Das Gedächtnis der Mauern. Berliner Fassaden erzählen aus einem langen Jahrhundert. Foto: Jens Ziehe/Photographie/VG Bild-Kunst, Bonn, 2017
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Ausstellung über Berlins Fassaden Die Narben der Stadt

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Kriegsspuren: Die Bildhauerin Asta Gröting zeigt in einer Ausstellung im Kindl in Neukölln Abgüsse von Berliner Fassaden, deren historische Substanz langsam verschwindet.

Der Anhalter Bahnhof liegt auf dem Boden. Zumindest ein Stück davon. Das Gebilde ist hellgrau, man sieht Mauerfugen, Säulendekor und Dreck. Es sieht aus wie eine zu groß gewordene Haut. Die Skulptur ist Teil der Ausstellung „Berlin Fassaden“, die derzeit im Kindl in Neukölln zu sehen ist. Die Berliner Bildhauerin Asta Gröting hat in ihrem jüngsten Projekt Silikonabformungen von Berliner Fassaden angefertigt. Und zwar von solchen, die noch Einschusslöcher aus dem Zweiten Weltkrieg aufweisen. Sechzehn Stück hat sie im Ausstellungsraum versammelt. Und es ist erstaunlich, wie sie aussehen.

Manche sind grau, andere weiß, andere dunkelbraun und faserig wie Filz. Manche zeigen die Struktur von Ziegelmauern, andere tragen Spuren von Putz und Zement. Streicht man Silikon auf eine Mauer und nimmt die getrocknete Masse nach ein paar Stunden wieder ab, bildet das Material alle Details naturgetreu ab. Sandsteinpartikel, Ziegelsteinreste, Moos, Dreck und Staub genauso wie Spuren von Graffiti.

Gröting will wahrnehmbar machen, was nicht sichtbar ist

Die Löcher im Mauerwerk wölben sich im Negativdruck nach außen, mal zementgrau, mal rostbraun. Manche Mauerfragmente sind regelrecht durchsiebt, andere weisen große grobe Einschläge auf. Zuordnen kann man die Mauerabdrücke kaum, da hilft ein Blick in den Ausstellungskatalog: zu sehen sind etwa der Martin-Gropius-Bau, eine Säule im Georgenfriedhof, das Naturkundemuseum und, besonders prominent, der Abguss eines Mausoleums im Dorotheenstädtischen Friedhof. Vermutlich zerschossen bei der Eroberung der Berliner Mitte durch die Rote Armee 1945.

Wie sieht ein Loch von innen aus? Das wollte Gröting wissen. Seit gut 30 Jahren beschäftigt sich die Wahlberlinerin damit, Dinge wahrnehmbar zu machen, die man nicht sehen kann. Es fing mit dem Verdauungssystem an. 1990 goss Gröting die inneren Organe eines Hais in Glas ab. Später arbeitete sie mit Bauchrednern, die mithilfe von Puppen den nervigen Dialog mit ihrer plappernden, Schuldsprüche ausstoßenden inneren Stimme nach außen trugen. Oder sie formte den Raum zwischen zwei Liebenden beim Sex in Latex ab. Unaussprechliches wird in eine Form gebracht, das ist Grötings künstlerische Strategie, auch beim Thema Krieg.

Geschichte überlagert sich

Die Ausstellung hätte auch „Grade noch“ heißen können, sagt Asta Gröting. Einige Tage vor der Eröffnung der Schau, lagern die Abformungen noch in ihrem Atelier, einer großen hohen Halle mit Oberlicht in den Weddinger Uferhallen. „Vor einem Jahr habe ich angefangen, diese grade noch sichtbaren Löcher abzuformen“, sagt die Künstlerin. Sie hat die Spuren der Vergangenheit in letzter Sekunde gesichert. Viele im Krieg beschädigte Fassaden sind inzwischen ausgebessert worden. Die letzten öffentlichen Gebäude, die noch Narben tragen, stehen kurz vor der Renovierung, wie das Naturkundemuseum in der Invalidenstraße. Das Haus der Sophiengemeinde in der Großen Hamburger Straße wurde inzwischen vom Schmutz befreit, die Einschussstellen sind aber noch sichtbar.

Das Gebäude der Sophiengemeinde war die erste Fassade, die Gröting abgenommen hat. Das Haus wurde 1901 erbaut, es hat das Kaiserreich, Weimarer Republik, zwei Weltkriege, DDR- und Nachwendezeit in sich gespeichert. Der Abdruck ist braun, der Staub der Straße deutlich sichtbar, einige dunklere Schattierungen zeugen von Graffiti. Geschichte überlagert sich. Dass die Silikonabformung alles so deutlich zutage fördern würde, hat selbst Gröting überrascht. „Berlin Fassaden“ ist vor allem ein konzeptionelles Werk.

Was die Fassaden tatsächlich preisgeben, war nicht planbar. Nun ist es, als würden die Mauern ihre Geschichten herausschreien.

Der Wunsch nach Glätte

Das Wort Fassade kommt von Gesicht, Facies auf Latein, Face im Englischen. „Genau wie Gesichter Narben, Pocken und Verletzungen aufweisen, haben auch Fassaden solche Stellen. Die Strategie der Städte ist, diese Narben wegzuradieren. Menschen möchten alles glatt haben. Dabei finde ich glatte Gesichter und glatte Fassaden todlangweilig“, erklärt Gröting.

Glatt ist in ihrer Ausstellung eigentlich nichts. Nur ein Abguss fällt aus der Reihe. Es ist eine rosa Haut, die nur ein paar Falten und Hügel aufweist, aber kaum Staub und Schmutz. Sie stammt von der großen Schale im Lustgarten vor dem Alten Museum. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. hat das große Schmuckstück 1826 in Auftrag gegeben. Die Schale wurde damals in aufwändiger Handarbeit aus einem einzigen Stück rotem Granit geschlagen. Reparieren kann man sie kaum. Würde man versuchen, die Löcher im blankpolierten Gestein auszubessern, kämen sie noch mehr zum Vorschein.

„Die Löcher starren zurück, direkt in die Löcher meiner eigenen Seele“, schreibt die Autorin Deborah Levy im Katalog zu Asta Grötings Schau. Das macht diese Umstülpungen so faszinierend: Wir schauen uns aus dem Innern der Fassade selbst ins Gesicht.

Kindl - Zentrum für zeitgenössische Kunst, Am Sudhaus 3, Neukölln. Bis 3.12., Mi-So 12-18 Uhr.

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