Das ist kein Stück von Marthaler - sondern eine Volksbühnenfoyerszene von vergangenem Samstag mit einem Musiker der Bolschewistischen Kurkapelle. Foto: imago/Christian Thielp

Besetzung der Volksbühne Seid kreativ! Seid Berlin!

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Sehnsucht nach den goldenen Neunzigern: Die Besetzung der Volksbühne, die Forderung nach kollektiver Intendanz - und wieviel Nostalgie mit im Theaterspiel ist.

Es hat an diesem Sonntagabend, dem Bundestagswahlabend, natürlich seinen ganz eigenen Charme, einen Abstecher in die besetzte Volksbühne zu machen. In Deutschland ziehen die Rechten ins Parlament – und in Berlin kapert eine linke Gruppe namens „Staub zu Glitzer“ ein Theaterhaus. Und das nicht explizit, um dem neuen Intendanten Chris Dercon endgültig aus der Stadt zu vertreiben, sondern um vielmehr auf Verfehlungen in der Kultur- und Stadtentwicklungspolitik hinzuweisen, von wegen Gentrifizierung, Freiraummangel, kapitalistische Eventkultur und so weiter.

Draußen hängt ein Zettel, auf dem dazu aufgefordert wird, um 19 Uhr die AfD-Wahlparty in einem Club am Alexanderplatz zu stören, dem manche Besetzerin und mancher Sympathisant vermutlich nachkommt. Und drinnen ist trotz dieses Aufrufs das ganze Haus in Bewegung. Am intensivsten im Roten Salon, wo die Tanzfläche voll und ein ständiges Kommen, Gehen und mehr noch Flanieren mit Bierflasche in der Hand ist , nach draußen in den Hof des Roten Salons, wo Karotten geschnippelt werden, und nach drinnen in die Gänge und Foyers der Volksbühne.

Der Charme besteht darin, dass das Ganze an die „Kongresse“ erinnert, die es in der Volksbühne vor allem in den späten neunziger- und frühen nuller Jahre gab – nur dass diese von innen, von der Volksbühne selbst organisiert wurden, mit viel theoretischem Überbau und viel gutem Willen, das Chaos stets mit im Visier. „Das Niveau ist hoch, aber keiner ist drauf“, zitierte seinerzeit Carl Hegemann einen alten Spontispruch.

Geht es hier wirklich um Kunst? Kunstkritik?

Von hohen Niveaus und tausend Plateaus ist nun nicht die Rede, dafür steht auf jedem zweiten Zettel im Haus: „Die ist ein freier Raum! Seid kreativ! Spielt, performt, singt, tanzt.“ Und: „Seid politisch! Diskutiert, überlegt, gründet & engagiert Euch, entwickelt Neues!“ Oder, auf einem anderen: „Gemeinsam wollen wir einen neuen Raum eröffnen, in dem wir unsere Visionen mit der Realität abgleichen, unsere Träume an der Praxis schärfen und viele verschiedene Wege zu einem besseren Berlin aufzeigen. Zu unserem Berlin.“

Das „bessere“ Berlin, „unser“ Berlin, die freien, die neuen Räume – es scheint sich hier eine starke Sehnsucht nach den neunziger Jahren Bahn zu brechen. Nach dem Berlin der Nach-Wendezeit, in dem alles möglich war, in dem es haufenweise brachliegende, aufgelassene Flächen und Häuser gab, Monat für Monat neue halblegale und illegale Bars, Clubs und Kunststätten betrieben wurden. Das war „das Berlin der Extase, der Kollektivität, des euphorischen Widerstands“ , von dem die Volksbühnenbesetzer jetzt träumen.

Nur waren diese Räume wirklich frei, forderten sie dazu auf, kreativ genutzt zu werden, was im Erfolgsfall oft zu Legalisierung und zunehmender Kapitalisierung führte. Aber jetzt? Die Volksbühne? Ein freier Raum für eine „transmediale Theaterinszenierung“, eine „kollektiver Intendanz“, in dem, wie es früher gern hieß, künstlerische Prozesse durch soziales Handeln sichtbar gemacht werden? Der zwar, wie Berlin in den Neunzigern, ein Ort des Übergangs ist: von einem Intendanten zu einem anderen. Der aber eben kein leerstehendes Haus ist, kein altes Fabrikgebäude. Sondern eine Spielstätte, in der gearbeitet, geprobt wird – freilich eine nicht zuletzt symbolisch hoch aufgeladene Spielstätte. Das zumindest muss man der Gruppe „Staub zu Glitzer“ lassen: einen besseren Ort hätte sie nicht wählen können, (man stelle sich vor, die Gruppe hätte irgendwo in der Stadt, in Adlershof oder Tegel, einen „freien“ Raum besetzt), um..., ja, was eigentlich genau zu tun? Um Kapitalismus- und Gentrifizierungskritik zu üben? Um Kunst zu machen, andere Kunst, Kunst, die nichts mit „Leistung“, nichts mit den Gesetzen des Marktes zu tun hat?  

Es wirkt alles sehr diffus, was gerade innerhalb der Volksbühne passiert, wer hier welche Interessen hat. Am Ende muss man wieder an eine Zeile aus der ebenfalls in den neunziger Jahren sehr angesagten Schrift „Mille Plateaux“ von Gilles Deleuze und Felix Guattari denken: aus dem Zusammenhang reißen, in den Zusammenhang schmeißen.

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