Das Ehepaar Nabokov auf dem Balkon eines Genfer Hotels. Foto: picture-alliance/ dpa
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Briefe von Vladimir Nabokov Eine Million Schmetterlinge!

Gisela Trahms
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Erstmals auf Deutsch sind jetzt Vladimir Nabokovs enthusiastische Briefe an seine Frau Véra Slonim erschienen. Sie enthalten reichlich Fundstücke für Fans.

Wer einen Platz im literarischen Olymp anstrebt, muss ein düsteres Leben in Kauf nehmen. Als der 1899 geborene Vladimir Nabokov zu schreiben begann, schien sein Unglücksrucksack gut gefüllt. Die Revolution hatte die Familie ins Exil nach Berlin getrieben, sein Vater wurde ermordet, die Mutter zog mit den jüngeren Geschwistern nach Prag. Vladimir blieb allein und lebte von der Hand in den Mund.

Immerhin war die Berliner Emigrantenszene groß genug, um eigene Zeitungen und Verlage zu tragen. Nabokov verfasste Gedichte und Erzählungen in seiner Muttersprache, die ihm begrenzten Ruhm einbrachten. Und sie bewogen eine junge Frau, sich auf einem Maskenball mit dem Autor bekannt zu machen, ohne ihre Wolfsmaske abzunehmen. Fest von seinem Genie überzeugt, schrieb sie ihm Briefe, die er berückend fand, und heiratete ihn 1925.

Véra Slonim entstammte einer russisch-jüdischen Familie. Sie war zwei Jahre jünger als Vladimir, groß, schlank, elegant und so eigenwillig wie anpassungsfähig. Sie lernte, Madame Nabokov zu sein, erste Leserin und Kritikerin der Manuskripte, verhandelte mit Verlagen, erledigte Korrespondenzen, chauffierte. Der unduldsamen Mimose Vladimir war Véra eine starke Partnerin, beiden gelang, was man eine glückliche Ehe nennt. Die dramatischen Akkorde der Affäre, die er 1937 in Paris mit einer Schönheit namens Irina Guadanini begann, verhallten rasch. Véra stellte ihn vor die Wahl, er entschied sich für sie, Krise beendet.

Vladimir Nabokov war ein ausdauernd zufriedener Ehemann

Wie Thomas Mann hätte Nabokov einen Toast auf die „ins Weibliche gewendete Klugheit“ seiner Frau ausbringen können, aber solche Formulierungen hätten beide nur lächerlich gefunden. Sie zeugten auch keine sechs Kinder, sondern einen einzigen, fröhlichen und liebevollen Sohn, der die englischsprachigen Werke des Vaters ins Russische übersetzte, als Opernsänger auftrat und in wechselnden Ferraris mit wechselnden Frauen über Küstenstraßen brauste. Währenddessen blieb sein Vater ein ausdauernd zufriedener Ehemann, der den Eros in Romanen untersuchte.

Sein Unglück, das ihn zu lebenslangem, ohnmächtigem Zorn verdammte, war die Zerstörung seiner Kindheitswelt durch die Bolschewiken. Dieses Unglück war ein historisches. Es hatte nichts zu tun mit jenen persönlichen Dämonen, die er schreibend bezwang. So unleidlich und bissig er sich in seinen späteren Jahren auch manchmal gab: zum Kern seines Wesens gehörte das klare und stetige Bewusstsein des Glücks, Nabokov zu sein.

Dies zu studieren bieten die jetzt erstmals ins Deutsche übersetzten Briefe an Véra Gelegenheit. Sie entstanden während dreier Trennungen, die erste nicht lang nach der Hochzeit, als Véra eine Kur im Schwarzwald machte. Sie litt unter Depressionen, verlor Gewicht. Vladimir schrieb ihr jeden Tag. Er war arm, musste in einem ihm unsympathischen Land leben, seine junge Frau kränkelte. Was für Klageton-Briefe wird er da wohl geschrieben haben? Überhaupt keine. Schiere Lebensfreude strahlt aus diesen 200 Seiten, die er ebenso gut an sich selbst hätte richten können, denn Véra kommt kaum darin vor. Vladimir berichtet über Tennis und Schwimmen, zählt auf, was die Wirtin seiner Pension ihm kocht und welches Gedicht ihm ruckzuck aus der Feder floss. Zwischendurch beteuert er seine Liebe. Wie hält Véra das aus? Wird man da nicht erst recht depressiv?

