„Braunes Meer mit Möwen“ von Max Beckmann (1941) Foto: Grisebach / VG Bildkunst, Bonn 2017
p

Auktionen bei Grisebach Stürmische Zeiten

Angela Hohmann
0 Kommentare

Rekorde prägen die Herbstauktionen von Grisebach, es gingen aber auch Bilder zurück - zum Beispiel von Max Liebermann.

Ein gestrandetes Holzschiff, umtost von Wellen mit weißer Gischt, liegt verlassen am Strand. Möwen haben es erobert. Andere liegen im Sand. Ein zerschlissenes gelbes Segel flattert im Wind. In dunklem Blaugrau zeichnet sich der ferne Horizont ab. Der Pinselstrich ist so bewegt wie die Szenerie. „Braunes Meer mit Möwen“ von Max Beckmann stammt aus dem Jahr 1941. Entstanden ist das kraftvolle Gemälde in der Zeit von Beckmanns Exil in den Niederlanden.

Ein Weltrekord für Ernst Wilhelm Nay

Mit einem Schätzwert von 1,2–1,5 Millionen Euro war es das Spitzenlos der diesjährigen Herbstauktionen bei Grisebach. In der Abendauktion mit „Ausgewählten Werken“ wurde das Bild nach kurzem Schlagabtausch mehrerer Interessenten für 1,2 Mio Euro versteigert (alles Zuschlagspreise). Die „Chromatischen Scheiben“ von Ernst Wilhelm Nay aus dem Jahr 1960, die Grisebach vor sechs Jahren schon einmal für 750 000 Euro an eine Schweizer Privatsammlung verkaufen konnte, erzielten diesmal noch 50 000 Euro mehr (Schätzpreis: 800 000– 1 200000 Euro) – und damit einen Weltrekord für Nay. Eine weitere Überraschung war das ausdrucksstarke Bildnis Helene Weigels von Rudolf Schlichter aus dem Jahr 1928. Für 480 000 Euro wechselte es weit über dem oberen Schätzwert den Besitzer, ein neuer Weltrekord für Schlichter-Werke. Den Zuschlag erhielt der Berliner Kunsthändler Wolfgang Wittrock.

Einige andere Werke übertrumpften ebenfalls die Schätzung, darunter die „Composition abstraite“ (1952) von Serge Poliakoff mit 240 000 Euro (obere Taxe: 200 000 Euro) und „Ganigam“ von Emil Schumacher in kräftigem Ultramarinblau aus dem Jahr 1975 mit 350 000 Euro (obere Taxe: 240 000 Euro). Bei dem Frauenbildnis von Lotte Laserstein aus dem Jahr 1925 entwickelte sich das hitzigste Bietergefecht des Abends, bis bei 140 000 Euro der Hammer beim Doppelten des oberen Schätzwerts fiel.

Florian Illies: "Der Geschmack verändert sich"

Etliche andere hochpreisige Lose blieben allerdings liegen. Von 52 Werken konnten nur 30 versteigert werden, insgesamt wurden in der Abendauktion 6,5 Millionen Euro erzielt. Das lag erheblich unter dem mittleren Schätzwert von zehn Millionen Euro. „Der Geschmack verändert sich, das ist ein natürlicher Prozess im Auktionsgeschäft“, erklärt Florian Illies, einer der geschäftsführenden Gesellschafter des Berliner Auktionshauses. „Unter den Sammlern vollzieht sich ein Generationswechsel. Dadurch steigt das Interesse an zeitgenössischer Kunst. Aber auch im Bereich der klassischen Moderne erleben wir eine Verschiebung vom Impressionismus zu den zwanziger Jahren.“

Tatsächlich wechselte von den sieben Werken Max Liebermanns nur das Gartenbild mit Enkelin und Kinderfrau aus dem Jahr 1923 für 380 000 Euro den Besitzer. Alexej von Jawlenskis farbenfroher Halbakt geht ebenso wie Gabriele Münters expressives Gemälde vom Staffelsee in den Nachverkauf.

Um die Postkarten von Franz Marc stritten sich die Liebhaber

Die gemischte Stimmung angesichts der Rückgänge wurde ein wenig von der Sonderauktion „Small is Beautiful“ im Anschluss an die Abendauktion ausgeglichen. Von den kleinformatigen Werken fanden unter anderem drei wunderbare Postkarten mit Tiermotiven, die Franz Marc 1913 für seinen Künstlerfreund Erich Heckel schuf, neue Besitzer. Mit einem Schätzwert zwischen 100 000 und 200 000 Euro waren sie jeweils taxiert. „Rotes und gelbes Reh“ erzielte dann 260 000 Euro und „Zwei gelbe Tiere“ stolze 420 000 Euro. „Damit konnten wir einen Weltrekord für Postkarten des deutschen Expressionismus verzeichnen“, freut sich Illies und fügt hinzu: „Außergewöhnliche Dinge erzielen außergewöhnliche Preise.“

Das galt auch für die Versteigerung von Schmuckstücken und Tafelsilber aus dem Nachlass des berühmten Goldschmieds Emil Lettré, der in den zwanziger Jahre die feine Gesellschaft Berlins ausstattete. Es gab reges Interesse unter den Bietern. So kam ein auf 400–600 Euro taxiertes Paar guillochierter Manschettenknöpfe aus Gelbgold für 10 000 Euro unter den Hammer. Das wunderschöne Schachspiel mit weißen und roten Elfenbeinfiguren, das Man Ray 1964 für seine Frau Juliet anfertigte, hat dagegen erst im Nachverkauf eine zweite Chance.

Elf Bieter für eine Zeichnung von Philipp Otto Runge

Sehr erfolgreich verlief die Auktion der Kunst aus dem 19. Jahrhundert. Mit einem Gesamtergebnis von 1,15 Millionen Euro lag sie über dem oberen Schätzwert. Auch in dieser Auktion wurde mit einer seltenen Porträtzeichnung von Philipp Otto Runge aus dem Jahr 1799 ein Weltrekord für den Maler erzielt: Elf Bieter trieben den Preis weit über die Taxe (60 000–80 000 Euro), bis bei 280 000 Euro der Hammer fiel.

In der Fotografie-Auktion wurden die „Foxgloves“ (1926) von Edward Steichen für 62 000 Euro versteigert. Die Fotografie einer Collage von Ludwig Mies van der Rohe für den nicht realisierten Entwurf eines Bank- und Bürogebäudes in Stuttgart aus dem Jahr 1928 fand für 33 000 Euro weit über dem oberen Schätzwert einen neuen Besitzer.

Insgesamt konnte in den ersten beiden Auktionstagen mit elf Millionen Euro der erwartete Umsatz von rund 14,5, Millionen Euro (mittlerer Schätzwert) noch nicht ganz erzielt werden. Florian Illies zeigt sich dennoch gelassen: „Wir sind zuversichtlich, dass wir das mit der Versteigerung der zeitgenössischen Kunst ausgleichen können. Bisher hat das Gemälde von Beckmann den höchsten Umsatz der Herbstauktionen erzielt, vielleicht überholt unser Nagelbild von Günther Uecker es noch.“

Grisebach, Fasanenstr. 27, Herbstauktionen noch an diesem Sonnabend, 11 Uhr und 15 Uhr: Third Floor

Zur Startseite