Paul Verhoeven, 78, ging als Niederländer nach Hollywood, dreht dort „Robocop“ (1987) und „Basic Instinct“ (1992). Foto: Lex de Meester
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Berlinale-Jurypräsident Paul Verhoeven „Kunst und Politik muss man trennen“

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Paul Verhoeven macht kontroverse Filme und ist jetzt Jury-Präsident der Berlinale. Ein Gespräch mit dem Regisseur über sein Verhältnis zu Amerika, dem Thriller „Elle“ - und Demokratie in der Jury.

Herr Verhoeven, Sie erleben gerade ein Comeback. Letztes Jahr in Cannes wurde Ihr neuer Film „Elle“ von der Kritik gefeiert, nun sind Sie Präsident der Berlinale-Jury. Das europäische Kino empfängt Sie wieder mit offenen Armen, dreißig Jahre nach ihrer Flucht in die USA. Verspüren Sie Genugtuung?

Nein, aber die ungewohnten Respektsbekundungen tun gut. Mit Genugtuung hat das nichts zu tun. Vor allem bedeutet es, dass ich meinen nächsten Film wieder leichter finanziert bekomme.

Sie gelten als kompromissloser Regisseur. Verträgt sich das mit der Rolle eines Jury-Präsidenten?
Bisher hatte ich mit solchen demokratischen Prozessen nie ein Problem. Als Vorsitzender einer Jury sollte man natürlich akzeptieren, dass auch die Meinung anderer Gewicht hat. Im Idealfall sitzt man mit einigen sehr intelligenten Menschen an einem Tisch, diskutiert Filme und hofft, dass niemand in der Gruppe eigene Interessen vertritt. Letzteres ist mir zum Glück bisher noch nicht passiert.

2007 saßen Sie unter anderem mit Alejandro González Iñárritu und Jane Campion in der Jury in Venedig.
Das war eine interessante Erfahrung. Das Schöne an so einem Jury-Job ist doch, dass man die seltene Gelegenheit bekommt, unter sehr konzentrierten Bedingungen zu sehen, was im internationalen Kino gerade passiert. Das ist einer der Gründe, warum ich gerne in einer Jury sitze. Man hat die Ruhe, sich auf Filme einzulassen, ohne ständig von der Arbeit abgelenkt zu werden.

Bleibt Ihnen überhaupt noch die Zeit, die aktuellen Entwicklungen im Weltkino zu verfolgen?
Kaum. Weltkino beschränkt sich in meinem Fall auf das westeuropäische Kino, die USA und hin und wieder vielleicht ein Film aus Japan oder Korea. Selbst in Los Angeles wird es immer schwieriger, fremdsprachige Filme zu sehen. Es gibt noch vereinzelte Repertoirekinos, die französische oder deutsche Filme zeigen, aber dort dreht sich eigentlich alles um die Oscars.

Hinsichtlich der wechselhaften Rezeption Ihrer Filme könnte man vermuten, dass Sie ein gespaltenes Verhältnis zu Filmpreisen haben. Sie sind einer der wenigen Regisseure, die sich die Goldene Himbeere für den schlechtesten Film des Jahres persönlich abgeholt haben.
Sieben Himbeeren habe ich damals für „Showgirls“ bekommen. Man muss solchen Auszeichnungen aber mit einer gewissen Ironie begegnen, sonst macht einen die Kritik fertig. Das war schon sehr bizarr damals. Der „Razzie“ ist gar keine Trophäe, sondern bloß ein Objekt aus Ton, übermalt mit Goldfarbe. Und es gibt davon auch nicht sieben, sondern nur eins. Sie überreichten mir also das Teil, nahmen es mir wieder weg und baten mich danach noch einmal auf die Bühne, um es mir erneut in die Hand zu drücken. Ich fühlte mich ein bisschen wie Jesus: Wenn sie dir auf die linke Wange schlagen, halte ihnen auch die rechte hin.

Sie wissen, dass die Berlinale einen Ruf als politisches Filmfestival hat?
Tatsächlich? Ich persönlich bin ja der Meinung, dass man Kino und Politik nicht vermischen sollte. Wenn Kunst politisch wird, fügt sie sich meist einer Botschaft. Kino als Plattform für Themen ist aber selten Kunst. Ein Urteil über einen Film sollte sich nicht von politischen Positionen abhängig machen. Ich würde sogar sagen, dass gute Filme sich gar keiner vorherrschenden Moral unterwerfen sollten. Jetzt bin ich mal gespannt, welchen Einfluss meine Ansicht über die Trennung von Kunst und Politik auf das Urteil der Berlinale-Jury haben wird.

Würden Sie Ihren Science-Fiction-Film „Starship Troopers“ von 1997 als politisch bezeichnen?
Das ganz sicher, aber er ist kein Thesenfilm. Er enthält sich einer moralischen Wertung. Den Rest muss jeder mit sich selbst vereinbaren. „Starship Troopers“ zeigt junge, schöne Menschen im Krieg, deren Auftreten einige Zuschauer möglicherweise an junge schöne Faschisten erinnern könnte. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen politisches Kino. Filme, die mit politischen Themen spielen, sind wichtig. Aber Kino, das sich zum Instrument der Politik machen lässt, halte ich für unglaubwürdig. Niemand hat die Wahrheit gepachtet, die Welt verändert sich ständig. Jede Geschichte hat zwei Seiten – selbst der IS.

Die Abwesenheit einer gesellschaftlichen Moral ist ein wiederkehrendes Thema in Ihren holländischen wie auch in Ihren amerikanischen Filmen. In Cannes sagten Sie über „Elle“, dass keine amerikanische Schauspielerin in einem so amoralischen Film mitspielen würde. Wie würden Sie den Mentalitätsunterschied zwischen Amerika und Europa beschreiben?
Ich habe das damals gesagt, weil „Elle“ ursprünglich in den USA gedreht werden sollte. Aber keine amerikanische Schauspielerin wollte die Hauptrolle übernehmen, wohingegen ich in Frankreich überhaupt keine Probleme mit dem Drehbuch hatte. Isabelle und ich mussten uns vorab auch nicht über die Moral und Motive ihrer Figur verständigen, nie haben wir über Psychologie gesprochen. Ein Film wie „Elle“ wird in den nächsten Jahren in den USA wahrscheinlich noch schwieriger zu realisieren sein. Viele unbequeme Stimmen werden schon jetzt unterdrückt, sehen Sie sich nur mal die Diskussionen um das Thema Abtreibung an. In Amerika herrschte schon immer diese christlich-motivierte Agenda vor. Ich meine, der Präsident schwört seinen Amtseid auf die Bibel.

Sie gingen Mitte der achtziger Jahre nach Hollywood, weil Ihre gesellschaftskritischen, durchaus kontroversen Filme im liberalen Holland nicht mehr finanziert wurden. Fühlen Sie sich in Europa heute wieder besser verstanden als in den USA?
Einerseits ja. Aber „Elle“ bekam auch in den USA sehr viele positive Kritiken und sogar Preise. Es gibt also einen – zugegeben kleinen – Kreis von Menschen, die mit dem Film und seiner, wie Sie es nennen, Abwesenheit von Moral etwas anfangen können. Im Prinzip stimme ich Ihnen allerdings zu. Ich pendele seit einigen Jahren wieder öfter zwischen Europa und Amerika.

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