Der 1995 gestorbene Autor und Dramatiker Heiner Müller Foto: Jan Bauer dpa/lbn
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Caravaggio und Heiner Müller Da trinke ich lieber Benzin

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In der Literaturkolumne "Fundstücke" geht es diesmal um den großen Maler Caravaggio und den großen Zyniker Heiner Müller.

Noch bis zum 28. Januar lädt der Palazzo Reale am Domplatz in Mailand zu einer „Innenansicht von Caravaggio“ („Dentro Caravaggio“). Mehr als ein Drittel der nur etwa fünfzig erhaltenen Gemälde des Künstlers Michelangelo Merisi, genannt nach seinem Geburtsort Caravaggio (1571-1610), sind dort zu sehen, mit so noch nie zusammen gezeigten Leihgaben aus den USA, England, Spanien und Italien. Die beiden „deutschen“ Caravaggios aus Potsdam und Berlin (der berühmte nackte Amor) wurden nicht verschickt. Aber das Interessante sind in Mailand die Durchleuchtungen der ausgestellten Werke. Sie zeigen, gleich Röntgenbildern, wie Caravaggio planmäßig vom Dunkeln ins Helle gemalt und wie er sich selbst dann oft spontan korrigierend wieder übermalt hat.

Das nahe Bergamo geborene Genie, der Spieler, jähzornige Totschläger und homoerotische Provokateur, er hat auch Schriftsteller und Filmemacher (wie Derek Jarman) wegen seiner Motive und seines geheimnisumwitterten Lebens fasziniert. Bei einem der berühmten Sujets Caravaggios, dem auf einen kostbaren Schild (als Bild im Bild) gemalten Schlangenhaupt der Medusa aus den Uffizien in Florenz, sieht es so aus, als hätte der Künstler den Blick auf sich selbst gleichsam zurückgeworfen. Doch blickt die mythische Meduse nicht direkt ins Auge des Betrachters, was diesen der Sage nach zu Stein werden lässt; vielmehr schaut die Ungeheure, für die Caravaggio das Gesicht eines jungen Mannes gewählt hat, mit schreckgeweiteten Pupillen am Betrachter vorbei – auf ihren hier unsichtbaren Schlächter: den Helden Perseus, der ihr Haupt eben abgeschlagen hat. Was das Entsetzen auf den Zuschauer überträgt, da er selbst dem Medusenblick folgt und die Tat im eigenen Kopf imaginiert. So schauen wir auch in uns selbst.

Mafia klaut Kirchenbilder

Wer da noch tiefer blicken möchte, dem sei das kleine rote Bändchen des amerikanischen Literaturwissenschaftlers David Leeming „Medusa. Die schreckliche Schöne“ empfohlen (Wagenbach Verlag, Berlin 2016, 137 Seiten, 18,- Euro). Und wer noch mehr lesen möchte zum Thema „Maler Mörder Mythos. Geschichten zu Caravaggio“, der muss ins Antiquariat oder ins Internet gehen, wo das vergriffene gleichnamige Taschenbuch aus dem Verlag Hatje Cantz für wenig Geld zu haben ist.

Das 112-seitige, leider sehr klein und eng gedruckte Bändchen ist 2006 zu einer Caravaggio-Schau in Düsseldorf erschienen und hat teils fiktive, teils dokumentarische Erzählungen oder Interpretationen versammelt: u.a. von Ingrid Noll, dem Sizilianer Andrea Camilleri, von Henning Mankell (ein Langgedicht) oder Florian Illies, der anlässlich eines realen Kunstraubs in Italien der Mafia ein gewisses Verständnis für Caravaggios Kirchen(!)bilder nicht absprechen möchte.

Texte zum Kapitalismus von Heiner Müller

Im Dezember jährt sich der 22. Todestag von Heiner Müller. Da findet sich in dem handlichen Müller-Reader „Für alle reicht es nicht. Texte zum Kapitalismus“ (Edition Suhrkamp, 389 Seiten, 16,- Euro) der schlagende Satz: „Die USA sind das reichste Armenhaus der Welt.“

Helen Müller und Clemens Pornschlegel haben in Zusammenarbeit mit der Fotografin und Müller-Witwe Brigitte Maria Mayer reichlich kommentierte Texte aus dem dichterischen, dramatischen und in vielen legendären Interviews formulierten Gesamtwerk zusammengetragen. So lässt sich allerhand Kapitalismuskritisches (ohne Kommunismus-Beweihräucherung) oft wie neu und aktuell lesen. Auch viel existenzialistisch getönter Skeptizismus. Müller ist ja fast immer super geisteshell, selbst wenn er Politikern unterstellt, „dass sie ihren eigenen Reden glauben“ und daher „keine Zyniker“ seien. Natürlich meint er nicht unbedingt Hitler oder Stalin, aber (1991) immerhin Bush und Kohl – und sagt: „Zum Zynismus gehört eine Intelligenz, die in der Politik nicht gefragt ist.“

Heiner Müller selbst war insoweit ein geradezu liebenswürdig spöttischer Zynismus (oder Sarkasmus) nicht fremd. Dies war ihm mehr eigen als jede grüne oder rosa politische Korrektheit: „Wenn ich morgens Müsli esse, will ich mich eine Stunde später erschießen. Da trinke ich lieber Benzin zum Frühstück und esse gierig ein blutiges Steak dazu.“

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