss entfaltet auch im vierten Band noch einmal ihre volle Wirkung. Der Gedanke, dass Polza Mancini ein sensibler Naturmensch sein könnte, der einen Hang zur romantischen Übertreibung hat und unschuldig in diese seltsame Geschichte geraten ist, will einen bis zum Schluss nicht loslassen. Auch dann nicht, wenn einer der Ermittler kühn vor der Kamera behauptet, dass es nirgendwo einen Platz für Verbrecher wie Mancini gäbe. Was für die Hauptfigur dieser überwältigenden Erzählung gilt, gilt auch für diese Serie. Es braucht einen besonderen Platz für sie. Sie ist ein Solitär - und ein Paradebeispiel dafür, was für außergewöhnliche Dinge der Comic als erzählende Kunstform zu leisten imstande ist.

Finale: Das Cover des vierten Bandes. Foto: Reprodukt
p

Manu Larcenet: Blast - Hoffentlich irren sich die Buddhisten. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock, Handlettering von Dirk Rehm, Reprodukt, 208 Seiten, 29 Euro

Weitere Tagesspiegel-Artikel unseres Autors Thomas Hummitzsch lesen Sie hier, seinen Blog intellectures finden Sie hier.

Rosa Parks Haus kehrt in die USA zurück

Springt mit uns!

Druck auf dem Kessel

Rest und Schwefel

Schweigen im Tannenwald

Zur Startseite