Spätwerk des Meisters. In den sechziger Jahren plante Walter Gropius das Bauhaus-Archiv für Berlin, 1979 wurde es eröffnet. Foto: akg Foto: akg/Bildarchiv Monheim
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Bauhaus-Archiv Tief gestapelt, hoch gebaut

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Ein Klassiker: Vor 50 Jahren wurde das Berliner Bauhaus-Archiv gegründet. Eigentlich war ein Erweiterungsbau geplant.

Der Bau duckt sich weg. Seit am Landwehrkanal immer mehr pseudomoderne Wohnarchitektur in den Himmel wächst, scheint das Bauhaus-Archiv zu schrumpfen. Dabei könnte es das stolzeste Gebäude am Platz sein: An guten Tagen hat es 900 Besucher, die genauer wissen wollen, was für eine einmalige ästhetische Bewegung das Bauhaus in Weimar und später in Dessau war. Touristen vor allem, die etwa Marcel Breuers Stahlrohrstühle nur von Abbildungen kennen und sie nun im Original sehen wollen. Damit kann Direktorin Annemarie Jaeggi gerade noch dienen. Mit einer Dauerausstellung, die das weltweite Wirken der Kunstschule annähernd abbilden würde, leider nicht.

In den vier Hallen im Erdgeschoss befindet sich nur eine Kostprobe. Ein Ausschnitt jener reichen Sammlung an Gemälden und Skulpturen von Oskar Schlemmer, László Moholy-Nagy, Paul Klee oder Lyonel Feiniger, die das Archiv inzwischen besitzt. Es beherbergt die international wichtigste Kollektion zur Kunst der Bauhaus-Meister und ihrer Schüler, 2000 Wissenschaftler melden sich jährlich an, um mit der umfangreichen Bibliothek zu arbeiten. Doch das noch von Walter Gropius in den sechziger Jahren geplante Gebäude war schon zur Eröffnung 1979 zu klein.

„Der Bauhaus-Gründer hatte es anfangs für seinen eigenen Nachlass konzipiert und ging erst dann bei ehemaligen Kollegen sammeln“, erzählt Annemarie Jaeggi. Wer nicht freiwillig geben wollte, den habe der willensstarke Mann schnell von der Wichtigkeit eines beständigen Archivs überzeugt. Ihre Gaben gesellten sich zu jenen Dokumenten, die Gropius nach der Schließung des Bauhauses 1933 in die USA gerettet hatte: Protokolle der Meistersitzungen, Arbeitsproben von Schülern und Geschenke, die das Kollegium dem Chef zm Geburtstag machte. Darunter eine Mappe mit einem Zeitungsmotiv, das alle Professoren in Kopie bekamen und dann in ihrem eigenen Stil überarbeiteten. Jaeggi wird sie heute, am „Tag der offenen Tür“ des Bauhaus-Archivs, zeigen: Jeweils 15 Besucher dürfen in die Bibliothek zur „Director’s Choice“, wo selten gesehene Stücke ausliegen. Zum Ansehen und Anfassen – aber nur für den, der die weißen, bereitgelegten Stoffhandschuhe überstreift.

Danach wandert die Mappe zurück ins Depot, das ähnlich überfüllt ist wie die Büros. „Wir wissen nicht mehr, wo wir unsere Mitarbeiter noch stapeln sollen“, stöhnt Annemarie Jaeggi. Manche Schreibtische werden von mehreren Mitarbeitern genutzt; Praktikanten nimmt das Haus schon lange nicht mehr – weil es keinen Platz für sie gibt. „Kurz vor dem Notstand“, beschreibt die Direktorin die Lage zum 50-jährigen Jubiläum der Archivgründung und will es trotzem heute mit allen Besuchern feiern.

War zum runden Geburtstag nicht eigentlich der Erweiterungsbau geplant? Annemarie Jaeggi nickt bitter. Vor gut sieben Jahren gab es erste Pläne für ein Bürogebäude auf einem Teil des Grundstücks, das an einen Privatinvestor verkauft werden sollte. Mit den Einnahmen hätte man die vom Architekturbüro Sanaa geplante unterirdische Erweiterung zum Teil finanzieren können.

Die japanischen Architekten, inzwischen Träger des Pritzker-Preises für herausragende Architektur, hatten 2006 den Wettbewerb gewonnen und gleich einen fragilen, gläsernen Turm für den Investor mitentworfen. „Wenn wir uns schon ein Haus vor die Nase stellen lassen, dann wenigstens ein gutes“, meint Annemarie Jaeggi, die das Projekt damals befürwortete. Heute ist sie froh darüber, dass es versandete. „Es war eine typische Public-private-Partnership-Idee jener Zeit.“ Inzwischen wisse man ja, dass solche Partnerschaften nicht immer gut ausgingen.

Noch steht das visionäre Projekt auf der Website des Hauses. Unter dem Stichwort „Zukunft des Gebäudes“ zeigt sich der prämierte Entwurf und lässt ahnen, wie gut das filigrane Bürohaus von Sanaa zum Archiv gepasst hätte – als architektonische Erweiterung. Dann müsste sich die viel gerühmte Institution nicht noch tiefer in die Erde graben, sondern wäre endlich weithin sichtbar gewesen.

Die Hoffnung bleibt. Auch wenn die finanziellen Aussichten wenig rosig sind. Die Klimaanlage wurde kürzlich erneuert; das Land Berlin finanziert überwiegend die Arbeit des Hauses. „Ansonsten haben wir einen Null-Etat“, erklärt Annemarie Jaeggi. Für jede Ausstellung, jeden Katalog sowie für die Werbung und Ankäufe muss sie selbst das Geld besorgen. Einiges finanziert sich über die Eintrittsgelder. Anderes bringen die Gönner des Bauhaus-Archivs zusammen, das ursprünglich als privater Verein gegründet wurde und heute über 700 Mitglieder zählt – von denen viele im Ausland leben.

Ähnlich wie die Touristen, die in Scharen kommen und denen Annemarie Jaeggi immer wieder auf den Fluren zum Büro begegnet. Weil sie nicht glauben wollen, dass die Dauerausstellung im Erdgeschoss alles ist, was das Bauhaus-Archiv zum Thema zu bieten hat und im ersten Stock nach der Fortsetzung suchen. Jaeggi könnte ihnen viel mehr zeigen: Über 8000 Blätter umfasst die grafische Sammlung, knapp 5000 Abzüge das Fotoarchiv, außerdem zahlreiche Objekte aus den Werkstätten. Ob sie die Schätze in naher Zukunft adäquat präsentieren kann, weiß sie nicht und nimmt die Ungewissheit mit Humor: „Das Bauhaus war immer klamm und brauchte Geld. Vielleicht ist das unser Erbe.“

Das Bauhaus-Archiv (Klingelhöfer Str. 14) feiert heute von 10 bis 19 Uhr den 50. Geburtstag seiner Gründung. Aus diesem Anlass gibt es den ganzen Tag Programm bei freiem Eintritt.

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