Briefe aus Frankreich und England

Sie antwortet selten, offenbar schrieb sie nach den ersten, erfolgreichen Briefen nicht mehr gern. Sehr viel später, als sie gebeten wird, einem Briefband zuzustimmen, verbrennt sie alle eigenen Schreiben. So huscht sie nur als Schatten durch die Texte, was die Fantasie des Lesers stimuliert. Lebenslang erzählt Vladimir sich selbst und hat damit genug zu tun. Dies gilt noch intensiver für das zweite Konvolut aus den dreißiger Jahren, die Briefe aus Frankreich und England, wo er in panischer Hast eine Stelle sucht, um Véra und das Kind in Sicherheit zu bringen. Täglich knüpft er neue Verbindungen, besucht Tees und „wichtige“ Leute, und das Namedropping in den Berichten ist so atemberaubend wie ermüdend. All seine Anstrengungen scheitern, in letzter Minute gelingt der Familie 1940 die Flucht in die USA.

Auch dort tourt er zu Vorträgen und Lesungen. Seine Erzählungen aus den akademischen Milieus der Provinz haben nun den warmen, ironischen Ton des späteren Meisterwerks „Pnin“. Aber in der endlich erreichten Sicherheit der Neuen Welt entsteht auch ein neuer Schmerz, da er die Sprache wechseln muss: „Unterwegs durchfuhr mich plötzlich ein Blitz gegenstandsloser Inspiration – der leidenschaftliche Wunsch zu schreiben – und auf Russisch zu schreiben… Ich glaube nicht, dass jemand, der diese Empfindung nie verspürt hat, wirklich in der Lage ist, ihre Qual, ihre Tragik zu begreifen.“ Diesen schwarzen Untergrund werden auch die komfortablen Jahre im Schweizer Grand Hotel nicht aufhellen. Aber was wäre „Lolita“ ohne das amerikanische Setting, die amerikanische Sprache? Nicht auszudenken!

Anmerkungen, Familienfotos und anrührende Zeichnungen des Sohnes

Nabokovs Briefe an Véra sind tatsächlich privat, aus dem Augenblick geboren. Sie leben aus den Formulierungen: „Das Hotel ist aus Watte, vor dem Fenster Regen, im Zimmer Bibel und Telefonbuch: zur bequemen Verbindung mit Himmel und Büro.“ Dazu die Liebesbeteuerungen, verschwenderisch wiederholt: „Mein Liebling, eine Million Schmetterlinge und tausend Ovationen (bereinigt um die überschwängliche Herzlichkeit des Südens)“. Und die trefflichen Bosheiten: „Ich begegne hier zwei Arten von Damen: solchen, die mir Auszüge aus meinen Büchern zitieren, und solchen, die der Frage nachgehen, ob ich grüne oder gelbe Augen habe“ – kurzum, reichlich Fundstücke für Fans. Zwischendurch Schlichtes, seitenlang, ungewohnt milde.

Mit Einleitungen und Anmerkungen versehen, von Ludger Tolksdorf aus der amerikanischen Fassung der russischen Originale übersetzt, ergänzt um Familienfotos und die anrührenden Zeichnungen für Söhnlein Dmitrij, schließt dieser Band 24 die monumentale Edition der Gesammelten Werke ab. Tusch und Champagner! Ein goldener Schmetterling schwebt auf dem zartgrauen Leinen, anmutig wie die Worte seines mit Netz und Nadel bewaffneten Liebhabers.

Vladimir Nabokov: Briefe an Véra. Aus dem Englischen von Ludger Tolksdorf. Rowohlt, Reinbek 2017. 1152 Seiten, 40 €.

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