Alles klingt und fließt. „Rainforest V“ von David Tudor. Foto: Sabine Glaubitz/dpa
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Biennale Lyon Gruß aus der Vergangenheit

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Die Biennale in Lyon verschließt sich dem öffentlichen Raum, holt in ihrer thematischen Vielfalt aber weit aus.

Lyon, das ist die aus den Wassern Geborene. Ihr Zentrum befindet sich seit jeher auf der Halbinsel, wo Rhône und Saône zusammenfließen. Sie wird der Länge nach durchquert von der längsten Fußgängerstraße Europas. Nur wer ein wenig weiterläuft, bis zur Spitze der Presqu’île, der gerät in einen einstigen Hinterhof Lyons, wo sich die Docks der Stadt befanden und dazu gleich zwei Gefängnisse.

Doch auch hier geht es voran, die Kommune hat sich vorgenommen, den einstigen Schmuddelfleck in ein prosperierendes Quartier umzuwandeln. IT-Unternehmen, Radiosender, Start-ups haben sich in schicken Neubauten auf dem Terrain niedergelassen. Als historische Reminiszenz steht nur noch La Sucrière, eine Zuckerfabrik aus den Dreißigern, in der heute passenderweise Kunst raffiniert wird und alle zwei Jahre die Biennale stattfindet.

„Mondes flottants“ lautet ihr Motto in diesem Jahr, fließende Welten. Nichts bleibt, wie es ist. Den Besuchern in der Sucrière flattert als erstes ein gigantisches weißes Seidentuch von Hans Haacke unter dem Titel „Wider white Flow“ entgegen. Es suggeriert Wellen, dahinter fließt Wasser durch ein ebenfalls von dem in New York lebenden Konzeptkünstler stammendes Röhrensystem, „Circulations“ genannt. Sprichwörtlicher geht es fast nicht, das Publikum ist eingestimmt.

Sind Mammut-Kunstschauen noch zeitgemäß?

Ausgedacht hat sich das Motto Emma Lavigne, die Direktorin des Centre Pompidou in Metz, die von Thierry Raspail als Kuratorin eingeladen wurde. Raspail ist Gründervater der Biennale und Direktor des Musée d’Art moderne, das sich hinter der stehengelassenen Fassade des ehemaligen Messepalastes heute in einer rückwärtig angebauten Einkaufsmall befindet – noch so ein Gruß aus der Vergangenheit, an dem sich die Wandlungskräfte der Stadt ablesen lassen.

Mit der Biennale hat Raspail vor einem Vierteljahrhundert eine klassische Modernisierungsmaschine angeworfen. Doch mittlerweile stottert der Motor. Braucht es die Mammutschau immer noch, wird gefragt, wenn Raspail in Kürze in Pension geht? Während in Deutschland die Documenta nach dem finanziellen Debakel unverblümt infrage gestellt wird, tuschelt man in Lyon über die Zukunft des internationalen Aushängeschildes noch hinter vorgehaltener Hand. Den dritten Teil seiner aktuellen Themen-Trilogie dürfe der verdiente Museumsdirektor doch wohl noch machen dürfen, heißt es.

Nach Ralph Rugoff, Chef der Londoner Hayward Gallery, arbeitet sich nun also Emma Lavigne am vorgegebenen Begriff „modern“ ab und entwickelt daran entlang den Ausstellungsparcour in der Sucrière und im Museum für moderne Kunst. Was sich 2015 noch kantig, ja widerwillig gegen das Leitmotiv gab, erscheint nun sanft, schmeichelnd, fließend eben. Lavigne nahm die Einladung nach Lyon im Jubiläumsjahr ihrer Institution schwungvoll an. Vor 40 Jahren wurde das Centre Pompidou in Paris eröffnet, mittlerweile besitzt es auch in Metz und Málaga Außenstellen.

Die Moderne ist unsere Antike

Das Pompidou ist Frankreichs Hüterin der Moderne. Was lag da für Lavigne näher, als mit der Biennale den Bogen zur eigenen Sammlung zu schlagen und seine Ausläufer in der Gegenwart zu suchen? Mit Duchamp macht sie den ersten Aufschlag, Kunsthistoriker können ihre Freude an ihrem Parcours haben. Die Leitfrage von Roger Buergels Documenta vor zehn Jahren „Ist die Moderne unsere Antike?“ wird in Lyon mit einem überzeugten „Ja!“ beantwortet. Adam Szymczyk, der gescholtene Documenta-Chef, darf sich noch Hoffnung machen, was seinen Ruf betrifft. 2007 wurde Buergel gebasht wie vor ihm nur Catherine David. Ihre Documenta gilt längst als wegweisend.

Auch für Buergels Motto „Migration der Formen“ finden sich nun allenthalben Belege: Einer der zentralen Räume ist dem Brasilianer Ernesto Neto gewidmet, in dessen raumgreifenden Skulpturen aus Stoff der Besucher sich verlieren darf. Rundum befinden sich Werke von Jean Arp mit ihren rundlichen, schmeichelnden Formen, von der Decke hängt ein sich sanft bewegendes Mobile Alexander Calders. Wo sie aufhören, macht Neto weiter, nimmt nun den ganzen Menschen künstlerisch in seine Arme.

Auf seine Art hat dies auch Buckminster Fuller, der amerikanische Architekt und Visionär, gewollt, der für die Menschheit als Ganzes nach Lösungen suchte. Im Besitz des Pompidou befindet sich eine seiner geodätischen Kuppeln von 1957, die nach Jahrzehnten im Depot nun endlich wieder aufgebaut wird, mitten auf der Place Antonin Poncet in der City von Lyon. Es ist der einzige Abstecher der Biennale in den Freiraum Stadt. Die Biennale von Lyon schirmt sich ansonsten eher ab, sie wagt sich nicht aus den Institutionen heraus.

Chance zur Profilierung

Doch gerade darin bestünde ja die Chance zur Profilierung einer Kunst-Biennale: dass sie sich an ihren Orten reibt. Unter den Modulen von Buckminster Fullers Kuppel plätschert es dafür wieder, um das Biennale-Motto auch hier evident zu machen. Céleste Boursier-Mougenot lässt in einem Becken rund vierzig Porzellanschalen umeinander kreisen, die bei jedem Zusammenstoß ein zartes Kling-Klong von sich geben. Eine Wasserballade ertönt auch in der Sucrière. In einem der Silos ließ der Amerikaner Doug Aitken für einen klingenden Brunnen den Betonboden aufschlagen. In den Krater mit milchigem Wasser tröpfelt es von oben aus neun Kränen, mit jedem Aufschlag auf der Wasseroberfläche verbreitet sich der Sound.

Ruppigere Töne schlagen dem Besucher aus der Seite des Gebäudes entgegen. Hier probt eine von Ari Benjamin Meyers engagierte Rockband. Der in Berlin lebende US-Künstler lässt die Grenzen verfließen zwischen Kunst und Musik, Probe und Auftritt, Produkt und Konzert. Darin besteht auch der Hauptverdienst von Lavignes ansonsten eher untertoniger Biennale: dass sie in alle Richtungen ausgreift, bis hin zur Architektur und Dichtung flotiert. Was die Documenta an Sendungsbewusstsein zu viel hatte, fehlt ihr. Nur einmal brechen sich harte Tatsachen Bahn: in Marcelo Brodskys Dokumentation unter dem Titel „Das Feuer der Ideen“. Doch das war 1968 in Rio de Janeiro, Rom, Mexiko, Berlin. In Lyon ist es nur noch ein Flämmchen.

Biennale de Lyon, bis 7. 1.; Infos unter: www.biennaledelyon.com

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